Ich weiß nicht genau, was solche Texte bewirken sollen. Sicher, sie sind größtenteils aus Agenturmaterial zusammengeschrieben, unterscheiden sich kaum und haben vorranig informierenden Charakter - bis hierhin alles super wie immer. Während die AFP-Meldung noch die einigermaßen wertfreie Überschrift “Jobchancen in Deutschland stark von der Bildung abhängig” trägt, schlagen die meisten Berichte zum Thema in die Bresche, in die auch die FTD schlägt: “Schlechter Schulabschluss: Kaum Jobchancen” überschreibt die ihren Text. Gut ist wie immer auch Spiegel Online: “Deutsche Hauptschüler haben extrem schlechte Jobchancen” liest man dort und am Ende noch eine nette Verknüpfung zur Spiegel-Online-Interpretation zu den Chemnitzer Hartz-IV-Forschern. Mag sein, dass mein Grundzynismus bei Themen wie diesen (wenn ich in den Nachrichten auf einem Privatfernsehkanal einen schön geschminkten Beitrag sehe über eine bereits am ersten Tag äußerst gelungene Resozialisierungsmaßnahme eines jugendlichen Drogenhändlers, der trotz geschmissener Hauptschule und dreimonatigem Aufenhalt in einer Straf-WG eine Lehrstelle in einem aufopferungsvollen Schreinereibetreib im Nordosten Brandeburgs sowie einen gemütlich-schwäbelnden Bewährungshelfer bekommen hat und ich schlechte Stammtisch-Laune bekomme, weil ich es ungerecht finde, dass der Grundbetrag beim BaföG zum Wintersemester 08/09 um bedeutsame 46 Euro angehoben wird, mir die in militärischer Geschwindigkeit sächselnde Dame beim BaföG-Amt jedoch keineswegs beim Ausfüllen des dadurch um gefühlte 43 Seiten angewachsenen Antrags hilft - dann kann man das allgemeinhin als zynisch bezeichnen), jedenfalls: dieser Zynismus könnte mir im Wege stehen, wenn ich mich zu einem Urteil über obe erwähnte Beiträge aufschwinge und sage: Ist es nicht wenigstens auch ein bisschen gut, dass die Jobchancen in Deutschland vor allem und stärker als in manch anderem EU-Land von der Bildung abhängen?
Wenn in Deutschland vor allem gut ausgebildete Leute eingestellt werden, spricht das doch für die Qualität/Seriosität/den Ehrgeiz der Arbeitgeber hierzulande, oder nicht? Das kann ich jetzt leider nicht so ohne weiteres beweisen, aber so ein bisschen reicht in dem Falle auch mal das Gefühl aus, finde ich. Der Kausalzusammenhang zwischen Ausbildung und Job könnte, wenn man wöllte, auch konstruktive Kräfte freisetzen: Wer viel lernt, verdient viel. Oder, wie die Ösis wissen (bei denen übrigens nicht nur die produzierte Anzahl der kreativen Selbstmordmethoden höher ist als in Deutschland sondern eben auch das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner) : “Gute Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit”. (Das weiß auch die ZEIT, aber die ist sowieso häufig ein bisschen klüger als die anderen und deswegen nicht der Rede wert). Das wäre doch mal eine Meldung! Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll, der “Deutsche Traum” lebt: vom Grünflächenamtsaushilfsgärtner zum Telekom-Chef-Ablöser (aktuell stehen die Chancen dafür ja auch mal abgesehen von der Bildung nicht so schlecht) - durch das nachgeholte Abitur plus Bachelor-Kurzstudium mit achtwöchigem Aufenthalt in Singapur. Bei 46 Euro mehr BaföG ab Herbst ist das schon drin, nehm ich an. Anstatt solche Erfolgsgeschichten zu erzäheln und damit eine, nun ja, durchaus nicht komplett unbegründete postitive Stimmung zu erzeugen, schielen Spiegel Online, heute.de, FTD and much more neidisch zu unseren Partnern in der EU:
Anders als in den meisten EU-Staaten gibt es in Griechenland, Luxemburg und Portugal eine nur minimale Abhängigkeit der Jobchancen vom Bildungsniveau: Der Abstand betrug nur etwa einen Prozentpunkt. (heute.de)
Griechenland, die einstige Wiege der Philosophie, die heute als Oase der Köche und Kellner zu 70 Prozent vom Tourismus lebt (wo man im Allgemeinen bekanntlich nicht so unglaublich viel Geld verdienen kann). Griechenland, das sich durch die Bemühungen seines kleinen Nachbarns Mazedonien, in EU und NATO zu kommen, an den Eiern des früh und längst verstorbenen Alexanders (Colin Pahrell zählt nun wirklich nicht) gepackt fühlt und kindisch heulend “Skopje, das Wort heißt Skopje!” aus der Piss-Ecke der politischen Diplomatie ruft. Griechenland, das den meisten Deutschen nur im Dunstkreis von Ouzo, Gyros und Sirtaki ein Begriff ist - dieses Griechenland hat plätzlich Glück, landet in einer Studie irgendwie vorn und ist auf einmal Vorbild. Oder Protugal, das seine Arbeitslosenquote knapp unter EU-Schnittt drücken konnte, weil es einen Haufen Schwarzarbeiter statistisch als Arbeitnehmer führt - eine Praxis, die in Entwicklungsländern ganz normal, in den Industrienationen aus nicht von der Hand zu weisenden Gründen jedoch einigermaßen verpönt ist. Von Luxemburg, das zwar eigentlich ein echtes Musterland ist, allerdings noch von einem Großherzog regiert wird und mit seinem Bankensektor, der 40 Prozent der nationalen Wertschöpfung ausmacht, neulich nur haarscharf am Liechtenstein-Syndrom vorbeigeschrammt ist, will ich gar nicht erst anfangen.
Mein Wangen fühlen sich sehr heiß an inzwischen und irgendwie hab ich auch den Faden verloren. Das Gute an einem Blog ist allerdigns, dass ich, um dieses Faden-Problem zu beheben, nicht etwa das Geschriebene nochmal sorgfältig durchgehen, abwandeln und besser machen muss, sondern mit meiner verplanten Polemik kokettieren kann - auch ohne echtes Ende.
PS: Vielleicht wirkt sich das sogar positiv auf die Kommentar-Dichte aus, dann kann ich hinterher behaupten, es wäre ein bereits nach einmaliger Durchführung äußerst gelungenens Experiment zum Interaktionsverhalten von Lesern digitaler Medien gewesen.
PPS: Möglicherweise habe ich dem Text mit einer fein durchdachten Formulierung im PS sogar noch eine verflixt clevere Pointe gegeben.




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