Das Stadtgespräch heute auf 99drei ist eine wirklich gute Idee gewesen. Aber wie das so eben ist bei Talkshows, sie bestehen aus Talk. Manchmal auch aus Talg, aber das ist eine andere Geschichte.
Natürlich, der Vorfall ist schlimm, grausam, schrecklich, unbegreiflich und noch eine ganze Menge mehr. Aber das wusste ich auch vor der einen Stunde Radio. Und dass jeder der im Studio anwesenden sein Bedauern zum Ausdruck bringt, ist richtig und wichtig. Aber wenn’s kaum darüber hinaus geht, läuft irgendwas schief. Lösungsansätze hab ich kaum gehört, alle wünschen sich ein weltoffenes, gegen rechts aufstehendes Mittweida, aber wie das gehen soll - naja, das sehen wir dann schon. Der Weg ist das Ziel? Abgedroschen, passt aber grad so gut.
Natürlich, mit einer Stunde Diskussion auf 99drei wird Mittweida das Rechtenproblem nicht plötzlich los. Aber ein bisschen mehr konkrete Ansätze hätte ich mir gewünscht.
Einen Ansatz gab es, und zwar den Vorschlag, Jugendstrafrecht in solch schlimmen Fällen nur noch im Ausnahmefall anzuwenden. Überhaupt wird viel auf der Jusitz gesetzt, eine schnelle Verurteilung von Tom W. und eine Anklage der Pannen, die vor dem Chemnitzer Amtsgericht passiert sind. Ich muss da Markus Eick vom Bündnis gegen Gewalt zustimmen, Verurteilungen sind wichtig, auch als Erziehungsmaßnahme und nicht als bloße Abschreckung. Aber soll’s das gewesen sein? Er war jedenfalls der einzige, der auf die Hörerfrage nach konkreten Vorschlägen geantwortet hat, und zwar genau mit dem Satz, das Verurteilungen eben wichtig seien.
Ich meine: Niemand hat auch nur ansatzweise eine Ahnung, wie man dem Problem wirklich begegnen könnte. Klar, Zivilcourage, 17.000 Einwohner gegen 50 Nazis, Jugendarbeit, lokaler Aktionsplan und so. Irgendwie kommt mir das alles aber vor, als würde man mit einer einzigen stumpfen Stecknadel versuchen einen Heißluftballon zu zerstechen. Ich will jetzt hier gar nicht so tun, als hätte ich die Weißheit mit den berühmten Löffeln gefressen und könne aus dem Stand sagen, so und so und so muss es gemacht werden. Was ich aber sagen kann: Mittweida (oder Mügeln oder Dresden Gorbitz oder Berlin Lichtenberg) hat kein Problem mit 50 Rechten. Denen ist meiner Meinung nach eh nicht mehr zu helfen, da helfen nur noch die viel zitierten Sack und Knüppel. Mittweida (oder Mügeln oder Dresden Gorbitz oder Berlin Lichtenberg) hat ein Problem mit gelangweilten Jugendlichen, die in der Schule in der achten Klasse zum ersten Mal wirklich was über Hitler lernen, die sich damit abgefunden haben, genau wie ihre Eltern durchs Rost zu fallen, die im Fernsehen die Pannenshow sehen, die merken, wie egal sie ihren Lehrern/Eltern/Nachbarn sind und die niemand in der Lage ist, aufzufangen. Außer die NPD und ihre Schlägertrupps. Denn die wissen im Gegensatz zu politischen Dampfplauderern leider wirklich, was eben diese gelangweilten Jugendlichen beschäftigt. Was sie sich wünschen, wie sie reden.
So. Nun bin ich mit Sicherheit nicht die erste, die das so sieht. Aber warum zum Teufel sehe ich nicht auch Konsequenzen? Ich will gar nicht erst mit dem Stammtisch-Gelaber von geschlossenen Jugendclubs und gekürzten Gelder im Kulturbereich anfangen, auch wenn diese Argumente freilich zur Diskussion gehören und richtig sind. Viel mehr habe ich gar nicht das Gefühl, dass die Leute, die Verantwortung haben, die Verbindung herstellen zwischen gelangweilten Jugendlichen und späteren Nazis. Sie tun es offiziell, natürlich. Aber wie sie handeln, das entspricht nicht unbedingt dieser Erkenntnis. Da werden Brandherde gelöscht anstatt vorher das Feuerholz zu wässern. Und im gleichen Atemzug von Prävention gesprochen.
Also, gibt es Lösungen? Oder finden wir uns in ein paar Jahren mit national befreiten Zonen ab, um die wir einen echten antifaschistischen Schutzwall errichten, um das Problem auszuklammern? Dieses Szenario ist meiner Meinung nach nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, betrachtet man die real existierenden Ausklammerungstaktiken.
Um zum Schluss vom Allgemeinen noch mal auf Mittweida und die heutige 99drei-Talkrunde zurückzukommen: Es geht nicht, sich als Verantwortlicher hinzustellen, und zu sagen, man wolle lieber über die Hochschule als über Nazis reden. Ich weiß, ich tue jetzt hier jemandem verdammt unrecht, denn so wurde es nicht gesagt, viel mehr in den Kontext gestellt, dass das Nazi-Gespräch wichtig sei, das Mittweida aber auch seine guten Seiten habe, die Hochschule zum Beispiel. An der Aussage ist nichts falsch. Die Mitteilung zum 99drei-Gespräch ging aber zum Beispiel auch raus an die BILD Chemnitz. Und die machen sich für gewöhnlich nicht die Mühe, Aussagen in Kontexte zu stellen.
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