Mediales

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KloKlowände können nichts dafür, aber immer wenn ich von ihnen lese, hab ich das Gefühl mir die Augen auswaschen zu müssen. Für Leute, die das Internet noch “anmachen”, sind sie die perfekte Metapher für das, was in diesem Internet so passiert. Manche von ihnen stellen so traurig ernsthafte Journalistenfragen wie “Sind Blogs die ‘Klowände des Internets?’”, manche glauben, sie seien kreativ, wenn sie einen drei Jahre alten Vergleich frisch anstreichen. So wie Zeit Online-Redakteur Jens Uehlecke, der über Twitter schreibt:

Das ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen.

Der Text geht weiter, wie Texte mit Klowänden-Metaphern eben weiter gehen: Ein paar lieblose Beispiele, journalistisch halbjerzig legitimiert durch den Einschub eines flotten “meist”, begründen eine polemische Meinung, die zunächst moralisch aufgebläht wird durch die Worte “Qualitätskontrolle” und “Mindeststandards”, nur um dann in einem erneut furios gezeichneten Klowand-Bild zu enden:

Spätestens in Momenten wie diesem hofft man, dass endlich jemand ein Online-Pendant zu Scheuermilch erfindet, um das Netz von dem Geschmiere zu befreien.

Eigentlich alles nicht der Rede wert, wenn man es schafft, sich nicht darüber zu wundern, dass es diese Leute tatsächlich noch gibt, die verzweifelt genug sind, zur Klowände-Metapher zu greifen.

Dass jedoch ein Text, der  Schmach über Twitter bringen soll, via Twitter beworben wird, ist, im Schwarzen betrachtet, humorvoll. Und ein Ausdruck von Hilflosigkeit: Was anfangen, mit diesem Twitter, diesem “nächsten Megahype”? Irgendwie muss man da ja dabeisein, wenn man ein “Online” im Namen hat. Und irgendwie hat das ja auch irgendwas mit Transparenz zu tun, dieses Twitter. Und wenn dann plötzlich jemand in der Redaktion seine fehlende Medienkompetenz breitschmieren (sic!) muss, dann muss man wenigstens so medienkompetent sein, dass transparent zu machen. Ein Dilemma.

Mit beunruhigender Zustimmung reagierten Intendanten und Senderchefs auf den Auftritt Marcel Reich-Ranickis bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Wie unnötig das anbiedernde Gesprächsangebot an Reich-Ranickis war, zeigt die Ausstrahlung von “Aus gegebenem Anlass”.

Es ist nicht neu, dass im Fernsehen großartig schlechte Sendungen gezeigt werden. Das finden auch die, die das Fernsehen machen. Regisseure , Autoren und Sender-Chefs erzählen sich oft gegenseitig davon, wie gerne sie besseres Fernsehen machen würde, wöllte es jemand sehen. Dass ZDF-Intendant Markus Schächter Reich-Ranickis donnernde Kritik auf das deutsche Fernsehen eine “Sternstunde” nannte, ist also symptomatisch. Dass er sich das Morgengrauen direkt in sein Abendprogramm holte, ist peinlich.

Was ein fruchtbarer Disput zwischen Qualität und Quote werden sollte, wurde ein fades Stück Fernsehen. Reich-Ranickis bekräftigte, dass er das ganze Programm “abscheulich scheußlich”, “schlecht und übel” finde und richtete an “die Intendanten” den präzisen Tipp, sich künftig mehr Mühe zu geben. Eine reife Leistung, für einen Mann der selbst so gut wie kein Fernsehen sieht. Weil es so nur logisch ist, dass er keine Ahnung hat, dauerte es auch nicht lange, bis Dürrenmatt, Schiller und Shakespeare die Debatte bestimmten. Eine Debatte über deutsches Fernsehen, dass sich in Echt um Models, Bauern und Superstars dreht.

Thomas Gottschalk wollte mal Deutschlehrer werden und freut sich jetzt wie ein Schuljunge darüber “Du” zu Reich-Ranicki sagen zu dürfen, allein: Er konnte die Sendung nicht vernünftig leiten. In seinen wenigen lichten Momenten sagte er Atze Schröder in 100 Jahren Shakespeare-Status voraus und stellte fest: “Heute gilt im Fernsehen der Erfolg.”  Reich-Ranicki winkte ab, hatte ansonsten aber Verständnis dafür, dass Gottschalk manchmal Herrenwitze machen muss.

Eigentlich war man sich schnell einig: Im Fernsehen läuft mit Ausnahme von “Wettern, dass…?” großer Mist, bei den privaten Sendern ist alles noch viel schlimmer und ein Buch sowieso das beste. Reich-Ranickis aber meinte, da müsse sich doch auch im Fernsehen noch was machen lassen, mit Qualität, Geist und Brecht. Gottschalk wettete dagegen und sah ein: “Ich selber bin genauso wenig wie du abendfüllend.”

Am Ende eine Sendung, die vom Fernsehen über Literatur bis hin zur Gestapo in die Breite ging, aber keine Minute tiefer war als ein trüber Ententeich. Reich-Ranicki gab sich geistreich wie eine grantelnder alter Mann mit Sinn für Eigen-PR, Gottschalk verkörperte die Unfähigkeit seiner Intendanten, das häufig zu Recht kritisierte Fernsehen zu verteidigen - oder besser zu machen. Da hätten sich die Schächters, Raffs und Schäferkordts lieber zusammen mit Reich-Ranickis vor die Kamera gesetzt und schweigend gelesen. Dürrenmatt vielleicht. Oder Brecht.

Halbleer?

Ich weiß nicht genau, was solche Texte bewirken sollen. Sicher, sie sind größtenteils aus Agenturmaterial zusammengeschrieben, unterscheiden sich kaum und haben vorranig informierenden Charakter - bis hierhin alles super wie immer. Während die AFP-Meldung noch die einigermaßen wertfreie Überschrift “Jobchancen in Deutschland stark von der Bildung abhängig” trägt, schlagen die meisten Berichte zum Thema in die Bresche, in die auch die FTD schlägt: “Schlechter Schulabschluss: Kaum Jobchancen” überschreibt die ihren Text. Gut ist wie immer auch Spiegel Online: “Deutsche Hauptschüler haben extrem schlechte Jobchancen” liest man dort und am Ende noch eine nette Verknüpfung zur Spiegel-Online-Interpretation zu den Chemnitzer Hartz-IV-Forschern. Mag sein, dass mein Grundzynismus bei Themen wie diesen (wenn ich in den Nachrichten auf einem Privatfernsehkanal einen schön geschminkten Beitrag sehe über eine bereits am ersten Tag äußerst gelungene Resozialisierungsmaßnahme eines jugendlichen Drogenhändlers, der trotz geschmissener Hauptschule und dreimonatigem Aufenhalt in einer Straf-WG eine Lehrstelle in einem aufopferungsvollen Schreinereibetreib im Nordosten Brandeburgs sowie einen gemütlich-schwäbelnden Bewährungshelfer bekommen hat und ich schlechte Stammtisch-Laune bekomme, weil ich es ungerecht finde, dass der Grundbetrag beim BaföG zum Wintersemester 08/09 um bedeutsame 46 Euro angehoben wird, mir die in militärischer Geschwindigkeit sächselnde Dame beim BaföG-Amt jedoch keineswegs beim Ausfüllen des dadurch um gefühlte 43 Seiten angewachsenen Antrags hilft - dann kann man das allgemeinhin als zynisch bezeichnen), jedenfalls: dieser Zynismus könnte mir im Wege stehen, wenn ich mich zu einem Urteil über obe erwähnte Beiträge aufschwinge und sage: Ist es nicht wenigstens auch ein bisschen gut, dass die Jobchancen in Deutschland vor allem und stärker als in manch anderem EU-Land von der Bildung abhängen?

Wenn in Deutschland vor allem gut ausgebildete Leute eingestellt werden, spricht das doch für die Qualität/Seriosität/den Ehrgeiz der Arbeitgeber hierzulande, oder nicht? Das kann ich jetzt leider nicht so ohne weiteres beweisen, aber so ein bisschen reicht in dem Falle auch mal das Gefühl aus, finde ich. Der Kausalzusammenhang zwischen Ausbildung und Job könnte, wenn man wöllte, auch konstruktive Kräfte freisetzen: Wer viel lernt, verdient viel. Oder, wie die Ösis wissen (bei denen übrigens nicht nur die produzierte Anzahl der kreativen Selbstmordmethoden höher ist als in Deutschland sondern eben auch das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner) : “Gute Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit”. (Das weiß auch die ZEIT, aber die ist sowieso häufig ein bisschen klüger als die anderen und deswegen nicht der Rede wert). Das wäre doch mal eine Meldung! Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll, der “Deutsche Traum” lebt: vom Grünflächenamtsaushilfsgärtner zum Telekom-Chef-Ablöser (aktuell stehen die Chancen dafür ja auch mal abgesehen von der Bildung nicht so schlecht) - durch das nachgeholte Abitur plus Bachelor-Kurzstudium mit achtwöchigem Aufenthalt in Singapur. Bei 46 Euro mehr BaföG ab Herbst ist das schon drin, nehm ich an. Anstatt solche Erfolgsgeschichten zu erzäheln und damit eine, nun ja, durchaus nicht komplett unbegründete postitive Stimmung zu erzeugen, schielen Spiegel Online, heute.de, FTD and much more neidisch zu unseren Partnern in der EU:

Anders als in den meisten EU-Staaten gibt es in Griechenland, Luxemburg und Portugal eine nur minimale Abhängigkeit der Jobchancen vom Bildungsniveau: Der Abstand betrug nur etwa einen Prozentpunkt. (heute.de)

Griechenland, die einstige Wiege der Philosophie, die heute als Oase der Köche und Kellner zu 70 Prozent vom Tourismus lebt (wo man im Allgemeinen bekanntlich nicht so unglaublich viel Geld verdienen kann). Griechenland, das sich durch die Bemühungen seines kleinen Nachbarns Mazedonien, in EU und NATO zu kommen, an den Eiern des früh und längst verstorbenen Alexanders (Colin Pahrell zählt nun wirklich nicht) gepackt fühlt und kindisch heulend “Skopje, das Wort heißt Skopje!” aus der Piss-Ecke der politischen Diplomatie ruft. Griechenland, das den meisten Deutschen nur im Dunstkreis von Ouzo, Gyros und Sirtaki ein Begriff ist - dieses Griechenland hat plätzlich Glück, landet in einer Studie irgendwie vorn und ist auf einmal Vorbild. Oder Protugal, das seine Arbeitslosenquote knapp unter EU-Schnittt drücken konnte, weil es einen Haufen Schwarzarbeiter statistisch als Arbeitnehmer führt - eine Praxis, die in Entwicklungsländern ganz normal, in den Industrienationen aus nicht von der Hand zu weisenden Gründen jedoch einigermaßen verpönt ist. Von Luxemburg, das zwar eigentlich ein echtes Musterland ist, allerdings noch von einem Großherzog regiert wird und mit seinem Bankensektor, der 40 Prozent der nationalen Wertschöpfung ausmacht, neulich nur haarscharf am Liechtenstein-Syndrom vorbeigeschrammt ist, will ich gar nicht erst anfangen.

Mein Wangen fühlen sich sehr heiß an inzwischen und irgendwie hab ich auch den Faden verloren. Das Gute an einem Blog ist allerdigns, dass ich, um dieses Faden-Problem zu beheben, nicht etwa das Geschriebene nochmal sorgfältig durchgehen, abwandeln und besser machen muss, sondern mit meiner verplanten Polemik kokettieren kann - auch ohne echtes Ende.

PS: Vielleicht wirkt sich das sogar positiv auf die Kommentar-Dichte aus, dann kann ich hinterher behaupten, es wäre ein bereits nach einmaliger Durchführung äußerst gelungenens Experiment zum Interaktionsverhalten von Lesern digitaler Medien gewesen.

PPS: Möglicherweise habe ich dem Text mit einer fein durchdachten Formulierung im PS sogar noch eine verflixt clevere Pointe gegeben.

Der ist heute schon sehr früh gefallen, in einem Leserbrief, abgedruckt in der Sächsischen Zeitung.

“Eine Stadt am Fluss hat Brücken, die sind dort ganz normal.”

Hat mich sehr erheitert, in seiner Schlichtheit.

Ein echtes Kleinod findet sich heute im gedruckten SPIEGEL. Das liegt nicht am SPIEGEL, sondern an Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts ist und den ich ja mag. Er lobt die Agenda 2010 und warnt davor, die Reformen nicht fortzusetzen. Er sagt, die Absenkung des deutschen Mindestlohns unter Schröder habe Deutschland, „den kranken Mann Europas“, ein bisschen gesünder gemacht. Auf Nachfrage erklärt er, natürlich habe es schon damals einen flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland gegeben:

“Lohnersatzleistungen, von der Sozialhilfe über die Arbeitslosenhilfe bis zur Frührente, wirken wie Mindestlohn. Die Gelder fließen, wenn man nicht arbeitet, und sie versiegen, wenn man es tut.“

Er spricht davon, dass der aktuelle Aufschwung ein guter ist, weil er erstmals seit 1970 die westdeutsche Sockelarbeitslosigkeit nicht um 800.000 Personen angehoben, sondern um 300.000 gesunken hat. Er sagt:

„Besser schlechte Jobs als keine Jobs. Die Armutsgefährdung in Deutschland ist dadurch wieder zurückgegangen und die statistische Mittelschicht wurde gestärkt.“

Der SPIEGEL fragt dumm-polemisch nach, mit Verweis auf den Armutsbericht. Daraufhin muss sich ein sogenanntes Leitmedium dieses Landes erklären lassen, dass dieser Bericht auf Zahlen aus dem Jahr 2005 beruht. Weit vor dem Aufschwung, das Jahr mit der höchsten Arbeitslosigkeit in der Geschichte der Bundesrepublik.

Hans-Werner Sinn sagt, das Outsourcing betriebswirtschaftlich die perfekte Lösung, volkswirtschaftlich nah an einer Katastrophe ist. Er sagt aber auch, dass es das Beste war, einen Niedriglohnsektor zu schaffen, Löhne staatlich aufzustocken. Und auf die Frage, ob es eine Utopie sei, dass alle Menschen allein von ihrer Hände Arbeit leben könnten, sagt er dann noch:

„Leider ist das in vielen Fällen so. Ansonsten musste man die Firmen zwingen, auch solche Menschen zu beschäftigen, die ihnen weniger bringen, als sie kosten. Das Großexperiment dazu haben wir auf deutschem Boden bereits gemacht.“

Jetzt habe ich fast ein bisschen feuchte Augen.

Mit Interesse habe ich gestern die Diskussion auf Stefan Niggemeiers Blog zur Wahl des neuen sächsischen Ministerpräsidenten und das, was verschiedene Medien daraus gemacht haben, verfolgt. Dieser Beitrag ist sehr empfehlenswert, reflektiert er doch das Geschehene, sucht nach Gründen und Automechanismen, die es nicht geben sollte, die aber wohl Tatsache sind. Stefan beschäftigt sich hier vor allem mit dem Online-Journalismus, waren doch die Zeitungen von heute noch gar nicht erschienen. Als ich diese jedoch heute morgen aufschlug, war ich erschrocken, was den Beobachtungen noch anzufügen ist.

Obwohl sich einige Online-Medien für ihre vorschnelle Skandalisierung der Wahl Tillichs bereits gestern Nachmittag entschuldigten, obwohl jedem Journalisten, auch wenn er sich nicht mit der sächsischen Landespolitik auskennt (mal ganz abgesehen davon, dass das der Fall sein sollte, wenn er einen größeren Bericht dazu schreibt) inzwischen die Vorgänge klar sein sollten und obwohl der Printjournalismus gegenüber dem Onlinejournalismus die Zeit in deraritigen Fällen ausnahmsweise mal auf seiner Seite hat, kamen zwei große deutsche Tageszeitungen heute nicht drumrum, nochmal an der Skandal-Schraube zu drehen. “Verwirrung bei Abstimmung über NPD-Kandidaten” schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihre Subheadline, um dann im Text zu behaupten:

“Fragen warf auch das Stimmergebnis des NPD-Abgeordneten Johannes Müller auf, der gegen Tillich kandidiert hat.”

Aha, Fragen also. Warum man die Fragen erwähnen muss, wenn Süddeutsche die Antwort bereits kennt, bleibt die Autorin schuldig, schreibt aber wahrheitsgemäß im übernächsten Satz:

“Sein [Müllers] Ergbenis lässt sich jedoch durch Zuspruch aus dem Umfeld der Frakion erklären: Zu Beginn der Legislaturpersiode hatten die Rechtsradikalen zwölf Repräsentanten im Parlament, drei von ihnen verließen die Fraktion, einer wurde ausgeschlossen.”

Dreister noch ist nur die Berliner Zeitung: Die skandalisiert einfach mal den Nicht-Skandal und titelt: “Zum Skandal hat es nicht gereicht.” Ach, was? Und in der Unterzeile heißt es bedeutungsschwer: “Bei der Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten stimmte nicht nur die NPD-Fraktion für ihren Kanditaten” Ich bin geschockt! Natürlich wissen es auch die Kollegen der Berliner Zeitung besser, aber es tut ja nichts, in der Headline erstmal ein bisschen Leser zu verwirren locken, um dann im Text aufzuklären, nicht ohne jedoch, einen verschwörerischen Unterton beizubehalten:

“Zwar votierten zusätzlich zu den acht NPD-Parlamentariern noch drei weitere Abgeordnete für Müller. Bei Milbradts Wahl im Herbst 2004 hatte die NPD nur ein Plus von zwei Stimmen.”

Wie jetzt, der Nicht-Skandal heute ist also noch größer als der Skandal von 2004? Das ist ja ein ganz neuer Aspekt!

“Die Stimmen von gestern aber könnten auch von den drei der im Verlauf der Legislaturperiode aus der NPD-Fraktion ausgeschiedenen Parlamentarier stammen.”

Ja, das könnte sein. Vier ehemalige NPDler sind es im Übrigen.

Sehr viel unaufgeregter geht die Lokalpresse mit dem Thema um, sogar das Boulevard-Blatt Dresdner Morgenpost titelt locker: “Ministerpräsident Tillich: Im ersten Wahlgang hat’s geklappt” und setzt mit einem Kommentar sogar noch einen auf die Entskandalisierung drauf: “Geräuschloser Wechsel” ist dieser überschrieben. Wenn das bis hier noch nicht gereicht hat, um einzusehen, dass Berliner Zeitung und Süddeutsche nicht den geringsten Grund hatten, den Nicht-Skandal noch einmal so prominent zu erwähnen, dann jetzt dieser Beweis: Die sonst jederzeit nach NPD-Eklats lechzende linke Zeitung Neues Deutschland widmet dem Nicht-Skandal genau einen Satz:

“Der von der achtköpfigen NPD-Fraktion aufgestellte Bewerber Johannes Müller erhielt elf Stimmen, wobei dem Landtag auch vier Ex-NDPler angehören.”

Den Nagel auf den Kopf allerdings trifft die Freie Presse, wenn sie kommentiert:

“Auch vor dem Hintergrund solch schlimmer Erfahrungen ging der Landtag gestern souverän mit den Spekulationen um, wer dem NPD-Zählkandidaten Müller diesmal zu drei zusätzlichen Stimmen verholfen und welcher Parlamentarier aus der Koalition nicht für Tillich votiert hat.”

Genau: souverän. Und selbst letztere Frage, die die politisch viel wichtigere ist, ist eigentlich nicht wirklich ein Thema. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass auch in der Staatskanzlei gestern den ganzen Tag nicht ein einziges Mal Aufruhr herrschte wegen dem Stimmergebniss. Es wurde in den kurzen Zusammenfassungen der Wahl und in Gesprächen oftmals noch nicht einmal erwähnt. Weil es kaum wichtig ist. Für die, die in diesem Land Politik machen. Angesichts dessen sei die Frage gestattet, wie weit die Medien schon von dieser Polititk in ihrem Lechzen nach dem nächsten Skandal weg sind. Antwort: Eigentlich gar nicht so weit, sie müssten nur die Fachleute fragen. In diesem Fall die Lokaljournalisten.

Aber als ich heute morgen die Zeitungen durchsah, musste ich schon schmunzeln. Das war wieder so ein Fall. Aber von Beginn an.

Hier ein paar Auszüge aus den Schlagzeilen:

“Affäre ‘Sachsensumpf’: Von der Hysterie zur heißen Luft” |”Ausgetrocknet:Das Ende des Sachsensumpfes irritiert nur die Skandalanheizer” (Freie Presse)

“Sachsen ohne Sumpf” | “‘Nur Verschwörungstheorie’” (Dresdner Neueste Nachrichten)

“Doch kein ‘Sachsen-Sumpf’” (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

“Von wegen Rotlicht-Affäre” (Die Welt)

“Kein Sumpf, nirgends” | “Wie ein Sumpf versandet” (Frankfurter Rundschau)

“Die Staatsanwälte erkennen keinen Sumpf” (Neues Deutschland)

“‘Sachsen-Sumpf’ gesucht und nicht gefunden” (Lausitzer Rundschau)

Alles Headlines über Berichten und Kommentaren vom 30. April 2008. Und jetzt eine Headline, zu finden in der NOVUM vom 6. Juni 2007:

“Der verfrühte Skandal. Wie Medien sich an Spekulationen aufreiben und
damit einer wirklichen Empörung vorausgreifen”

Wer das ganze in voller Pracht sehen will, öffne dieses PDF und scrolle zu Seite 3.

Irgendwann muss man sich ja auch mal gut finden.

Ich verstehe nicht allzu viel von Religion und Kirche und so, bin weder getauft noch konformiert und weiß gerade noch so, dass Jesus wohl Zimmermann war. Aber man kann sich bei dem ganzen katholischen Schaulaufen zu Ostern und anderen passenden Tagen zumindest dem gesellschaftlichen Diskussionen nicht entziehen. Das war auch damals so, als der alte Josef plötzlich Benedikt hieß. Damals hat er von Ökumene und so geredet. Heute hält er Messen in Latein, mag kritische Bibelforscher so gar nicht und, naja, mit den Juden und Moslems ist er irgendwie auch nicht besonders dicke. Die evangelische Kriche hält er übrigens nicht für eine Kriche im eigentlichen Sinne. Und das bekräftigt er auch noch regelmäßig!

Das alles beschäftigt mich nur aus Narzissmus: Damals, als Bild jubelte und Marktl am Inn von Paparazzi (was’n Wortwitz) bevölkert wurde, waren meine Wort in etwa die Folgenden:

“Jetzt jubeln sie noch. Wer aber seinen Großinquisitor zum Papst macht, wird bald merken, was er davon hat”

Der alte Josef war vor seinem päpstlichen Dasein Vorsitzender der Kongregation für Glaubenslehre. Früher hieß die mal “Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis” und passt auch heute noch drauf auf, dass die Schäfchen nicht vom rechten Wege abweichen und dass sich kein schwarzes unter die Herde mischt. Heute heulen sie rum, alle die, die damals über den Trabbi vom Papst berichtet haben. Ich finde, man sollte mich öfter vorher fragen.

Manchmal reicht es nicht, nur die Überschrift zu lesen. Die Ortsangabe sollte es dann schon noch sein:

Deutscher Brückenbaupreis 2008 geht nach Berlin und Weil am Rhein

Dresden (dpa) -

Das reicht dann aber, ums witzig zu finden. Sollte das wider Erwarten nicht der Fall sein, hier die ganze Nachricht.

Urkomischer Abgesang auf die Herren (meistens sind es ja Herren) Journalisten, die sich im Feuilleton in fünfzeiligen Sätzen mit möglichst vielen Fremd- und Lehnwörtern (man beachte die Verwendung des Wortes “Wörtern” anstatt des Wortes “Worten”) mit gesellschafts- und zeitgeschichtlichen Phänomenen auseinander setzen.


Link: sevenload.com

[via]

Räuspern.

Offener Brief an die Redaktion vom ZDF Heute Journal, zu Händen Marietta Slomka

Liebe Frau Slomka!

Warum räuspern Sie sich immer?

Ich sehe das Heute Journal quasi täglich, meistens als Podcast und da fällt es besonders auf, weil ich zurückspulen kann: Immer, wenn Ihr Kollege Heinz Wolf die Nachrichten verliest, räuspern Sie sich. Gestern war es ganz schlimm, da haben Sie sich in kurzen Abständen zweimal deutlich hörbar geräuspert. Wissen Sie nicht, dass das schlecht für Ihre Stimme ist?

Ich frage mich, wie dieses regelmäßige Räuspern zu Stande kommt. Ist es im Studio technisch nicht möglich, Ihr Mirkofon abzuschalten, während Heinz Wolf spricht oder räuspern Sie sich einfach nur so lautstark, dass das auch von seinem Mikrofon erfasst wird?

Ist das vielleicht ein Marketing-Gag? Soll dieses Räuspern eine so professionelle Sendung wie das Heute Journal etwas menschlicher machen?

Ich kann es mir einfach nicht erklären! Bitte helfen Sie mir!

Mit besten Grüßen

Denise Peikert
Regelmäßige Zuschauerin

Na nu…

… die taz ist ja plötzlich so ganz und gar nicht verschrubbelt und vorhersehbar.

Zwei Beispiele: dieser Artikel passt zwar natürlich perfekt in die aufgeheizte Diskussion, aber populäre Themen aufzugreifen allein, naja, dass muss man den Medien ja noch nicht vorwerfen, wie oft es von irgendwelchen Pseudo-Weltverbesserern und Hyperintellektuellen getan wird. Zurück zum Artikel: Der passt zwar auch perfekt in die taz, natürlich, ist aber sehr erfrischend. Sicher, er dreht eigentlich nur den Spieß um, weißt auf das, worauf in den Feuilletons momentan alle Gutmenschen empört hinweise, aber er tut es aggressiver.

“[...] die einen Schuldirektor i. R. als “Scheißdeutschen” beschimpften. Ich kann mir eigentlich keine treffendere Bezeichnung für so eine bayrische Respektsperson denken. Und dass sie ihn zusammenschlugen, ist zwar eine bedauerliche Entgleisung, aber erstens haben sie damit allen Rauchern aus der Seele getreten, die nun permanent von selbsternannten Rauchverbotswächtern angepisst werden, und zweitens werden doch umgekehrt andauernd ausländisch aussehende Jugendliche von Kerndeutschen als Scheißausländer beschimpft, sogar zusammengeschlagen, angezündet, von postfaschistischen Polizisten an die Wand gestellt oder sonst wie mies behandelt.”

Bumm, so mag ich das! Mal abgesehen davon, dass man der Aussage bei Weitem nicht in all Ihren Konsequenzen (Auge um Auge, Zahn um Zahn; Beleidigungen sind aufgrund lächerlicher Verärgerungen und persönlicher Ressentiments gerechtfertigt) zustimmen muss, so ist dass rhetorisch betrachtet mit das Beste, was ich zu diesem Thema gehört/gelesen habe. Das lässt die Alarmglocken in allen deutschen Bevölkerungsschichten klingeln: Der Studienrat fühlt sich persönlich angegriffen, die Moralisten finden es unsanständig, gefährliche Köperverletzung auch noch mit einer abstrusen Ablehnung des Nichtrauchergesetzes zu rechtfertigen und die Stammtischnazis, naja, die hören solche Aussagen eh überall raus und winken ab: Ausländerficker, elender!

Zweites Beispiel: Dieser Artikel zu DJTomekks Hitlergruß. Nazis? - Geht gar nicht! Unglaublich komisch diese Passage:

“Details sind leider nicht überliefert, und die taz hat auch keinen Reporter in Australien, weder außerhalb des Camps (bloß jetzt nicht schreiben: Lager), auch nicht innerhalb dieses, nun ja doch, Lagers der versammeltsten Art (um auf alle Fälle das Wort ‘konzentriert’ zu meiden). Nun sind etliche Schlüsse aus diesem Entertainmentskandal, und sei er nur ein sogenannter, zu ziehen.”

Ja, das darf man witzig findet, ungeachtet dessen, wie man DJTomekk und seinen Hitlergruß findet. In einem Land, in der sich Leute Überschriften wie “Kriminelle junge Männer auf Heimfahrt” wünschen und die betäubte Masse zustimmt, da gehen Hitlergrüße von möglicherweise betrunkenen, vielleicht aber auch nur sinnfrei ausgelassenen polnischen Jugendlichen aus Berlin im Urlaub gar nicht. Logisch. Da muss man schon Maß halten. Komisch finde ich aber immer noch, dass dann ausgerechnet die taz solche Artikel auspackt. Aber, der Status Quo kann aufatmen: Den Leser interessiert es eh nicht. Ein Blick in die Kommentar zeigt eine Mischung aus Empörung, die der einer in Ohnmacht fallenden Frau in einem Historienfilm gleicht:

Ich finde es vollkommen richtig, dass jemand nach einem Hitlergruß gehen muss. Gerade in der Taz ein Plädoyer für solche völlig unangebrachten “Scherze” zu finden, irritiert mich gerade ziemlich.

Und natürlich darf auch der intellektuelle GEZ-Zahler nicht fehlen:

Ich wusste gar nicht, dass die TAZ das Bildungsfernsehen RTL und ihre trashige-debile Dschungelsenung anschaut!

Willkommen in der Verdummungsfalle der Massenmedien;-)

Letzerer hat nichts begriffen, außer, dass man öffentlich-rechtlich sieht und satirische Rhetorik gewinnt. Nur schlägt die in Wahrheit glücklicherweise keinen einzigen klugen Gedanken.

Da warnt aber jemand, der echt Ahnung zu haben scheint!

Ist das nicht nett!

Bei Pressemitteilung Webservice kann man Pressemitteilungen online stellen, kostenlos. Alle dürfen das, auch dieser User hier. Nett, oder? Seit 2 Tagen und 22 Stunden macht das Drecksportal nichts dagegen.

StudiVZ und Kanibalen

Es ist wieder in aller Munde: StudiVZ. Er macht der Märtyrer, für ihn ist das eh ein Pflichtthema und sowieso geht ein Aufschrei durch das virtuelle Deutschland. Erinnert mich ein bisschen an früher. Der, der in präpubertären Gruppen als Erster zugegeben hat, zu masturbieren, musste sich Ihs und Ohs gefallen lassen. Obwohl die Dichte dieser Schande ja nun wirklich undiskutabel ist.

Also, waht’s fact? Das Internet ist ein Arschloch. Und nicht erst sein StudiVZ. Spammails, Eintragung in Newsletter, nur weil man einmal dumm genug war, sich von einem möglichen iPhone-Gewinn umwickeln zu lassen - das ist alles ganz zauselig-gruselig. Kein Grund natürlich, die Sache mit StudiVZ nicht auch schlimm zu finden, das wäre ja dann wie bei den ganzen Krisenherde, wo man Bombenexplosion einfach nicht mehr schlimm findet, weil sie so häufig sind. Wenn es doch so schlimm wäre, das mit StudiVZ. Man kann ja personalisierte und den Weiterverkauf von Daten und alles schlimm finden, aber hey, lest doch die AGB erstmal richtig, bevor ihr rumheult:

Ich nehme zur Kenntnis, dass ich die Möglichkeit habe, der vorstehenden
Einwilligung in die Verarbeitung personenbezogener Daten jederzeit mit Wirkung
für die Zukunft ganz oder teilweise gegenüber studiVZ zu widersprechen. Der
Widerspruch ist per E-Mail zu richten an widerruf@studivz.net oder an: studiVZ
Limited, Saarbrücker Straße 38 in 10405 Berlin.

Nun ist das die Hintertür, man kann das ganze nur Abschalten, wo es eigentlich so sein müsste, dass man das Anschalten muss und die Sache mit der Email oder der Post ist nicht die feine Englische, ohne Frage wäre ein einfaches Klicken cooler gewesen. Aber: Kanibalen fressen kleine Kinder.

Das StudiVZ jetzt natürlich zurückrudert, ist verflucht heuchlerisch. Klar verkaufen die die scheiß Daten trotzdem. Wovon wollen die sonst leben? Wie will Holtzbrink seine Millionen sonst wieder reinkriegen? Nicht, dass ich Mitleid hätte, aber so ist es nun mal.

Was’n Ding!

So kann’s, gehen liebe Freunde! Uns so sehe ich auch noch lange nicht schwarz für Print. Es lebe das massenhaft individualisierte Event Zeitung/Zeitschrift!

Sinnlos…

Täusch ich mich oder ist das schon lange bekannt? Und auch, wenn ich die Antwort kenne: Warum jetzt so ein Gewese? Selbst abartige Post vom Ober-Polemiker Franz Josef Wagner bleibt Anne Will nicht erspart. Sinnlos…

Hab heute, 16. November, um 10:32 eine Pressemitteilung erhalten, die auf den 13. November datiert ist und ein Ereignis abhandelt, das vom 24.-29. September stattfand. Preisfrage: Von wem stammt die Pressemitteilung?

Ich weiß gar nicht, was dran ist an Stauffenberg. Er war Antidemokrat, hasste die Weimarer Republik, träumte von der Wiederherstellung eines “wahren deutschen Reiches”, sah sich selbst als legitimer Nachfolger des mittelalterlichen Stauferkaisers Friedrich II. von Hohenstaufen und akzeptierte Hilter als die übergeordnete Instanz im Deutschen Reich.

Es lag in der langen Tradition der Familie Stauffenberg, den Dienst am Vaterland über alles zu stellen - auch über das eigene Leben.

Das steht bei heute.de und dort tut man so, als wäre das was Gutes, obwohl diese Blut und Eisen-Rhetorik das Allerletzte ist. “Den Dienst am Vaterland” - solange Deutschland im Zweiten Weltkrieg siegreich war, schien das Deutsche Reich nicht in Gefahr zu sein. Mit den ersten Niederlagen dann kam Stauffenberg die Idee, mal was gegen Hitler zu unternehmen, bevor sein Vaterland den Bach runtergeht. Hinterher sieht es so aus, als wären Stauffenberg und Co. das deutsche Gewissen gewesen, als hätten sie nicht jahrelang zugesehen, wie ihr Führer abseits des ehrenvollen Schlachtfeldes Menschen umbringt.

Die Bundeswehr ist Stauffenberg besonders verpflichtet, denn er gehört zu unserer Tradition des Widerstandes. Die Männer des 20. Juli haben vorgelebt, wann Verantwortung, Ehre und Gewissen der militärischen Führer Grenzen des Gehorsams weisen.

Sagt Verteidigungsminister Jung. Der hat zwar eh ein Rad ab, aber mal ehrlich: Fällt das niemandem auf? Muss man unvoreingenommen über den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr für Stauffenberg berichten? Stauffenberg und seine Vaterlands-Scheiße ist super, aber Autobahnen gehen gar nicht. Willkommen im Vaterland der Heuchelei.

Achso, bevor ich von den Autobahn-Rhetorikern als Nazi bezeichnet werde: Natürlich hätte der Zweck im Falle des 20. Juli 1944 die Mittel geheiligt. Aber es hat ja noch nicht mal funktioniert.

Und: Viel mutiger als Stauffenberg, der ja eh gern sein Leben gelassen hat fürs Vaterland, sind all die anderen gewesen. Die ehren wir dann an deren Geburtstagen, nicht wahr?

Gerade einen Teas auf einen Film namens “Free Rainer” beim heute-journal gesehen, eine Satire auf das so called Unterschichten-Fernsehen. Zum Schluss des Beitrags wirft Moritz Bleibtreu einen Fernseher vom Dach und die Sprecherin meint, es reiche ja doch aber auch, das richtige Programm einzuschalten. Claus Kleber moderiert ab mit den Worten, “Ihr Fernseher kann stehen bleiben, er ist ja richtig eingestellt.” Dabei grinst er sein schiefes Grinsen. Fast schon ironisch diese aus der Röhre (ja, aus der Röhre, ihr Technik-Nerds!) quillende Selbstbeweihräucherung. Deswegen irgendwie sympathisch.

Die Medienforum-Beiträge gibt’s ab sofort auf sevenload.de. Nicht alle, aber ein paar, der Rest kommt wohl noch. Und wessen Vortrag haben die Medienforums-Leute als erstes auf ihrem Blog eingebaut? Richtig, Oliver Gehrs’. Brav. ;)

Andere Frage: Die Rechte daran, mussten die im Nachhinein von jedem einzelnen Referenten erfragt werden oder tritt man mit seinem Vortrag auf einem derartigen Forum automatisch die Nutzungsrechte an seinem Gesagtem ab?

… ist nicht nur, was Medien so den ganzen Tag verzapfen, sondern vielmehr, dass sie es anscheinend auch noch besser wissen. Was freilich Wissen ohne Konsequenzen ist. Gesehen bei zapp.

Eklige Dampflauderer

Also ich bezahle ja gerne für Sachen, die was wert sind, momentan noch nicht für allzu viele, schließlich bin ich Student. Für Fußball würde ich gerne zahlen, hübsch übertragenen Live-Fußball. In Deutschland wird es da wohl in absehbarer Zeit nur Premiere geben. Das, was die heute auf Sat1 aber geliefert haben, war zum Abgewöhnen. Ich will gar nicht von den Kommentatoren anfangen, die sind eh alle schlecht, wissen wir, spätestens seit der letzten WM und spätestens wenn wir eine schöne Radio-Live-Reportage einschalten. Aber die Dampfplauderei um Premiere-”Experten” Matthias Sammer ging ja gar nicht. 30 Sekunden Redezeit, nur um zu zeigen, das dem VfB der Rhythmus fehlt. Das es hier gar nicht um das Spiel geht sondern um… na den Rhythmus, ihr wisst schon, den Rhythmus! Den Rest wiederzugeben spar ich mir, ich hab dann, um das zu umgehen, um die Spiele rum irgendwas mit Herzinfarkten im RBB gesehen. Premiere ging heute gar nicht. Ginge erst recht nicht für Geld.

Wie schon erwähnt, ich hatte ja Kopfschmerzen, ziemlich derbe gar. Nun saß ich da, im erhitzenden Scheinwerferlicht und dachte, dass ich eigentlich lieber im Kissen ruhen würde. Nützt alles nüscht, konnte das ja unmöglich verpassen.

Schleppender Start. Moderator Holger Hank mit einiger Euphorie und Wortgewandtheit gab sein bestes, aber irgendwie wollte die Diskussion nicht in Gang kommen. Na klar, dass hier war eine Diskussion um die New Economy, das es verdammt wirtschaftlich wird, hätte ich mir denken können. Aber muss man sich deswegen vor einem Haufen, allenfalls mit gefährlichem Halbwissen gewappneter Studenten, in Ausführungen darüber verlieren, wieviel Venture Capital von damals jetzt noch da ist und wie und wo es vermutlich investiert wird? Horst Müller gab dann - glücklicherweise nicht zum letzten Mal an diesem Abend - den Erklärbär, und so erfuhren wir nicht nur zu meiner Erleichterung, was Venture Capital eigentlich ist. Das geklärt, konnte es endlich losgehen. Werbung ist scheiße, keiner braucht Werbung, Werbung stört alle, Werber sind Pisser von Rainer Meyer auf der einen; wie soll sich das Internet ohne Werbung finanzieren?, das kostet doch auch alles was, und personalisierte Werbung ist besser als bloße Störfeuerwerbung von Marc Schwieger und Nico Lumma auf der anderen Seite. (Alle Diskutierenden und ihr Tun hier.) Die Werbefaschisten gegen die personalisierte Antifa. Und dazwischen der Erzkonservative Müller, der immer mal ein bisschen journalistischen Anspruch und Ansätze einer Qualitätsdiskussion in den Raum warf. Ein sehr nett anzuschauende Demonstration, was die Gladiatoren so drauf haben, in der Arena. Lumma rannte gleich mal mit seinem Stuhl auf die andere Seite des Podiums, um Meyers “die da drüben” abzuwürgen, schien sich dann aber doch thematisch mehr dem Tchibo-Mann Schwieger zugeneigt, denn er ging wieder zurück. Dieses kleine Stuhl-zur-Schau-tragen der Höhepunkt der Diskussion, war es doch symptomatisch. Die Fronten eh verhärtet, ging es vornehmlich darum, Argumente, die man kennt, kennt man den Krieg, besonders explosiv zu platzieren. An der Heeresspitze Lumma und Meyer. Der eine kaute gelassen Kaugummi, während er die Herrlichkeit des Geldes als Antrieb für alle Mechanismen im Web2.0 lobte, der andere sezierte mit einem sehr höflich-seriösen Auftreten und einer derben Sprache alle Argumente logisch und mit dem Rückenwind des Publikums. Ein bisschen schmierig wirkten beide. Der eine, weil er Werber ist und Werber nun mal schmierig sind, der andere, weil er zu sehr den Gutmenschen gab. Vielleicht als Abgrenzung vom grimmig-bösen Don Alphonso, vielleicht aus missionarischem Eifer. Das ist auch völlig egal, denn ich schweife ab.

Neben den Glanzfiguren des Abends blieb der Rest blass, was man schade finden kann oder auch nicht. So ist es immer. Gewürzt haben Evsan mit seinem “Ich bin der Techniker und hab keine Ahnung vom Geschäft, aber Videos sind toll!”-Gerede, Schwieger mit Anekdoten aus seinem Familienleben und Müller mit den präzise vorgebrachten Nachfragen und dem Hochhalten der journalistischen Flagge die Sache allemal. Aber da ist es nunmal wie mit dem Salz - weniger ist mehr.

Das Ende habe ich verpasst, denn neben dem Medienforum ging das Leben in Mittweida nunmal weiter und um 18.30 Uhr eine Ausschusssitzung los. Im inhaltlichen Sinne verpasst habe ich sicher nicht allzu viel, wie schon gesagt: Das Panel war wie ein politisches Gipfel-Treffen. Die wirklich wichtigen Dinge werden schon im Vorfeld geklärt, die Positionen sind klar - es geht nur noch um das wie. Und vielleicht um ein zwei neue Denkanstöße.

Insgesamt dennoch auch ein positives Bild von diesem Abend. Kommentar zur Organisation spar ich mir, das wurde schon genug getan. Außerdem: Wir alle wissen, was Earned Media ist.

Diesen Vortrag musste ich mir mit meinem Inneren hart erkämpfen. Doch lieber Lückerath und DWDL? Letzlich siegte der vermeintliche Underdog Jan Schmidt, Vorträge im Studio B hatte ich zu dem Zeitpunkt ja schon genug gehört und weitere vor.

Mit drei Mythen der Blogosphäre wollte Schmidt aufräumen: Der Blogger ist übergewichtig und trägt Dreitagebart, Weblogs machen jeden zum Journalisten und 99 Prozent aller Weblogs sind Müll. Sehr nett vorbereitete Powerpointpräsentation, die in wissenschaftlicher Korrektheit abarbeitete und die Mythen zu widerlegen versuchte: 66 Prozent aller Blogger sind laut einer Zufallsstichprobe, die in den Long Tail sticht, weiblich. Der Mythos jedoch entsteht, da die Autoren der “Top-Blogs” nur zu 25 Prozent weiblich seien. Überhaupt war der Vortrag sehr von Zahlen geprägt - zu erwarten bei einem Wissenschaftler. Überhaupt: Seine Nüchternheit tat gut. So behandelte er unaufgeregt das Thema Blogger vs. Journalisten und erklärte mir zum ersten Mal wirklich gut, das Blogs überhaupt keine Relevanz haben müssen und auch nicht wollen. Natürlich, das wusste ich, auch die Sache, dass Blogs nun mal vorrangig private Relevanz haben - er meinte, dass sie genau deswegen auch gar nicht an öffentlicher Relevanz gemessen werden müssen.

Insgesamt ein solider Vortrag mit ein paar neuen Denkanstößen und vielen wissenschaftlichen Untermauerungen schon bestehenden Wissens. Auch nett: Die nach kurzer Diskussion entstandene Antwort darauf, warum wir denn diesen verdammten Long Tail ernstnehmen müssen, warum Blogs was “Gutes sind”. Schmidt lächelnd: Für ihn als Wissenschaftler ein interessantes Phänomen der Kommunikation und gesellschaftlich eine soziale Veränderung hin zu öffentlich-privater Kommunikation. Irgendwie kryptisch, aber irgendwie nett befriedigend.

“Die beim Spiegel, können ja gar nicht schlecht sein, bei den 300 Mitarbeitern oder wie viel die haben.”

“Die Zeit ist irgendwie auch scientologisch.”

“Am Ende ist es ja egal, welche Zeitung man liest, unter der Absetzung von Merkel machen es die ja alle nicht.”

Kollegen-Bashing der ganz feinen Art - eine perfekte Zusammenfassung für den Vortrag von DUMMY-Gründer Oliver Gehrs. Ich wünschte mir, ich hätte ein paar Pointen aufgeschrieben, dann könnte ich hier mehr davon wiedergeben. Fest steht: Der Vortrag war ganz ganz großes Kino und mein persönlicher Höhepunkt des Medienforums.

Gehrs ist ein verdammt witziger Zeitgenosse, er hört sich zwar mit Sicherheit gern reden und zieht mit Vorliebe seine One-Man-Show ab, dafür aber ist es eine ganz hervorragende.

Das Thema seines Vortrags war eigentlich sein DUMMY. Darüber hat er auch ein bisschen was erzählt, nutzte das allerdings später nur als Katalysator, um alle abzuwatschen - von FAZ bis taz ein Rundumschlag durch die deutschen “Qualitätsmedien”. Beeindruckender Weise hatte er kein wirkliches Konzept - was die Sache aber umso durchdachter wirken ließ. Er selbst wusste das natürlich genau, und versuchte das zu seinem Vorteil zu deuten, betonte immer wieder: “Ich hab ja keine so ne Powerpoint-Präsentation”. So wie all die anderen Deppen, hätte man anfügen können.

Gehrs ist ein verdammter Klischeewälzer. Die Deutschen würden immer grüner, aber nicht so mit Vollbar, Jesuslatschen und Reformhaus. Mehr so mit veganem Essen aber schicker Frisur. Aber, und auch das ist ein Klischee: In Berlin habe man den Eindruck, dass ganz Deutschland Röhrenjeans trüge und diese komischen Tücher, die plötzlich in sind.

Das stimme nicht - und damit komme ich zu der Aussage, die Gehrs ganzen Vortrag durchzog, die beste insgesamt war, keine neue zwar, aber mit soviel Witz und Inbrunst vorgetragen, dass es mir beinah so vor kam: Die Gesellschaft splittere sich auf, es gibt nicht mehr die eine Bewegung, die unser ganzes Land oder Europa oder die Welt erfasse. Deswegen seien Formate wie DUMMY oder Monopol die zukunftsweisenden. Und zwar weil sie nur 40.000 bis 50.000 Exemplare Auflage hätte - und nicht trotz.

Gehrs hat Recht und trotzdem muss ich jetzt mal einen Satz sagen, von dem ich nie dachte, dass ich ihn jemals sagen würde, so schlimm ist er eigentlich: Deutschland und vorallem die deutschen Mainstream-Medien sind noch nicht reif für diese Erkenntnis. Schluchz. Ich befürchte fast, sie werden es nie sein, zumindest nicht solange, wie ich lebe. Uns weiter erzählen, alle mögen Dieter Bohlen und alle finden Diäten-Erhöhung scheiße. Einfach weil sie nicht begreifen, das Auflage und Quoten und so (”und so” und “irgendwie so” sind im Übrigen Gehrs Lieblingsfloskeln) nicht wirklich wichtig sind.

Um von meinem missionarischen Amen-Gelaber mal wieder auf dem Vortrag zurückzukommen: Ich wette, Gehrs hat ein paar DUMMY-Abonnementen mehr bekommen hier in Mittweida. Den minutenlangen Applaus gab’s obendrauf.

Schade, dass Christiane Sommers Beitrag zum Erfolgskonzept brand eins heute ausfiel, das finde sicher nicht nur ich. Was war denn da los? Ich hab gehört, sie sei krank gewesen.

Schade, dass es die Mediennacht-Karten nicht ohne After-Show-Party zu kaufen gibt. Ich hätte mir Latente Talente wirklich gern angesehen, allein schon wegen des Bloggens und Redens darüber. Aber sechs Euro für eine bloße Übertragung? In unbequeme Hörsäle? Bitte!

Schade, dass ich unheimliche Kopfschmerzen habe. Mein zusätzliches Augenflimmern heute morgen sagt mir, dass ich nun wohl auch im Kreis der Migräne-Erkrankten aufgenommen wurde, na vielen Dank. Da müssen meine Reviews leider noch warten. Aber sie kommen, bestimmt. Zum köstlichen Oliver Gehrs, zum korrekten Jan Schmidt und zum zweiten Panel zur New Economy 2.0. Sie kommen. Gestern hab ich ja gelernt, dass das Internet nicht unbedingt schnell sein muss, sondern das eher ein selbstauferlegter Fluch ist. Na da. Freu ich mich auf mein weiches Kissen.

Ich dachte, ich komme um diesen Post drumrum, denn auch wenn manchmal der Eindruck entstehen sollte: Eigentlich mag ich es nicht, mich an etwas abzuarbeiten oder gar mich an einzelnen Personen hochzuziehen. Aber umso länger die erste Podiumsdiskussion des Medienforums heute gedauert hat, um so sicherer war ich mir, dass ich diesen Post genauso schreiben muss. Um zu verarbeiten was ich sah. Es brennt mir förmlich in den Fingern.

Ich fange von vorn an, macht man ja eigentlich nicht, aber nur so ist das, was ich zu sagen habe, nachvollziehbar. Es geht um das Panel zum Thema “Wieviel ist Content noch wert?”, hoch interessant in Zeiten von Bürgerjournalismus und Grabenkämpfen zwischen Bloggern und Journalisten. Moderiert wurde das Ganze von Inge Seibel-Müller, wer im einzelnen mitdiskutierte und was die alle für Jobs haben, kann man hier nachlesen. Den Beginn markierte eine minutenlange Einführungsrede von Seibel-Müller, bei der ich spätestens nach dem fünften “Ähm” die Geduld verlor. Nicht so sehr das große Problem, jeder kann bei sowas aufgeregt sein. Schlimm wurde es erst, als es so schien, als bekäme jeder Diskutant vor der eigentlichen Diskussion endlos lange Zeit für selbstpropagandierende Dampfplauderei. Zunächst bekam Lars Langenau Gelegenheit, süddeutsche.de anständig zu hypen. Übrigens: Das “SZ Online” (der Online-Auftritt der Sächsischen Zeitung) und “süddeutsche.de” zwei verschiedene Dinge sind, musste sich Inge Seibel-Müller erstmal erklären lassen. Peinlich. Spätestens aber, als c’t-Mann Jürgen Kuri die dritte Nachfrage zu der Verteilung von Content, der von Offline-Journalisten und Online-Journalisten produziert wird, beantworten durfte, begrub selbst DUMMY-Gründer Oliver Gehrs lächelnd seinen Kopf in den Händen. Ich fühlte mich an schlimmste Christiansen-Zeiten erinnert, als der letzte der gefühlt 154 Gäste nach einer halben Stunde zu Wort kam. Hier schien es ungleich länger zu dauern.

Dann endlich, war er an der Reihe, mein Messias für diesen Abend, sein Irokese wurde qasi umrandet von einem Heiligenschein: Sascha Lobo. Er schwitze so sehr, ob man die Einführung nicht etwas straffen könne. Außerem müsse man die Zuhörer ja nicht quälen. Meinen spontanen Szenenapplaus hatte er sich mit diesem Satz redlich verdient. Damit wurde der Abend besser, insgesamt soger sehr gut. Man begann zu diskutieren. Wird es die Zeitung in ein paar Jahren oder Jahrzehnten noch geben? Ist ein Klick auf eine Bilderstrecke genauso viel wert, wie der auf einen Artikel? Und: Haben es die Journalisten der klassischen Medien nicht verdient, jetzt in der Content-Scheiße zu stecken? Haben nicht sie den Niedergang des Qualitätsjournalismus eingeleitet? Gehrs versuchte sich als Klassenclown und Kulturpessimist, Lobo fasste sich ständig an seine Schuhsohlen, gab aber sehr schlaue Sachen von sich, Wilfried Hub vom Vogtland-Anzeiger hypte den Lokaljournalismus (meinen inneren Applaus übrigens für seine nüchterne Sichtweise auf die Zukunft des Print) und Lars Langenau, der sah einfach alles ein, fand süddeutsche.de aber auch am Ende noch spitze. Muss er auch. Über der Szenerie schwebte einer, der gar nicht dabei war: Stefan Niggemeier. Aber ja, er ist Bild-Blog-Betreiber und süddeutsche.de kann er auch nicht leiden, natürlich, er brauchte seinen Platz.

Eine wunderbar nicht-hormonische Runde mit verdammt interessanten Diskussionsansätzen, die ich hier im Einzelnen nicht wiedergeben will und auch gar nicht wiedergeben kann. Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht Inge Seibel-Müller gewesen. Diese zeigte sich nicht sonderlich gut vorbereitet, als sie Lobos Riesenmaschine mit einer klassischen Zeitung verglich - Entschuldigung, aber das ist ja noch nicht mal provokativ! - , verstrickte sich in Face-to-Face-Randdiskussionen um die rechtliche Problematik von Foren-Beiträgen und das schlimmste: Sie war selbst Teilnehmerin der Diskussion! Und hatte damit natürlich keine Zeit, sie anständig zu leiten, stellte meist zur falschen Zeit die falschen Fragen. Moderatoren sollten sich meiner Meinung mit zu aggressiv und konsequent vorgetragener Meinung zurückhalten. Ihr jedoch schien “Verteidigungslinie der klassischen Medien im finalen Kampf gegen die Eindringlinge aus dem Online-Bereich” in Neon-Leuchtbuchstaben auf die Stirn geschrieben. In sehr kleinen Buchstaben freilich, bedenkt man die Begrenztheit einer Stirn, aber in leuchtenden Buchstaben. Immer, wenn jemand auch nur latent eine Lanze für Print schlug, blitzte sie Lobo triumphierend an, als wolle sie sagen: “Siehste, da hast du es!” Vogtland-Anzeiger-Hub schien den Bann zu brechen, als der sagte: “Die Diskussion dreht sich nicht darum, ob gedrucktes (Seibel-Müller bevorzugte übrigens mir unerklärlich die irreführende und völlig unzureichende Bezeichnung “geschriebenes”) oder Infos im Online-Bereich qualitativ besser sind, sondern darum, wie man allgemein Qualitätsjournalismus machen kann.” Dieser Satz musste später aber noch von mehreren Seiten aufgegriffen werden, denn Seibel-Müller übte sich auch weiterin nicht gerade in Zurückhaltung, sondern weiter konsequent in Lobo-Bashing. Der wusste sich köstlich zu wehren. Als die Moderatorin Lars Langenau gegen einen scheinbaren Lobo-Angriff schützen wollte, erklärte dieser trocken: “Ich habe nicht ihn angegriffen, sondern Sie!” Seibel-Müller tat übetrieben entrüstet, das Publikum lachte.

Insgesamt: Eine verdammt gelungene Veranstaltung, was sich schon in meinem Elan zeigt, so emotionsgeladen darüber zu berichten. Als die Diskussion endlich in Gang kam, war sie vorzüglich. Zwar wurden die Ziele, die Inge Seibel-Müller zu Beginn ausgab, nicht erreicht, und das richtet sich diesmal nicht gegen ihr Wirken, denn: Das ist normal. Diskussionen brauchen Platz, um sich zu entwicklen. Außerdem wird der Heilige Gral für die Zukunft des Journalismus sicher nicht in zwei Stunden im Studio B der Hochschule Mittweida gehoben. Deshalb: Meinen Respekt für die explosionsgeladene und kurzweilige Zusammenwürfelung der Teilnehmer und für die Spitzzüngigkeit und klugen Sätze der Diskutierenden selbst.

Deppen!

Also ich rege mich gerade sehr auf, weswegen ich unbedingt mal was MW-nerdiges bloggen muss.

Da gibt es so eine Wissenschaftskonferenz, SATERRA, an der HSMW. Und es gibt dazu eine Pressemitteilung, die so ist, wie man sich so Pressemitteilungen eben vorstellt: Lang, viel Blabla, wenig Konkretes. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn man Folgendes nicht wüsste: Die PM wurde natürlich ausdrücklich NICHT an Hochschulmedien gesandt. Auf meine Nachfrage hin, warum, folgende Erklärung: Die SATERRA wird von einer externen PR-Agentur beworben. Erste Frage: Bitte??? Die Hochschule leistet sich keine anständige Öffentlichkeitsarbeit aber eine externe PR-Agentur? Zweite Frage: Wieso um Himmels Willen sendet diese PR-Agentur nichts an die Hochschulmedien, wo sie doch schon eine so hochprofessionelle PM gebastelt hat? Ich weiß, wer am Ende wieder der erste ist, der sich bei uns über fehlende Berichterstattung beschweren kommt….

Und um mich weiter darüber auszulassen, tut grad so gut: In der PM steht Folgendes:

Das detaillierte Tagungsprogramm ist unter http://htwm.de/tagungen veröffentlicht. Dort lassen sich auch alle Informationen zu den einzelnen Tagungsgruppen, den Teilnehmern und zum Rahmenprogramm der SATERRA abrufen.

Jaaa, das nennen die also “detailliertes Tagungsprogramm”? Bitte?? Und wo finde ich die Informationen zu den einzelnen Tagungsgruppen und Teilnehmern? Nicht, dass mich die nach all dem Wischi-Waschi-Blabla in der PM großartige interessieren würden, aber mal angenommen: Das ist doch das letzte, selbst die SATERRA 2001, Lichtjahre weit weg in der Medien- und Kommunikationsentwicklung, war da besser.

Und ganz um Schluss: Das Medienforum ist Rahmenprogramm der SATERRA? Selten sowas Lächerliches gehört. Die SATERRA-Deppen dachten wahrscheinlich, sie tun dem Medienforum noch einen Gefallen, in dem sie es in ihrem erbärmlichen HTML-Dokument erwähnen. Das Medienforum, das nach Aussage der Organisatoren - und diese kann ich nach allem, was ich davon weiß, nur dick und doppelt unterstreichen - mehr für die Außenwirkung der Hochschule tut, als alle Tage der offenen Tür zusammen - dieses Medienforum hat die Dilettanten von der SATERRA sicher bitter nötig.

Disclosure: Dieser Post ist fernab von privaten Kleinkriegen, Grabenkämpfen innerhalb der HSMW oder sonstigen Unterstellungen meine persönliche und private Meinung darüber, dass sowas a) nicht geht und ich mich b) ungern für eine Berichterstattung über sowas mit so einem Vorlauf prostituieren lasse. Noch kann ich mir diesen Idealismus leisten, hier im Wohlfühlbiotop für Nachwuchsjournalisten.

Ein schlechter Tag

Gestern war ein wirklich schlechter Tag für jede Tageszeitung. Räikkönen wird überraschend Formel 1-Weltmeister, Tusk wird überraschend deutlich Wahlsieger in Polen, in der Schweiz legt die SVP zu - alles Entscheidungen, die spät für eine Tageszeitung fallen und zu allem Überfluss auch noch recht überraschend. Womit macht also die Süddeutsche heute konsequent auf? “Lokführer fürchten Wut der Kunden”. Und ganz unten auf der Titelseite: “Knapper Wahlausgang in Polen erwartet”. Wie der letztlich auging erwähnte ich bereits. Der Anachronismus Tageszeitung bestätigt all seine Klischees.

Dagegen glänzend, wie immer übrigens: Das heutige Streiflicht. Lustig, immer noch aktuell, politisch, assoziativ, überraschend - glänzend also. Deswegen und wegen der Inaktualität der anderen Themen ist das Streilflicht so ziemlich das einzige was ich in der Süddeutschen immer lese. Satire, Kommentar, Glosse - die Zukunft aller publizistischen Disziplinen. Ich bin mit Sicherheit nicht die erste, die das feststellt. Aber ich frage mich: Warum zieht aus dieser Feststellung keiner Konsequenzen? Gerade an einem schlechten Tageszeitungs-Tag wie heute? Es ist quasi peinlich mit einem weitergedrehten Thema aufzumachen und einem wirklich interessanten Thema einfach eine längst überholte, zum Zeitpunkt also, als die Zeitung in meinem Briefkasten liegt, falsche Erwartung zu widmen. Warum nicht den Mut haben und a) mehr bunte Themen nach der Art des täglichen Süddeutsche-Mittelthemas (”Krebs trifft auch die Glücklichen”) oder b) mehr Analysen, Meinungen und Hintergründe auf Seite Eins drucken? Aktuell kann die Tageszeitung im Vergleich schon lange nicht mehr wirklich sein, schon gar nicht an einem solchem Tag. Mit vor Verzweiflung weiß gewordenen Fingern an dieser einstigen Macht des vierten Standes festzuhalten, ist geradewegs erbärmlich.

P.S.: Die Sportseite der Süddeutschen titelt die Bundesliga-Sonntagsspiele. Muss ja. Die sind 19 Uhr zu Ende. Räikkönens WM-Sieg stand gegen 20 Uhr fest (zumindest fast, Gemauschel am grünen Tisch hätte man ja erwähnen können). Eine lächerliche Stunde später! Warum also nicht Formel 1 titeln? Oder hat da jemand voreilig einen Hamilton-Sieg in der Konserve gehabt und dann vor Schreck über Räikkönens Triumph nicht mehr gewusst, was zu schreiben ist? Auch peinlich. Noch viel peinlicher, wenn man das einzige Wort zur Formel 1 über die Zukunft von Ralf Schumacher verliert.

Vom Regen in die Traufe

Oder: Vom Matriarchat zum Patriarchart.

Kann man nur hoffen, dass das ein kurzfristiges Engagement bleibt.

Kluge Kollegen

Pressekonferenz, Anne Will steht ihren Kollegen zu ihrer neuen Sendung Rede und Antwort.

Unbekannter Journalist:

“Ist die Möblierung dieses Studios mit Sitzplätzen ein Indiz für das, was hier jeden Sonntag… für diejnigen, die hier jeden Sonntag sitzen werden?” <Pause> “Also die Anzahl meine ich jetzt”

Anne Will:

“Achso.” <Pause> “Nein. Wir können auch Stühle rausräumen und Sofas rausräumen. Das sind alles mobile Möbel.”

[via]

Eigentlich schon peinlich, wenn man den Namen seiner Interviewpartnerin nicht richtig schreiben kann. Noch peinlicher finde ich es ja, dass es in der Überschrift passiert. Und dann im Text nie wieder. Der Text ist außerdem schon seit vier Tagen online und das Internet nicht unbedingt für seine Endgültigkeit bekannt. Was ich meine? Das hier. Der Autor steht mit seinem Fehler aber nicht unbedingt allein da: Google für falsch - 208.000 Ergebnisse und Google für richtig - 146.000 Ergebnisse.

Eigentlich tue ich das ja nicht, aber meine derzeitige WG hat einfach alles abonniert: ZEIT, Handelsblatt, zitty - eben alles. So auch die NEON. Neugierig wie ich bin las ich nun gestern also darin und ertappte mich bei dem Gedanken, dass die Bebilderung der Artikel auch schon mal wesentlich kreativer war. Um nicht alles schlecht finden zu müssen und als Misepter zu gelten, Weil er wirklich interessant ist, fand ich einen Artikel mit der Überschrift “Schafft die Jugend ab!” wunderbar. Er handelt davon, dass das Wort Jugendlicher aus dem Wortschatz zu streichen ist, weil es nicht mehr eine Epoche zwischen 13 und 21, sondern einen Lebensstil beschreibt, der Leute jenseits der 30 lächerlich macht und es den Jugendlichen unmöglich, wirklich jugendlich, sprich rebellisch und so weiter zu sein. So oder so ähnlich!

Eine Sache find ich allerdings komisch an de Sache: Nimmt die NEON sich da nicht selbst den kommerziellen Wind aus den Segeln?

Es gibt zwei Dinge, die ich nicht mag bzw. für die meine Kreativität nicht annähernd in 100 Prozent aller Fälle ausreicht: Überschriften und Bildunterschriften. Damit quäle ich mich. Besonders dienstags gegen 11 Uhr morgens im Printpool. Ich bewundere immer kreative Überschriften. Noch mehr eigentlich aber gute Bildunterschriften. Die sollen andere Informationen enthalten als der Text, gleichzeitig aber eben gehaltvoll sein. Was sie nicht enthalten sollen, zumindest nach meiner Auffassung und nach dem inflationären Gebrauch in Magazinen: Doppelpunkte. Das Wichtigste: Sie sollen nicht einfach beschreiben, was man sieht.

Nun hat jetzt.de wirklich tolle Texte, worauf ich ja schon des öfteren hinwieß. Bei den BU’s ist das so eine Sache mit jetzt.de: entweder sie fehlen, oder sie sehen so aus:

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/392537

Diese Selbstironie, dieser entlarvende Sarkasmus und dieser Abgesang auf einen uninspirierten Journalismus - das alles finde ich wunderbar erheiternd.

KauFAZ

“Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.”

Manchmal frag ich mich…

[via]

Weil Leute im Anzug, schätzungweise Mitte/Ende 30, in der S-Bahn stehen, und 4 Stationnen lang nichts anderes machen, als in das Magazin zu starren.

Zumindest ich nicht, als Was-mit-Medien-Macher und Radsportfan. Rudimentärer Radsportfan.

Die verwunderlichsten Sachen über die Tour de France 2007

  • ZDF/ARD-Kommentatoren glaubten scheinbar nicht an Doping. Bis Patrik Sinkewitz.
  • Die Tagesschau bringt lustige Siegermeldungen zur Tagesetappe. Nach dem Ausstieg des öffentlich-rechtlichen Fernsehen aus der Tour de France.
  • Sat.1 hat keine Sportredaktion, überträgt aber die Tour de France.
  • ARD/ZDF beschweren sich über Sat.1. Anstatt ihre Kraft in Doping-Berichte zu stecken.
  • Es gibt immer noch Radfahrer, die steif und fest behaupten, noch nie gedopt zu haben.
  • Es gibt Jan Ullrich.

Eine Rangliste hab ich mir erspart, man kann aber hier darüber abstimmen. Natürlich weise ich darauf hin, dass ich momentan für die Firma arbeite, die das Portal betreibt. Bin doch kein böser Schleichwerbeblogger.

Ich hab mir dieses Mal wirklich viel Gedanken gemacht um die Seite 3 der aktuellen NOVUM. Einen hohen Rechercheaufwand betrieben, mir Artikelkonzeptionen überlegt, wieder verworfen, sehr oft bei Null angefangen und am Ende, als die 6000 ZML schon fix und fertig waren, noch einmal alles umgeworfen. Zweigeteilt war die Seite dann, ein ebenso langer Sachartikel wie Kommentar. Sah zwar im Layout noch recht bescheiden aus, aber ich dachte mir, dass kriegt er schon hin. Ich war zufrieden. Bis ein vorlauter Ex-Mitarbeiter in den Printpool stürmte: “Nee….Nee! … Nee, nee, nee! So geht das nicht. Also ich meine, so geht das grrrundsätzlich nicht!” Ich habe mich gegen diese Meinung gewehrt, sehr vehement und argumentativ. Der Kommentar sei schlicht zu lang, sagte er, sowas sei journalistisch ein Unding, auch ohne ihn gelesen zu haben, könne er das sagen. Und: Dass ich es mir zu einfach gemacht habe, indem ich alles meinungsrelevante aus einem Sachartikel ausgeschnitten und mit ein bisschen Pointierung gewürzt in einen Kommentar umgemünzt habe. Das ginge einfach nicht. Natürlich ginge das, sagte ich, dass haben wir zwar noch nicht gemacht, aber schau sie dir doch mal an, die FAZs und Sueddeutschen dieser Welt. Nee, dass ginge nicht, keiner interessiert sich für deine Vierspaltenmeinung. Außerdem sei das ja gerade die Kunst eines Kommentars, kurz und pointiert, ohne überflüssige Sacherwähnungen. Ich habe den Kommentar dann um die Hälfte gekürzt, mich überzeugen lassen. Nein, überzeugen ist das falsche Wort. Die Argumente stimmten schlicht. Und das ist aus zwei Gründen schade.

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Unglaublich komisch! Eine wahnsinnig interessante Form, ein Interview zu machen. Man ist immer so gespannt auf die nächste Frage, dass man das Gebrabbel dazwischen schon automatisch überliest. Wie getarnte Wiederhohlung durch offensichtliche Wiederhohlung enttarnt wird. Herrlich.

Ich hatte mal was gebloggt. Damals ging das Thema ja auch recht fluchs und ausführlich durchs Blogger-Land. Nur einen Monat später erscheint dann ein Artikel dazu auf mm.de. Nun könnte man meinen, ich sei ja mit meinen 13 Tagen nach Erscheinen auch nicht gerade früh dran, aber hey: Ich will kein aktuelles Internet-Medium sein.

Mal abgesehen davon, dass der Artikel mit dieser Uni-Münster-Studie einen für jeden der sich im Inernet aktiv bewegt - und das ist ja die Zielgruppe einer Internet-Plattform, wenn ich nicht irre - einen erbärmlich inaktuellen Aufhänger hat, ist das Thema nett, aber längst durchgekaut. Auch das fände ich nicht schlimm, handelte es sich um einen Kommentar oder hätte der Artikel sonst irgendwelche Neuigkeiten, wenigstens nett formulierte Textpassagen zu bieten. “Weblogs werden zunehmend relevanter”. Wow. Erzähl mir was neues. “Etwa ein Drittel der befragten Blogger bevorzugt über das eigene Leben und persönliche Erfahrungen zu berichten, also in Form eines Tagesbuchs.” Nee, echt jetzt?

Zum gefühlt abertausendsten Mal wirft der Artikel die Frage auf, ob Blogger Journalisten verdrängen. Schnarch. Gut, zugegeben, die Studie wirft diese Frage auch auf. Aber sie erörtert sie wenigstens fundierter, als mit den mickrigen Umfragezahlen im Artikel wiedergegeben wird. Wenn also schon eine inaktuelle Studie als Aufhänger genutzt wird, dann eine längst müßige Frage aufgeworfen wird und man es dann nicht einmal fertig bringt, das PDF über die Studie so genau zu lesen, dass man die durchaus auch interessanten Ergebnisse im Artikel unterbringt, weiß ich auch nicht mehr weiter. Schon, dass in den Links unter dem Artikel nur ein auf das PDf hinweisender Artikel und nicht das PDF selbst verlinkt ist, lässt mich über die Tiefe der Recherche nichts Gutes spekulieren.

Zusammengefasst also: Ein Artikel, der durchweg an der Oberfläche kratzt - und das, obwohl über einen Monat für umfassende Recherche und eigene Gedanken Zeit gewesen wäre. Zum Schluss dann noch ein logisch nicht ganz nachvollziehabrer Lokalbezug: Erst spricht man richtig davon, dass vorallem Privatblogs die Bloggerwelt bevölkern, und führt in Beispielen aus der Mittweidosphäre ausschließlich Themenblogs bzw. “Kollektivformate” an.

Ich lese viele schlechte Artikel, damit das nicht geschieht, müsste ich meine Zeit im Internet mindestens halbieren und meine Neugier durch drei teilen. Nicht über alle lasse ich mich aus, und zur Ehrenrettung von mm.de muss ich sagen, dass ich mich seitdem hier (erneut verlinkt) an keinen guten, mit neuen Meinungen/Erkenntnissen gespickten Artikel übers Bloggen mehr erinnern kann. Warum wird also ausgerechnet dieser mm.de-Artikel Ziel meiner Schmähungen? Weil hier selbst in der Bildunterschrift inaktuelle Allgemeinplätze Platz finden und mein Kopfschütteln abrunden.

The reason why

Ich hatte es ja schon erwähnt, ihn finde ich toll. Heute hat er wieder gezeigt, warum das so ist. Hamid Karzai hat er interviewt, den ewig Lächelnden. Die Fragen - nicht schlecht. Die Nachfragen - viel besser. Wiegt er ihn noch kurz in Sicherheit (die Frage, ob der Irak-Krieg sich negativ auf Afghanistan ausgewirkt hat, war eine Einladung zu Ausflüchten ob der Gewalt im Ex-Taliban-Land, die Karzai auch dankend annahm), lässt er ihn schon mit der nächsten Frage ins offene Messer laufen (”Der Krieg hat den Terror nicht beseitigt, wie versprochen.”) Schön. Auch die Sache mit dem König. Karzai hatte dem nichts entegegen zu setzen als ein Atomlächeln. Und Leuchten in den Augen. Als würden kleine Bomben der Freude über sein tolles Afghanistan darin explodieren. Vielleicht hatte er auch einfach nur vom Opium genascht.
Überhaupt: Der ganze Afghanistan-Beitrag war klasse. Natürlich weiß ich, dass es da unten ab und zu kracht. Aber das tut es auch im Irak, manchmal im Libanon und in Israel. Zerfetzte Autos sehen überall gleich aus. Dass es in Afghanistan einen so starken König gibt und dass die Sache mit dem Opium so schlimm ist, war mir neu. Da mussten erst der Claus und sein Team kommen und mir ein Stück mehr von der Welt erklären. Das ist der Grund. Und das Claus’ Jacketknöpfe heute fast wieder abgeplatzt wären durch seine konsequente, leicht nach vorn geneigte Schieflage.

In meiner Zeit in der Sekundarstufe II gab es mal ein wirklich gutes Angebot: Die FAZ sechs Tage die Woche, plus die Sonntagsausgabe, plus einmal im Monat das Hochschulmagazin von der FAZ, alles kostenlos, ohne Vertragsbindung, lediglich der Möglichkeit zu einem nach den zwei Jahren zu bezahlendem Abo. Ich hab das ziemlich schnell unterschrieben. Ich muss zugegeben, abgesehen von Seite eins, einzelnen Artikeln und der letzten Seite hab ich aus dem Papier meistens Hüte gebastelt (ironischerweise gab es mal eine Anleitung für verschiedenen Hüte - Napoleon, Rotkäppchen, Wikinger usw. - direkt auf die Größe von FAZ-Seiten zugeschnitten). Sonntags dann aber war die Zeitung nicht nur bunt, ich hatte auch noch Zeit, sie zu lesen. Und Stefan Niggemeier war Chef der Medienseite. Der schrieb selten die GZSZ-Nachberichterstattungen, war bissig, witzig und ironisch, schien Ahnung zu haben und wurde schnell zu meinem Hero. Logisch, dass ich, als ich plötzlich einen Breitband-Internet-Anschluss besaß, regelmäßig sein Blog las. Das hier fand ich auch gut, tu es eigentlich immer noch. Mags daran liegen, dass ich das FAZ-Abo natürlich nicht verlängert habe oder an der plötzlichen Überflutung mit Mediencontent seit Mittweida: Stefan Niggemeiers Denkmal-Sockel wackelte. Allein in den vergangenen Wochen hab ich nur unglaubliche drei Mal etwas nettes unter seinen Artikeln für die FAS gefunden. Zugegeben, ich mag seinen Verriss-Stil und ich kann verstehen, dass Dinge wie diese mal gesagt werden müssen. Aber schon, dass die übergroße Mehrheit seiner Artikel mit Namen von Menschen überschrieben werden, die dann im Folgenden meistens nichts Gutes und zu oft zu persönliche Angriffe zu erwarten haben, spricht für sich. Richtig schlimm wird es aber, wenn Stefan Niggemeier bloggt. Sein Blog ist größtenteils ein Watchblog watching the whole world of german media. Bravo würde ich rufen, wären da nicht die persönlichen Kleinkriege. Ein wahre Geschichte von Stefan Niggemeiers ganz persönlichem Cocktail aus Medienjournalismus und Sozialpornografie.

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Ich mag Anne

Ich schaue Nachrichten. Gern und ganz Old School im Fernsehen. Mein Held ist er mit seiner schiefen Sitzhaltung und seiner tollen Sendung. Das ZDF ist sowieso viel cooler als die verstaubte ARD. Die Tagesschau gucken alle und ich erinnere mich, mal von einer Studie gehört zu haben, nach der nur 57 Prozent aller Zuschauer die Inhalte verstehen. Geguckt wird trotzdem, so gehört sich das.

Von ihr lass ich mir später am Abend trotzdem gerne die Welt erklären. Ihr Gesicht ist symmetrisch und beruhigend, ihre Stimme hat etwas kluges aber nichts überhebliches und diese vorher aufgezeichneten Interviews können mit denen von Claus in der Schärfe der Nachfragen fast mithalten. Nun wird sie der Sabine nachfolgen. Ein oder zweimal hab ich Sonntag nachts ARD geschaut und es war grauenvoll. Sabine wählt die CDU und trinkt mit Klaus Wowereit nach jedem seiner Besuche in ihrer Sendung Chantré. Sabine ist belehrend, ihre Haare sehen immer gleich aus und sie unterbricht ihre Gesprächspartner nie, auch wenn sie noch so viel Schwachsinn labern. Und spätestens wenn dann nach 15 Minuten der siebente Gast noch was zur Aussage des ersten nachzureichen hat, ist Abschalten das einzig Vernünftige.

Wenn die Anne ab September kommt, werd ich mir die Sendung auch mal ansehen. Ihn finde ich auch nett, besonders seit er bei Harald Schmidt mal war und über seinen Arbeitgeber hergezogen hat. Aber es gibt so viele testosterongesteuerte Dampfplauderer im Fernsehen, die so tun, als wären Politik, Medien und Medienpolitik Männersache. Da tut die Anne ganz gut. Und ich mag sie.

“Jeder denkt, dass er etwas zu sagen hat – bis ihm mit dem Blog eine Bühne geschaffen und er um seine Meinung gebeten wird.”

Bisher hab ich nicht allzu viel darauf gegeben, was in den Elfenbeintürmen der Medienforschung alles über Web2.0, neue Kommunikationskanäle und Websprachen gesagt wurde. Kulturpessimisten, die mit Blogs und Instant-Messaging-Terror schon wieder Gehirnzellen und klassische Kommunikationsfähigkeiten davonschwimmen sahen - Platon hatte vor kurzem ja auch recht damit, dass das Papier und das damit verbundene Aufschreiben von Dingen den Anfang vom Ende jedweder Erinnerungsfähigkeit markiert - waren mir genauso supspekt, wie all die Online-Propheten, die die Bergung des heiligen Grals irgendwo zwischen Bildblog.de und MySpace.com voraussagten. Bisher wusste ich auch noch nicht, dass es selbstgekrönte “Chief Blogging Officer” gibt. Und ich wusste nicht, dass die sich zusammen mit anderen “Blogexperten” (ein scheinbar ebenso anerkannter Beruf wie “Terrorexperte” oder “Einzelhandelsexperte”) durchaus differenzierte Gedanken machen. Und zu interessanten Erkenntnissen kommen. Lesen!

Ein wirklich sehr heißes und hartes Spiel, das wir da gesehen haben. Vier Platzverweise im Spiel Portugal gegen Niederlande. WM-Rekord. Da fliegt in einer, zugegebener Maßen einschläfernden ersten Halbzeit Costinha vom Platz und Tom Bartels lässt sich in seiner lethargischen Analyse der Härte des Spiels nicht aus der unerträglichen Ruhe bingen: “Und da bekommt er Gelb-Rot. Wir mussten in diesem Spiel nicht lange darauf warten, bis der erste Mann eine zweite Gelbe kassiert und damit vom Platz geschickt wird.” Kein aufbrausendes “Und das ist der Platzverweis für Costinha, völlig zu Recht!” Kein mitfühlendes “Ganz bitter, die Portugiesen eine ganze Halbzeit in Unterzahl gegen immer stärker werdende Niederländer!” Kein blumiges “Und da muss der Schiedsrichter zum gelben Karton in seiner in dieser ersten Halbzeit viel bemühten Brusttasche greifen.” Als würde er auf Bayern alpha in einer Vormittagssendung vor drei Hausfrauen ein Kochrezept verlesen. Ein so hoher Schlaftabletten-Faktor qualifiziert ja noch nicht mal für den Skispringen-Kommentar, bei dem Bartels wohl besser geblieben wäre…

Über die mehr als überschaubare Kompetenz der RTL-Kommentatoren ist viel geschrieben worden in den vergangen WM-Tagen. Daran, dass immer nur das erklärt wird, was jeder Zuschauer mit seinen eigenen Augen auf dem Fernsehbildschirm sehen kann, hab ich mich ja längst gewöhnt. Das ist auch bei den öffentlich-rechtlichen Beckmanns und Rethys keinen Strich besser. Aber das Fußball mit fehlender Emotionalität auf das Niveau von “Backen mit ohne Liebe” degradiert wird, ist unverzeilich.

Und jetzt, wo die Portugiesen ausgelassen jubeln, sind die ersten Sätze: “Portugal steht im Viertelfinale gegen England. Die Niederlande waren hier über 90 Minuten das bessere Team, die Portugiesen haben tapfer verteidigt.” Toll. “Es war ein Spiel, das von der Dramatik lebte.” Nur der Kommentator war offensichtlich längst tot.

Edit: Hab ich mich verhört oder hat Ulrike von der Groeben diesem begeisternden Fußball-Abend auf RTL eben die Krone aufgesetzt? “Zurück zu Günther Jauch und Toni Völler.” …

Ahhh

Ich kann’s kaum glauben! Nach viereinhalb Folterminuten mit ihren “Die Sieger sind…”-, “Gleich bekommen sie ihre Trophäe…”-, “Die Zuschauer und die Jury haben entschieden..”-, “In wenigen Sekunden kennen wir die Dancing-Stars 2006…”-, “Ich wills gar nicht künstlich hinaus zögern…”-Orgasmen, hat Schmalzi-Wayne [mit seiner tollen Tanzpartnerin] “Let’s Dance” gewonnen! Danke RTL! Danke für eine zweite Staffel ohne die stereotypischen Moderations-Spannungsbögen und ohne Wayne Carpendale!

[Die Hoffnung stirbt zuletzt.]

Toll!

Tz!

Und demnächst bekomme ich erklärt, dass die Sunshine-Live-Dauer-Bedröhnung kein legitimer Grund ist, meinem Nachbarn eines nachts den Gashahn aufzudrehen und ich keine Fliegenpilze essen sollte…

edit: Scheinbar war’s auch schon zu viel Arbeit, sich eigene Formulierungen einfallen lassen. Der BND darf keine Journalisten als Quellen führen - das hab ich in den letzten Tagen bestimmt so 12 mal gehört, unter anderem vom Herrn Geiger. Dem nach dem Mund zu reden, den die Sache am meisten kompromitiert ist eine der besten Lösungen…