Kopfrechnen

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Halbleer?

Ich weiß nicht genau, was solche Texte bewirken sollen. Sicher, sie sind größtenteils aus Agenturmaterial zusammengeschrieben, unterscheiden sich kaum und haben vorranig informierenden Charakter - bis hierhin alles super wie immer. Während die AFP-Meldung noch die einigermaßen wertfreie Überschrift “Jobchancen in Deutschland stark von der Bildung abhängig” trägt, schlagen die meisten Berichte zum Thema in die Bresche, in die auch die FTD schlägt: “Schlechter Schulabschluss: Kaum Jobchancen” überschreibt die ihren Text. Gut ist wie immer auch Spiegel Online: “Deutsche Hauptschüler haben extrem schlechte Jobchancen” liest man dort und am Ende noch eine nette Verknüpfung zur Spiegel-Online-Interpretation zu den Chemnitzer Hartz-IV-Forschern. Mag sein, dass mein Grundzynismus bei Themen wie diesen (wenn ich in den Nachrichten auf einem Privatfernsehkanal einen schön geschminkten Beitrag sehe über eine bereits am ersten Tag äußerst gelungene Resozialisierungsmaßnahme eines jugendlichen Drogenhändlers, der trotz geschmissener Hauptschule und dreimonatigem Aufenhalt in einer Straf-WG eine Lehrstelle in einem aufopferungsvollen Schreinereibetreib im Nordosten Brandeburgs sowie einen gemütlich-schwäbelnden Bewährungshelfer bekommen hat und ich schlechte Stammtisch-Laune bekomme, weil ich es ungerecht finde, dass der Grundbetrag beim BaföG zum Wintersemester 08/09 um bedeutsame 46 Euro angehoben wird, mir die in militärischer Geschwindigkeit sächselnde Dame beim BaföG-Amt jedoch keineswegs beim Ausfüllen des dadurch um gefühlte 43 Seiten angewachsenen Antrags hilft - dann kann man das allgemeinhin als zynisch bezeichnen), jedenfalls: dieser Zynismus könnte mir im Wege stehen, wenn ich mich zu einem Urteil über obe erwähnte Beiträge aufschwinge und sage: Ist es nicht wenigstens auch ein bisschen gut, dass die Jobchancen in Deutschland vor allem und stärker als in manch anderem EU-Land von der Bildung abhängen?

Wenn in Deutschland vor allem gut ausgebildete Leute eingestellt werden, spricht das doch für die Qualität/Seriosität/den Ehrgeiz der Arbeitgeber hierzulande, oder nicht? Das kann ich jetzt leider nicht so ohne weiteres beweisen, aber so ein bisschen reicht in dem Falle auch mal das Gefühl aus, finde ich. Der Kausalzusammenhang zwischen Ausbildung und Job könnte, wenn man wöllte, auch konstruktive Kräfte freisetzen: Wer viel lernt, verdient viel. Oder, wie die Ösis wissen (bei denen übrigens nicht nur die produzierte Anzahl der kreativen Selbstmordmethoden höher ist als in Deutschland sondern eben auch das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner) : “Gute Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit”. (Das weiß auch die ZEIT, aber die ist sowieso häufig ein bisschen klüger als die anderen und deswegen nicht der Rede wert). Das wäre doch mal eine Meldung! Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll, der “Deutsche Traum” lebt: vom Grünflächenamtsaushilfsgärtner zum Telekom-Chef-Ablöser (aktuell stehen die Chancen dafür ja auch mal abgesehen von der Bildung nicht so schlecht) - durch das nachgeholte Abitur plus Bachelor-Kurzstudium mit achtwöchigem Aufenthalt in Singapur. Bei 46 Euro mehr BaföG ab Herbst ist das schon drin, nehm ich an. Anstatt solche Erfolgsgeschichten zu erzäheln und damit eine, nun ja, durchaus nicht komplett unbegründete postitive Stimmung zu erzeugen, schielen Spiegel Online, heute.de, FTD and much more neidisch zu unseren Partnern in der EU:

Anders als in den meisten EU-Staaten gibt es in Griechenland, Luxemburg und Portugal eine nur minimale Abhängigkeit der Jobchancen vom Bildungsniveau: Der Abstand betrug nur etwa einen Prozentpunkt. (heute.de)

Griechenland, die einstige Wiege der Philosophie, die heute als Oase der Köche und Kellner zu 70 Prozent vom Tourismus lebt (wo man im Allgemeinen bekanntlich nicht so unglaublich viel Geld verdienen kann). Griechenland, das sich durch die Bemühungen seines kleinen Nachbarns Mazedonien, in EU und NATO zu kommen, an den Eiern des früh und längst verstorbenen Alexanders (Colin Pahrell zählt nun wirklich nicht) gepackt fühlt und kindisch heulend “Skopje, das Wort heißt Skopje!” aus der Piss-Ecke der politischen Diplomatie ruft. Griechenland, das den meisten Deutschen nur im Dunstkreis von Ouzo, Gyros und Sirtaki ein Begriff ist - dieses Griechenland hat plätzlich Glück, landet in einer Studie irgendwie vorn und ist auf einmal Vorbild. Oder Protugal, das seine Arbeitslosenquote knapp unter EU-Schnittt drücken konnte, weil es einen Haufen Schwarzarbeiter statistisch als Arbeitnehmer führt - eine Praxis, die in Entwicklungsländern ganz normal, in den Industrienationen aus nicht von der Hand zu weisenden Gründen jedoch einigermaßen verpönt ist. Von Luxemburg, das zwar eigentlich ein echtes Musterland ist, allerdings noch von einem Großherzog regiert wird und mit seinem Bankensektor, der 40 Prozent der nationalen Wertschöpfung ausmacht, neulich nur haarscharf am Liechtenstein-Syndrom vorbeigeschrammt ist, will ich gar nicht erst anfangen.

Mein Wangen fühlen sich sehr heiß an inzwischen und irgendwie hab ich auch den Faden verloren. Das Gute an einem Blog ist allerdigns, dass ich, um dieses Faden-Problem zu beheben, nicht etwa das Geschriebene nochmal sorgfältig durchgehen, abwandeln und besser machen muss, sondern mit meiner verplanten Polemik kokettieren kann - auch ohne echtes Ende.

PS: Vielleicht wirkt sich das sogar positiv auf die Kommentar-Dichte aus, dann kann ich hinterher behaupten, es wäre ein bereits nach einmaliger Durchführung äußerst gelungenens Experiment zum Interaktionsverhalten von Lesern digitaler Medien gewesen.

PPS: Möglicherweise habe ich dem Text mit einer fein durchdachten Formulierung im PS sogar noch eine verflixt clevere Pointe gegeben.

Die vergangenen paar Tage, im Schwarzwald, zum Zwecke, das nicht ganz so schlechte Abitur meines Bruders zu feiern. Ich habe Souvenirs mitgebracht:

  1. Stolz: Kevin ist der Beste. So oder so.
  2. Erkenntnis I: Wenn man sich den Abiturjahrgang der Schule meines Bruders anschaut, muss man sich wenig Sorgen um die Zukunft machen. Die Zukunft von was - das ist mir noch nicht ganz klar. Begriffe wie “Deutschlands”, “des Geistes”, “des lebensfähigen Menschen an sich” verschwimmen zwischen Bildern von Komasaufen, Jugendlichen mit Handyspeakern und Jamba-Sparabo, Menschen mit Einstellungen, die jedes Existenzrecht schuldig bleiben und diversen Profilseiten von einigen Persönchen, die mit mir Abitur gemacht haben. Oder letztlich auch nicht, ich will mich nicht an Einzelheiten erinnern.
  3. Erkenntnis II: Wandern ist tatsächlich eine herrliche Angegelegenheit. Ich hatte nur wenige eifrig zusammegeklaubte und eifersüchtig verteidigte Stunden Zeit, um mich im erst noch herrlich vernebelten und dann wunderbar sonnigen Hochschwarzwald daran zu erinnern, wie sich Stille anhört.
  4. Zweifel: Der ist ja sowieso mein stetiger, niemals betrunkener, niemals müder und mit einem brillianten Geist ausgestatter Begleiter. Es geht ihm besonders gut zur Zeit.
  5. Ein an Egozentrik und Selbstreferenz hingeschenkter Tag: Überraschend habe ich mir doch einen weiteren Tag außerhalb des Zentrums der Macht gegönnt. Und ihn der Produktivität gewidmet. Herausgekommen ist ein an der eigenen Schwäche und den nimmermüden Synapsen im Negativ-Zentrum meines Hirns gescheiterter Wille zur Produktivität.
  6. Für den treuen Leser: Ich habe die statischen Seiten dieses Blogs ein wenig überarbeitet. Möglicherweise eine abstruse und von schwelender Umnachtung hervorgebrachte Momentaufnahme, möglicherweise das Einzige, was man wirklich über dieses Blog sagen kann.

Ich bin übrigens wieder da.

Ich verstehe nicht allzu viel von Religion und Kirche und so, bin weder getauft noch konformiert und weiß gerade noch so, dass Jesus wohl Zimmermann war. Aber man kann sich bei dem ganzen katholischen Schaulaufen zu Ostern und anderen passenden Tagen zumindest dem gesellschaftlichen Diskussionen nicht entziehen. Das war auch damals so, als der alte Josef plötzlich Benedikt hieß. Damals hat er von Ökumene und so geredet. Heute hält er Messen in Latein, mag kritische Bibelforscher so gar nicht und, naja, mit den Juden und Moslems ist er irgendwie auch nicht besonders dicke. Die evangelische Kriche hält er übrigens nicht für eine Kriche im eigentlichen Sinne. Und das bekräftigt er auch noch regelmäßig!

Das alles beschäftigt mich nur aus Narzissmus: Damals, als Bild jubelte und Marktl am Inn von Paparazzi (was’n Wortwitz) bevölkert wurde, waren meine Wort in etwa die Folgenden:

“Jetzt jubeln sie noch. Wer aber seinen Großinquisitor zum Papst macht, wird bald merken, was er davon hat”

Der alte Josef war vor seinem päpstlichen Dasein Vorsitzender der Kongregation für Glaubenslehre. Früher hieß die mal “Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis” und passt auch heute noch drauf auf, dass die Schäfchen nicht vom rechten Wege abweichen und dass sich kein schwarzes unter die Herde mischt. Heute heulen sie rum, alle die, die damals über den Trabbi vom Papst berichtet haben. Ich finde, man sollte mich öfter vorher fragen.

Es ist immer dasselbe: Im Buchladen schlendere ich durch die Gänge, gebe Tipps, welche Bücher man lesen sollte, welche nicht, was gerade in ist, sage Sätze wie: “Naja, der Kaminer, das ist Kleinkunst, Kleinkunst die bleibt vielleicht, aber mal ehrlich: das könnt ich auch!” oder “Weiler, das is auch so ein Kaminer” oder “‘Die Wohlgesinnten’, dafür haben die doch immer einen exra Stand, das ist der Intellektuellen In-Hit momentan, wo ist dass denn nur hier?” oder “Die Roche mit ihren Feuchtgebieten, hör mir auf! Zieht durch die Lande wie einst Alice Schwarzer mit PorNO, nur diesmal PorYes und behauptet auch noch frech, sie habe das Buch nicht mit einem Blick darauf geschrieben, ihre Generation zu schockieren” oder “Naja, wenn schon das Buch zum Film, dann nimm wenigstens ‘Drachenläufer’. Das war schon vor dem Film n Bestseller” oder “Bevor du dir Enzensbergers neueste Klamotte reinziehst, guck mal nach da drüben, da steht der Fromm.” oder “Nick Hornby geht immer. Immer ein bisschen zwischen Intellekt und Unterhaltung, da machst du nichts falsch”. Wenn ich dann damit fertig bin, gucke ich, was es Neues gibt, lese ein paar Buckrücken an, die meisten nicht mal bis zur Hälte, frage mich, warum es ein Buch namens “Generation doof” auf Platz 2 der Spiegel-Bestseller-Liste schafft, wundere mich, warum Udo Lindenberg ein Buch mit dem Titel “Mein Herman Hesse” rausbringt, schiele nochmal kurz rüber zu den Klassikern, zu den Manns, Tolstois, Salingers und Bernhards und verlasse den Buchladen dann. Ohne Buch. Draußen zwischen all den osterglücklichen Konsumenten sinniere ich dann darüber, dass das doch alles nichts ist, mit der Leserei. Dass es schon lange kein Buch mehr gab, dass mich wirklich mitgerissen hat, wo die Buchstaben pulsierten, in meinem Takt und wo ich nicht davon lassen konnte, zwei/drei Tage lang, bis ich den Helden glücklich ans Ende der letzten Seite gebracht hatte, die bei den guten Büchern fast immer ein bisschen dünner ist oder scheint als der Rest. Eine Geschichte, der ich mit allem an mir Recht geben will, der ich anhänge, bis sie zu Ende ist und mir dann wünsche, ich könnte nochmal unwissen von vorne anfangen. Ein Held, den ich in seinen traurigen Dummheiten tapfer unterstütze, völlig egal, wohin sie ihn und mich führen, weil er mir so ähnlich ist. Wo ist es, das Buch, der Demian von heute, das Buch dass die Stimmungen dieser Generation oder wenigstens ein bisschen von mir einzufangen vermag und das einfach nur richtig ist?

Ich habe viel zeitgenössische Literatur gelesen, nicht mehr so häufig im vergangenen halben Jahr, aber in den letzten Wochen wieder mehr, und keines, kein einziges von diesen Büchern ist auch nur annährend an dieses Demian-Gefühl rangekommen, hat auch nur annähernd so gut zwischen mich die Welt und ein bisschen Melancholie gepasst, dass es ohne aufzufallen viel bewirkt hätte.

Also, wer kann mir helfen? Ich suche kein gutes Buch, ich suche die beste Prosa dieser Generation. Zur Orientierung führe ich ein paar der Helden meiner Jugend auf:

  • Hermann Hesse, Demian (schon erwähnt, aber das kann man nun wirklich nicht oft genug sagen)
  • diverse andere Hesse-Romane und Erzählungen, außer die, die mir dann irgendwann zuuu spirituell wurden wie Das Glasperlenspiel oder Morgenlandfahrt
  • J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen (auch: Franny und Zooey)
  • Thomas Mann, Der Zauberberg
  • Shakespeare, Hamlet (Hamlet ist der wohl sympathischste Looser überhaupt. Hamlet ist eigenlich auch ein bisschen ich.)
  • Thomas Bernhard, Heldenplatz (plus diverse Gedichte)
  • Goethe, Die Leiden den jungen Werther

Ein bisschen was aus jüngerer Zeit, was ich empfehlen kann, was aber in keiner Relation zu oben Genanntem steht:

  • Tim Krabbé, Kathys Tochter
  • Sibylle Berg, Die Fahrt
  • Anna Gavalda, Zusammen ist man weniger allein
  • ja, auch der Kaminer ist so schlecht nicht
  • Jonathan Safran Foer, Everything is Illuminated (das der hier auftaucht sind aber zum großen Teil Vorschusslorbeeren, ich lese gerade daran)

Also, was kann der geneigte Leser mir empfehlen?

Es fühlt sich gut an, zu wissen: Ich komm hier bald raus. Endlich Schluss mit der Begrenztheit, die am Campus anfängt, zur einen Seite am Bahnhof und zur anderem am Marktplatz aufhört. Getränkekisten schleppen und MäcGeiz-Schnäppchen gucken, dazwischen liegt eigentlich nur noch der Tag des Besonderen Films. Immer mittwochs, 20 Uhr, wenn man es klug anstellt, sogar kostenlos. Das gibt das trügerische Gefühl, hier wäre irgendwas etwas wert.

Es stellt sich auch kein Wehmut ein, nein, gar nicht. So sehr ich auch mit der Nase draufgestoßen werde, bei Abschlussbällen oder der nächsten letzten Party: Kein Gefühl, wo am Anfang so viel war, irgendwann, als ich hier herkam, bestimmt nicht wegen Mittweida, aber weil ich gedacht habe, Medienmanagement würde mir gut tun. Eignungstest bestanden,  auch so ein trügerisches Gefühl, hier wäre irgendwas etwas wert.

Noch bin ich nicht weg, es kann noch so einiges schiefgehen zwischen Kaltmieten und Kühlschränken, aber geistig sitze ich schon irgendwo zwischen Bahnhof Mitte und Neustädter Bahnhof und denke: Wie geil. Sicher eine Art von übertriebener Emotionalität, aber wenn ich in Mittweida aus dem Fenster schaue, regnet es und der Schriftzug “Filmbühne” flackert rote Kreise in die Regentropfen. Wenn ich in Dresden aus dem Fenster schaue, scheint die Sonne und ich bin ein kleines blondes Mädchen mit Ringelsocken und Zöpfen, das leichtfüßig die Treppen runterspringt und mit Kreide Hüpfkästchen auf die Steine am Boden malt. Nur das meine Ringelsocken Schuhe von Gravis sind und mein Hüpfkästchen die Schauburg. Oder das Elbufer. Oder der Alaunpark. Oder das Schauspielhaus. Oder das Kopfsteinpflaster in der Neustadt. An so viele Oders muss ich mich gewöhnen, nach drei Jahren in Mittweida.

Gewöhnen muss ich mich auch an den Gedanken, dass ich keine 22 Jahre alt bin und nichts sicher ist. Ersteres ist ein Gefühl, dass der Bachelor-Studiengang mit seinen “Raus-in-dieArbeitswelt”-Rufen beinah kaputt gemacht hätte. Und zweiteres ein Gutes. Dresden ist besser als alles bisher Dagewesene, ohne, dass ich dieses Gefühl irgendwie beweisen oder auch nur halbwegs sachlich begründen könnte. Und ich glaube, dass das hier endlich mal wirklich ein Anfang ist. Von etwas, dass zu umreißen ich zu wenig gewachsen bin und dass zu umreißen auch gänzlich unnötig ist. Aber es scheint die Sonne.

Na nu…

… die taz ist ja plötzlich so ganz und gar nicht verschrubbelt und vorhersehbar.

Zwei Beispiele: dieser Artikel passt zwar natürlich perfekt in die aufgeheizte Diskussion, aber populäre Themen aufzugreifen allein, naja, dass muss man den Medien ja noch nicht vorwerfen, wie oft es von irgendwelchen Pseudo-Weltverbesserern und Hyperintellektuellen getan wird. Zurück zum Artikel: Der passt zwar auch perfekt in die taz, natürlich, ist aber sehr erfrischend. Sicher, er dreht eigentlich nur den Spieß um, weißt auf das, worauf in den Feuilletons momentan alle Gutmenschen empört hinweise, aber er tut es aggressiver.

“[...] die einen Schuldirektor i. R. als “Scheißdeutschen” beschimpften. Ich kann mir eigentlich keine treffendere Bezeichnung für so eine bayrische Respektsperson denken. Und dass sie ihn zusammenschlugen, ist zwar eine bedauerliche Entgleisung, aber erstens haben sie damit allen Rauchern aus der Seele getreten, die nun permanent von selbsternannten Rauchverbotswächtern angepisst werden, und zweitens werden doch umgekehrt andauernd ausländisch aussehende Jugendliche von Kerndeutschen als Scheißausländer beschimpft, sogar zusammengeschlagen, angezündet, von postfaschistischen Polizisten an die Wand gestellt oder sonst wie mies behandelt.”

Bumm, so mag ich das! Mal abgesehen davon, dass man der Aussage bei Weitem nicht in all Ihren Konsequenzen (Auge um Auge, Zahn um Zahn; Beleidigungen sind aufgrund lächerlicher Verärgerungen und persönlicher Ressentiments gerechtfertigt) zustimmen muss, so ist dass rhetorisch betrachtet mit das Beste, was ich zu diesem Thema gehört/gelesen habe. Das lässt die Alarmglocken in allen deutschen Bevölkerungsschichten klingeln: Der Studienrat fühlt sich persönlich angegriffen, die Moralisten finden es unsanständig, gefährliche Köperverletzung auch noch mit einer abstrusen Ablehnung des Nichtrauchergesetzes zu rechtfertigen und die Stammtischnazis, naja, die hören solche Aussagen eh überall raus und winken ab: Ausländerficker, elender!

Zweites Beispiel: Dieser Artikel zu DJTomekks Hitlergruß. Nazis? - Geht gar nicht! Unglaublich komisch diese Passage:

“Details sind leider nicht überliefert, und die taz hat auch keinen Reporter in Australien, weder außerhalb des Camps (bloß jetzt nicht schreiben: Lager), auch nicht innerhalb dieses, nun ja doch, Lagers der versammeltsten Art (um auf alle Fälle das Wort ‘konzentriert’ zu meiden). Nun sind etliche Schlüsse aus diesem Entertainmentskandal, und sei er nur ein sogenannter, zu ziehen.”

Ja, das darf man witzig findet, ungeachtet dessen, wie man DJTomekk und seinen Hitlergruß findet. In einem Land, in der sich Leute Überschriften wie “Kriminelle junge Männer auf Heimfahrt” wünschen und die betäubte Masse zustimmt, da gehen Hitlergrüße von möglicherweise betrunkenen, vielleicht aber auch nur sinnfrei ausgelassenen polnischen Jugendlichen aus Berlin im Urlaub gar nicht. Logisch. Da muss man schon Maß halten. Komisch finde ich aber immer noch, dass dann ausgerechnet die taz solche Artikel auspackt. Aber, der Status Quo kann aufatmen: Den Leser interessiert es eh nicht. Ein Blick in die Kommentar zeigt eine Mischung aus Empörung, die der einer in Ohnmacht fallenden Frau in einem Historienfilm gleicht:

Ich finde es vollkommen richtig, dass jemand nach einem Hitlergruß gehen muss. Gerade in der Taz ein Plädoyer für solche völlig unangebrachten “Scherze” zu finden, irritiert mich gerade ziemlich.

Und natürlich darf auch der intellektuelle GEZ-Zahler nicht fehlen:

Ich wusste gar nicht, dass die TAZ das Bildungsfernsehen RTL und ihre trashige-debile Dschungelsenung anschaut!

Willkommen in der Verdummungsfalle der Massenmedien;-)

Letzerer hat nichts begriffen, außer, dass man öffentlich-rechtlich sieht und satirische Rhetorik gewinnt. Nur schlägt die in Wahrheit glücklicherweise keinen einzigen klugen Gedanken.

Abschluss.

Schon beschissen, so vor meinem PC zu sitzen und die Lesezeichenleiste anzustarren. Wo könnte ich jetzt noch drauf klicken, damit ich nicht anfangen muss, den Berg Arbeit abzuarbeiten? Den Berg, der da irgendwo schlummert, er schlummert, weil mir niemand sagt: Mach das jetzt. Mach mal eine anständige Themenzusammenfassung. Mach mal! Druck dir mal die Vorlesungsunterlagen aus! Schreibe! … “Bing!” Eine Email, nach Gott sei Dank! Bloß Spam, aber egal, egal, zwei Sekunden Ablenkung. … Wie schnell ist Torrent? Ich beobachte die kb/s. Spannend. Was wird zuerst fertig? … Was esse ich heute? Eintopf, das dauert ein bisschen, Gemüse schneiden, und Kartoffeln und so. Ja! Muss ja essen. Ist keine Zeitverschwendung! … “Mach jetzt, fang an!” - Was? Achso, nur das Gewissen. Na dann is ja gut. Weggewischt mit einem sinnlosen Gang zum Kühlschrank, auf und wieder zu, die Speisen gar nicht wahrgenommen, meine Art, ein Tiger im Käfig zu sein. … Ein bisschen Zeit vertrödeln auf dem Weg zu Haus 4. Jaja, vergessen die Selbstständigkeitserklärung zu unterschreiben, so ein Unglück, nun muss ich da nochmal hin! Gleich noch zu Frau Baumann, da warten heute aber viele! Na, macht ja nüscht, ich reih mich ein und rede. … Was, schon so spät? Dabei hab ich noch gar nicht angefangen! Und so viel zu tun! Na, morgen, morgen ist auch noch ein Tag. … Zuerst les ich mir den Leitfaden durch. Leitfaden, das hört sich gut an, nach leiten, Stern von Bethlehem und so. Ach, Mist! Der Modulschein fürs Radio ist hier irgendwie dazwischen gekommen! Da muss ich nochmal hin, abgeben, abschließen, endlich fertig werden…

So hetze ich. Hetze in aller Ruhe, um abzuschließen. Monascheine, Anträge, Druckkarten. Hauptsache Abschließen. Nur der ganz große Abschluss, der will nicht gelingen. Was ist dann überhaupt besser, wenn er gelungen ist? Sehe ich dann ein Ergebnis? Sehe ich dann, dass irgendwas vorangegangen ist? Das geht mir zu langsam, das Leben, viel zu lange dauert es, abzuschließen, der Schlüssel ist danach nicht mehr zu gebrauchen. Und die neuen Türen, die müssen irgendwann auch abgeschlossen werden. Gekommen um zu gehen. Mmh. Selbstreferentielle Scheiße! Aber ist es wirklich so? So Klein Klein? Immer wieder, wenn was neu beginnt ist es nur ein Kaffeebohnenschritt? Geduld, Geduld, Hartnäckigkeit! Damit bin ich wohl nicht gesegnet, sorry, Leben, aber das wird wohl nichts mit uns beiden. Mit mir wirst du nie Gegenstand einer Titelstory in der brand eins sein. So von wegen die starke Frau von sieben Kindern und nebenbei Managerin eines Kuckucks-Uhren-Handwerkbetriebes. Das hat sie sich alles alleine aufgebaut, geholfen, ha, geholfen hat ihr nur ihr unbändiger Wille! Wille, Klein Klein, pah! Ich habe noch nicht mal genügend Willen, um eine selbstständige Arbeit anständig abzuschließen! Selbstständigkeitserklärung vergessen zu unterschreiben, ha, an mir hätte Freud seine wahre Freude! Antrieb, Motivation! Beinah alles langweilt mich! Die entscheidende Frage ist doch: Wie kriege ich die Zeit rum? Bis zu meiner Beerdigung?

Manchmal würde ich mich gerne malen können. Ich, inmitten von Bürokram, Clipheftern und kleinen, säuberlich sortierten Häufchen von bedruckten A4-Blättern, bin im Stuhl zurückgelehnt und starre vorbei an der Schreibtischlampe, neuerdings mit Energie-Spar-Leuchtmittel, aus dem Fenster. In der rechten Hand einen Füller, gerade eben mit frischer Tinte wieder zum Leben erweckt und vor mir einen Briefumschlag.  DIN C 4, weiß und mit Papprückwand. Und der falschen Postleitzahl.

Der Soundtrack dazu:

Working for the church while your life falls apart

Und plötzlich hab ich Lust, mich ganz übel zu betrinken.

Ich weiß noch: Letztes Jahr hab ich irgendwie versucht an einem Rückblick zu zimmern. Sowas fällt mir nicht leicht, mir alle Einzelheiten des Jahres zu merken. Und ich mag es ja wie schon viel zu häufig propagiert einfach nicht, wenn man zu einem bestimmten Tag irgendwie denkt: Ab jetzt alles anders, eine Sekunde mehr zwischen 23:59 und 00:00. Die Magie, die irgendwie in dieser einen Sekunden zu stecken scheint, hat ihre Funken noch nicht weit genug gesprüht, um mein zynisches Gemüt zu erreichen. Dabei weine ich manchmal bei Filmen.

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Dazwischen

So an einer Chemnitzer Straßenbahnhaltestelle sitzend, zwei tolle Hechte neben mir, jeder zwei Flaschen Bier in den Baggy-Arschtaschen, begann ich über das Leben nachzudenken. Nach einer Weile formte sich in meinem Kopf als Zusammenfassung meiner Gedanken folgender Sinnspruch:

Wenn man die große Liebe gefunden hat, ist das einzige, was einem dazwischen kommen kann, das Leben.

Das fand ich irgendwie gut und dann dachte ich: Das musst du bloggen.

Stellt euch vor…

ihr kauft eine Brotmaschine. Eine sehr teure, große und formschöne Brotmaschine, die, falls die vielen kleinen Brotmaschinen, die ihr schon habt, mal ausfallen, aushelfen soll. Im Laufe der Jahre wird die neue Brotmaschine aber immer unwichtiger, weil die kleinen Brotmaschinen viel besser mit dem immer kleiner werdenden Broten zurechtkommen. Der großen Brotmaschine wird langweilig und sie zerschneidet vor Wut ein verdammt teures Porzellanbrot. Dabei macht sich sich nicht nur ihr Schneidemesser kaputt, sondern richtet auch einen Schaden von 43 Milliarden Euro an. Nun müsst ihr euch entscheiden: Werft ihr die Brotmaschine, die eh nutzlos geworden ist, weg, und büßt dafür lediglich den - zugebener Maßen hohen, aber ein vergleichsweise akzeptabler Verlust - Kaufpreis von einst ein oder verkauft ihr sie für 328 Millionen an jemand, der mit dem Schaden umgehen kann, übernehmt aber gleichzeitig eine 2,75 Milliarden hohe Bürgschaft dafür, falls der Brotmaschine wieder mal langweilig wird oder der mit dem Porzellan-Brot angerichtete Schaden doch noch höher ist?

Diese Frage stellt sich irgendwie niemand.

Leerer Platz

Jetzt brauchst du auch nicht mehr anzufangen, zuzuhören. Oder gar nachzufragen. Wer ich bin, was ich mache. Ich frage mich, ob es dich wirklich interessiert und ob du es nicht gleich nach meiner Antwort wieder vergessen hast.

Wo warst du, als ich 14 war? Kurz davor auf eine ziemlich schiefe Bahn zu geraten? Vielleicht sah es für dich nicht so aus, weil ich eine harte Schale habe, vielleicht hast du aber auch gar nicht hingesehen.

Ich hab alle diese Fehler gemacht, ohne dass es dich gestört hätte. “Lass das sein!”, “Komm nach Hause!” und “Das ist nicht gut für dich!” hätte ich dich sagen hören müssen. Stattdessen batest du mich um Verständnis für dich. Genau dann, als ich mich selbst nicht verstanden habe. Was du hättest wissen können, wenn du gewollt hättest.

Als ich glaubte, erwachsen zu sein und manchmal sogar, dass ich es tatsächlich bin, hab ich es dir nicht leicht gemacht. Da bin ich mir sicher. Aber das hier ist keine Fernsehserie, in der immer alle vernünftig sind, in der alle empathisch und zweifelsfrei Blut von Wasser unterscheiden können und milde handeln. Unterlegt mit dramatischer Musik. Als ich deine Hilfe nicht wollte, hättest du sie mir aufzwingen müssen, egal wie böse und ungerecht ich war. Du bist hier der Stärkere, der, der mehr richtig macht. Oder solltest es wenigstens sein.

Alle Jahre wieder erinnerst du dich meiner Existenz. Wie es mir geht, ob es was Neues gibt und ach ja, nimm dir mal den Tag frei, wir zünden eine Kerze an für unsere Zuneigung. Eine, die fürs ganze nächste Jahr reicht. Denn ich kann nicht garantieren, dass ich dann da sein werde.

Das ist ein ganz böser falscher Film. Einer, in dem ich zu schwach bin, nein zu sagen. Einer in dem ich diese Ecke in meinem Kopf und erst Recht irgendwo da, wo man das Körperteil Seele nennt, mit dicken Brettern zugenagelt habe. Du hast dir nie die Mühe gemacht, nach einer passenden Zange zu suchen.

Aber mach dir keine Sorgen. Du fehlst mir nicht. Dein Platz war eh immer leer, als er es nicht hätte sein dürfen.

Wenn man in Sachsen groß wird, ist man einiges gewohnt. Da vergisst man gern, dass man zwar im Osten lebt, aber immerhin im Vorzeigeland ebendieses Ostens. Nun war ich am Wochenende auf einer Reise und musste durch Brandenburg. Durch ganz Brandenburg will ich fast sagen. Ich war noch nie wirklich aktiv in Brandenburg, deswegen konnte ich dieses erste Mal mit offenem Mund alle Klischess bestätigt sehen. In gefühlt 120 Dörfern war an einem stinknormalen Donnerstag niemand - wirklich niemand - auf den Straßen, vor den Filialen der örtlichen Sparkassen hingen große Flyer mit “Unsere Mitarbeiter haben keinen Zugriff auf das Bargeld” (was machen die denn sonst da in den Sparkassen?), die wohl Räuber fernhalten sollten, bevor eben diese Sparkassen wieder Beiträge bei Kripo Live wert sind und: Am Straßenrand wurden Allee-Bäume gepflanzt! Ohne Scheiß.

In einem Ort namens Haßleben gibt es eine Straße, die es sich bei geschätzt drei Einwohnern und einem Hund wohl nicht lohnte, umzubenennen: Straße der DSF heißt sie 18 Jahre nach dem Mauerfall, hat sogar ein neues, bundesdeutschen Straßennamenschild. Nebenan spielt der Eintracht Haßleben ohne Zuschauer Fußball. Ganz normal, Sonntag Vormittags in der Gemeinde Boitzenburger Land, Landkreis Uckermarck. Der Fußball-Club wurde übrigens 1992 gegründet, ein Jahr, nachdem der VEB SZM Haßleben, ehedem Vorzeige-Schweinemast-Betrieb der DDR mit 150.000 Schweinen, schließen musste. Und 800 Menschen in die Arbeitslosigekeit entließ. Heute sieht es auf dem Gelände so aus:

Erinnerte mich an Bilder aus Tschernobyl, überstürzt verlassen, im Pförtnerhäuschen steckten noch verkeimte Wasserkocher in der Steckdose. Die Initivative PRO Schwein Haßleben übrigens, deren Internetseite im Fenster des Häuschens beworben wird, wollte 2004 mal einen neuen Schweinemastbetrieb aufbauen, Haßleben wieder zu altem Glanze verhelfen quasi. 85.000 Schweine sollten es werden, auf der Suche nach Investoren für 25 Millionen Euro waren die 22 damals zumeist arbeitsuchenden Mitglieder der Organisation - vermutlich haben die alle mal im VEB gearbeitet. Nun denn, die Geschichte zog sich hin, 2006 hatte sie ihren Höhepunkt: Zugereiste und Wochenendhäuschen-Haber (es gibt in Haßleben wirklich neue hübsche Häuser, nicht weit vom ehemaligen Schweinestall - diese Bewohner müssen ihr Leben wirklich lieben) waren gegen den neuen Schweinemastbetrieb und mit ihnen zusammen einige Tierschützer. Haßleben hatte damals mit 30 Prozent die höchste Arbeitslosenquote Deutschlands, hat sich bis heute sicher nicht viel dran geändert, zumindest schaut der Ort so aus. Aber weiter im Text: Die Schweine-Hasser und Schweine-Befürworte stritten sich, sozialer Abstieg gegen den Geruch von frischem Schweinekot im Kaminschacht. Irgendwann entschied der Landkreis darüber, ob der Bau einer modernen Schweinemast-Anlage offiziell ausgeschrieben werden darf. Und damit endet die Geschichte, der letzte Eintrag auf der PRO Schwein-Seite ist vom Jahresende 2006 - wahrscheinlich fiel die Entscheidung nicht so positiv aus. Für eine eigene Wikipedia-Seite für Haßleben hat’s jedenfalls nicht gereicht.

Nun meine Fragen:

1. Wozu 85.000 Schweine in Nordbrandenburg? Mir ist zumindest in der Mittweidaer Mensa noch kein Mangel an Schweinefleisch aufgefallen. Über den ökonomischen Nutzen jedenfalls diskutierte man in Haßleben irgendwie gar nicht.

2. Wozu die Diskussion um Schweinegeruch? In der DDR wohnten in drei niedlichen Plattenbauten auf der Straße der DSF Leute 300 Meter Luftlinie von den mit 150.000 Schweinen gut gefüllten Ställen entfernt - und damals gab es auch heiße Sommer, wie uns Bilder von Männern in stylischen Sport-Hotpants beweisen. Heute sieht die Plattenbausiedlung in Haßleben jedenfalls so aus:

Mmh. Ich wollte eigentlich etwas wirklich witziges schreiben. Über Haßleben. Kaakstedt. Und wie die Dörfer in Brandenburg eben so heißen. Aber es ist nicht witzig.

Schnell

Dummer Spruch, nicht zum ersten Mal heute: Das Leben zieht schneller vorbei, als mir lieb ist. Alle die schon wieder glauben mich zu kennen - vergesst es, das hat nichts mit meinem kleinen Kurztripp zu tun, der mich für vier Tage (naja, fast) wunderbar vom Internet trennte und einiges verpassen ließ. Zum Glück hab ich nicht das Gefühl, mich äußern zu müssen. Die Zusammenfassung zum Tripp aber folgt noch. Vielleicht.

Jedenfalls, ich wich vom Thema ab: Ich würde gerne langsamer leben. Einfach so. Was ich noch gern würde, noch viel gerner, wenn man so will: In irgendwas richtig gut sein. Richtig was wissen. Ich glaube, ich brauche einen neuen Traumberuf. Und ausnahmsweise mach ich keine Scherze.

Ohne Boden

Ich würde schon gern mal wieder sturzbetrunken aus dem Club heimtorkeln. Kurz vorm Gehen müde und verzweifelt meine Hosentaschen durchwühlen und wissen, dass ich da nichts mehr finde. Auf der Straße Fußballhymnen grölen und mich unter dem Licht jeder zweiten Laterne schlafen legen wollen. Zu Hause kurz vorm ins Bett fallen den Sonnenaufgang durch das Fenster beobachten und merken, wie sich die Welt gut anfühlt. Dann schlafen, schlafen, unruhig, aber weich und am nächsten Tag bis sieben Uhr abends im Schlafshirt rumlaufen. Mit dem Leben jonglieren und mich fragen, wo mein Platz in der Welt ist. In Cappuccino-Tassen ohne Boden rühren, Ziele haben, aber keine Pläne. Glauben, dass da noch mehr kommen muss, mich aber nicht fragen müssen, was später ist.

Irgendwie will mir das nicht gelingen.

Ich weiß gar nicht, was dran ist an Stauffenberg. Er war Antidemokrat, hasste die Weimarer Republik, träumte von der Wiederherstellung eines “wahren deutschen Reiches”, sah sich selbst als legitimer Nachfolger des mittelalterlichen Stauferkaisers Friedrich II. von Hohenstaufen und akzeptierte Hilter als die übergeordnete Instanz im Deutschen Reich.

Es lag in der langen Tradition der Familie Stauffenberg, den Dienst am Vaterland über alles zu stellen - auch über das eigene Leben.

Das steht bei heute.de und dort tut man so, als wäre das was Gutes, obwohl diese Blut und Eisen-Rhetorik das Allerletzte ist. “Den Dienst am Vaterland” - solange Deutschland im Zweiten Weltkrieg siegreich war, schien das Deutsche Reich nicht in Gefahr zu sein. Mit den ersten Niederlagen dann kam Stauffenberg die Idee, mal was gegen Hitler zu unternehmen, bevor sein Vaterland den Bach runtergeht. Hinterher sieht es so aus, als wären Stauffenberg und Co. das deutsche Gewissen gewesen, als hätten sie nicht jahrelang zugesehen, wie ihr Führer abseits des ehrenvollen Schlachtfeldes Menschen umbringt.

Die Bundeswehr ist Stauffenberg besonders verpflichtet, denn er gehört zu unserer Tradition des Widerstandes. Die Männer des 20. Juli haben vorgelebt, wann Verantwortung, Ehre und Gewissen der militärischen Führer Grenzen des Gehorsams weisen.

Sagt Verteidigungsminister Jung. Der hat zwar eh ein Rad ab, aber mal ehrlich: Fällt das niemandem auf? Muss man unvoreingenommen über den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr für Stauffenberg berichten? Stauffenberg und seine Vaterlands-Scheiße ist super, aber Autobahnen gehen gar nicht. Willkommen im Vaterland der Heuchelei.

Achso, bevor ich von den Autobahn-Rhetorikern als Nazi bezeichnet werde: Natürlich hätte der Zweck im Falle des 20. Juli 1944 die Mittel geheiligt. Aber es hat ja noch nicht mal funktioniert.

Und: Viel mutiger als Stauffenberg, der ja eh gern sein Leben gelassen hat fürs Vaterland, sind all die anderen gewesen. Die ehren wir dann an deren Geburtstagen, nicht wahr?

Abends, in einem ganz normalen Schlafzimmer der Republik. Zwei Personen mit Kopfhörern eines mobilen Abspielgerätes von Apple im Ohr.

Er: “So stellt sich die Web 2.0-Welt ihre Schäfchen vor. Podcast hören und Blog betreiben”

Sie: “Und dabei nichts verdienen.”

Er: “Genau.”

Pause

Sie: “Na dann ist ja alles geritzt.  Wenn man für nichts etwas bezahlt, muss man auch nichts verdienen.”

Wie Oel

Ich hatte ihn an meiner Wand hängen. Ganz klassisch, die schwarze Silhouette auf dem roten Grund. Und, ein bisschen kleiner, auf den Farben des Landes, in dem er als einziges wirklich erfolgreich war. Aus dem Italienurlaub hatte ich mir einen Kalender mitgebracht, zwölf mal sein Konterfei, meistens in schwarz-weiß, meistens sah er gut aus. Auf jeder Seite stand ein Zitat von ihm, in Spanisch. Mit einem Latein-Wörterbuch (!) und Internet-Übersetzungsmaschinen hab ich diese so gut es eben ging übersetzt. Obwohl ich nie Spanisch hatte, fiel das besonders schwer nicht. Ich kannte seinen Pathos und wusste die Übersetzungslücken leichtfingrig zu füllen. Ich kannte mich aus mit seinem Leben. Wusste, dass er mit vollem Namen Ernesto Rafael Guevara de la Serna hieß, in welcher Stadt Argentiniens er geboren wurde und dass “Che” soviel bedeutet wie “Hey” oder “Kumpel”. Ich wusste auch, dass er ökonimisch eine ziemliche Niete war und mit welchem Missverständnis er überhaupt Industrieminister und Nationalbank-Chef Kubas geworden ist. Ich wusste, dass er seine Feinde standesrechtlich erschießen ließ und dass er gegen die Herausgabe der Atomraketen während der Kubakrise war - lieber wollte er sterben und mit ihm eine ganze Nation. Ich kannte seine abstruse Theorie vom “Revolutionsexport” und wusste, dass diese weder im Kongo noch in Mexiko noch in Bolivien funktioniert hat und ihm letztendlich das Leben gekostet hat. Seine Poster hingen trotzdem nicht nur irgendeiner pubertären Rock’n'Roll-Rebellen-Gesinnung wegen an meiner Wand. Ich bewunderte ihn als Menschen, ohne ihn jemals gekannt zu haben. Ihn zeichnete etwas aus, dass ich nicht kannte: Konsequenz. Und mehr noch: Leidenschaft.

Ich bin in einer ziemlich unspektakulären Zeit groß geworden. Elvis konnte noch schocken, Rammstein schon lange nicht mehr. Freie Liebe, abstruses Aussehen, RAF - alles schon mal dagewesen. Ich und eine ganze Horde pubertierender Möchtegern-Rebellen um mich herum hatten ein entscheidendes Problem: Wogegen aufstehen? Auch wenn es einen Weile so aus sah: Ich habe nicht daran geglaubt, dass Punk not dead is und ich habe auch nicht wirklich an die Parolen der Sex Pistols oder von WIZO oder von sonstwem geglaubt. Ich habe an gar nichts geglaubt.

Dagegen an Che zu glauben war rational gesehen nicht anders als nachts betrunken “No Future” zu grölen. Sein Konterfei stand genauso für längst überholte, niemals funktionierende und ganz bestimmt nicht zurückkommende Ideale. Aber eben weil ich an nichts glauben konnte und eben weil mich nichts wirklich bewegte, ich für nichts echte Leidenschaft aufbringen konnte, konnte ich sie für Che aufbringen. Für seine Leidenschaft gegenüber Idealen, die ich keine Sekunde ernsthaft vertreten habe.

Viel hat sich nicht geändert seit ich aufgehört habe, unter seinem in die Ferne schweifenden Blick einzuschlafen oder mir vorher seine Rezitationen aus dem “Kapital” durchzulesen. Außer eben, dass ich damit aufgehört habe. Ich bin immer noch ziemlich leidenschaftslos. Mich bewegt weder die drohende Klima-Katastrophe noch, dass kleine tibetanische Kinderhände meine T-Shirts zusammennähen. Manchmal leide ich darunter. Dann denke ich: Viel ist das Leben nicht wert, wenn du es einfach nur so vor dich hinlebst, ohne, dass dir wirklich was richtig nahe geht, dass dich irgendwas so richtig begeistert, ja, ganz pathetisch: Ohne, dass du hinter einer Sache stehst, für die du dein Leben geben würdest. Tatsache ist jedoch: Ich bin nun mal wie Öl. An mir perlt alles ab.

Trotzdem hab ich irgendwann aufgehört, Che wegen seiner Leidenschaft zu bewundern. Genauso gut könnte ich vermutlich Osama bin Laden oder Daniel Martin S. bewundern. Che hängt immer noch in meinem Zimmer. Ich hab ihn dort zurückgelassen.

Zwei Jahre war ich schon in Mittweida, als ich zum Ende des Sommers wieder hierher zurückgekommen bin. Komisch war das Gefühl, gefreut hab ich mich, aufs Schreiben, aufs Radiomachen. Angst hatte ich vor der Mittweida-Lethargie. Dem typischen Müßiggang, der in dieser Stadt zu wohnen scheint. In den Wänden, in der Kanalisation, in den Pflastersteinen auf dem Campus. Unsichtbar, um dann, sobald man länger als 24 in dieser Stadt ist, hervorzukriechen und sein lähmendes Gas zu verströmen. Irgendwie ist gerade alles anders. Ich hab so viel Motivation für die NOVUM wie wahrscheinlich alle vier Semester vorher zusammen nicht. Auf 99drei und seine Aufgaben hab ich auch Lust. Und die restliche Zeit füll ich mir mit Gedanken um die Zukunft und Vorbereitungen für eine rosige solche gut genug an, um nicht vor Langeweile die langweiligen MW-Vorlesungen besuchen zu müssen. So kann ich hier auch das letzte Semester noch einigermaßen überstehen.

So far so good

Es ist verrückt. Vor dem Sommer hab ich nichts mehr gewollt, als die neue Aufgabe beim Praktikum. Zum Ende von eben diesem hab ich nichts mehr gewollt, als mich wieder meinen Aufgaben in Mittweida zuzuwenden. Ich weiß, wie blöd sich der letzte Halbsatz anhört, aber er ist wahr. Und traurig ist er auch. Nicht wegen Mittweida, die Diskussion hab ich lange satt. Sondern weil ich befürchte, dass das mein restliches Leben so weiter gehen wird. Dieser Hickhack. Ständig muss irgendwas neues her. Ständig muss irgendwas neu anfangen und dann aber bitte genauso schnell wieder zu Ende gehen. Ob mich das anstrengt? Nicht sonderlich. Ob ich trotzdem will, dass es aufhört? Unbedingt.

Vielleicht noch ein paar Worte zum Praktikum. Ich habe es in der leisen Ahnung angetreten, dass es nicht das ist, was ich machen will. Es war dafür gedacht, aus einer Ahnung Gewissheit zu machen. Das ist mir gelungen - was die Arbeit im Praktikum nicht abwerten soll. Sie war intensiv, konstruktiv und überhaupt nicht zu unterschätzen. Aber: Ich will schreiben, so viel steht fest. Ich weiß nicht, ob ich das gut genug kann, ich weiß nur, dass ich nichts anderes kann.

Sonst… Berlin ist nett. So als Stadt meine ich. Ich hab eine Weile gebraucht, bis ich die Stadt nett fand und mehr als nett war in den zwei Monaten nicht drin. Vielleicht ist das nie drin. Kein Flair, kein Gesicht - aber sozial interessant, irgendwie schön und außerdem immer voll. Deswegen nett.

Jetzt? Es geht weiter. Wie gewohnt. Ein halbes Jahr noch NOVUM, 99drei, Bürkel-Halle und Studentenclub. Danach dann noch viel weiter und so. Glauben wir ja alle dran. Und machen uns keine Sorgen drum. Und wenn nichts mehr geht - medien-mittweida.de hilft.

Befangen

Dieses Blog schweigt zur Zeit. Nicht nur, weil ich seit sieben Tagen nichts mehr veröffentlicht habe, sondern auch, weil die Veröffentlichungen unpersönlicher werden. Ich habe mich lange gefragt woran das liegt. Ein Analyse-Versuch.

Das ewige Künstler-Klischee. Nur wer so richtig schön unglücklich sein kann, kann auch produktiv sein. Das stimmt soweit, als dass ich das Beste, was ich bisher schrieb, in einem wenigsten diffusen Gefühl von Melancholie oder gar allgemein aufflammender Depression schrieb. Mich in diesen Zustand zu bringen, gelingt mir seit einiger Zeit nur noch selten. Von alleine entsteht er so gut wie gar nicht mehr. Sorgen macht mir das zum Glück keine, obwohl es nicht verwunderlich wäre. Es bleibt schlicht festzustellen: Mein Hang zur Melancholie ist wohl noch vorhanden, allerdings in einem stark abgeschwächten Maße.

Das Keine-Lust-Syndrom. Mein Moleskine-Buch, das ich in freudiger Erwartung auf einen guten Gedanken und in akribischer Vorsorge, ihn konservieren zu können, mit mir herumtrage, fängt noch manches Mal gute Gedanken auf. Nicht weniger als früher, als dieses Blog noch persönlicher und vielleicht auch ein Stück besser war. Ich habe nur schlicht keine Lust, jedem Gedanken nachzugehen und die vielen anderen Gedanken, die sich hinter zwei/drei hektisch hingekritzelten Worten verstecken, zu erhaschen. Dass das Spaß macht, weiß ich. Dass das anstrengend ist auch. Zeit hatte ich auch früher selten, Lust dafür aber eigentlich immer. Jetzt ist mir ein bisschen von dem “Das muss ich Bloggen”-Kribbeln verloren gegangen.

Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Das könnte man jetzt mit der Melancholie-Schiene verbinden oder denken: “Boah, jetzt wirds aber richtig schlimm hier.” Und ich mache es noch schlimmer: Weinen tat mir immer gut. Wie ein warmer Platzregen, der den Dreck vom Auto wäscht. Danach konnte ich immer mit dem gleichen Herzblut helle Texte verfassen wie sonst die dunkelschwarzen.

Ich bin befangen. Als ich dieses Blog gestartet habe, habe ich alles geschrieben, einfach alles. Schamgefühl war selten dabei, ich schrieb drauf los, wurde folglich auch richtig schön persönlich. Ein Problem war das nie, persönliche Texte entstanden aus Empfindungen gegenüber mir selbst. Und nur gegenüber mir selbst, betrafen also auch nur mich. Nur selten touchierten sie andere Menschen in meinem Dunstkreis - und dann nur in Andeutungen. Wer sollte auch eine wirklich persönliche Rolle spielen, damals, in den Texten? Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass sich diese Rahmenbedingungen geändert haben. Das bedeutet nicht nur, dass vieles schon, bevor es zu einem schönen persönlichen Text werden kann, einige Synapsen hinabgeredet wurde. Sondern auch schlicht: Mein Leben und alles, was darin furchtbar und wunderbar ist, betrifft nicht mehr nur mich. Das ist der wichtigste Grund, warum ich irgendwann aufgehört habe, so richtig persönlich zu sein. Nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus, wohl aber mit einer diffus empathischen Empfindung, dass nichts aber auch gar nichts daraus, aus eben diesem Leben, es wert ist, hier herunter geschrieben zu werden. Mit den alten Mustern. Mit dem alten Exibitionismus. Einfach, weil das helle es Wert ist, “geheim” zu bleiben und ich andererseits einfach auch oft keine Worte finde - so nah wie ich jetzt auch am Kitsch vorbeischramme, aber so ist es. Zu dem dunkelschwarzen siehe diverse Textstellen weiter oben.

Ich mochte mein Blog von damals, das persönliche, sehr sogar. Mehr als das, was inzwischen aus ihm geworden ist. Welche Konseuqenz ich daraus ziehen werde - I don’t know. Was mich zu diesem Post veranlasst hat jedenfalls, könnte man in diesem Kontext als positiv bezeichnen: Es gibt es noch, dieses ehrfürchtige Kribbeln in dem Gefühl, etwas bloggen zu müssen. Das hatte ich vorhin und wollte auf der Stelle losschreiben, bis ich zum ersten Mal die Schere in meinem Kopf bewusst wahrnahm. Worüber ich eigentlich bloggen wollte, hätte sich darum gedreht:

Meine Zukunft kommt mir verschwommen vor, verschwommen, unsicher und absolut unsympathisch. Sie ist eine Person, mit der ich nichts zu tun haben möchte. Ohne, dass ich selbst Entscheidungen treffen müsste oder unmittebar vor einer Veränderung stünde. Aber schon das Zuschauen und das dermaßen nahe und tiefe Mitfühlen, macht mich glücklich, unglücklich, frustiert, deprimiert, euphorisch - emotional stark betroffen. Ich lasse das alles einen Teil von mir werden und finde es auch noch gut. Fast bin ich dadurch doppelt Mensch. Mit doppelten Freuden und doppelten Schmerzen. Doppelt schön, doppelt anstrengend.

Mehr nicht.

PS: Bald hat Mittweida mich wieder. Vorprogrammiert: Melancholie. Hoffnung für das Blog naht also auch von anderer Seite.

Gelernt:

Ich bin schlicht zu grün hinter den Ohren, als dass ich Leute erfolgreich für dumm verkaufen könnte.

“Du hast zweifellos Talent, und nicht nur dazu”, sagte sie und tippte dabei auf meinen Aufsatz. “Vor allem hast du das Talent, unangenehm aufzufallen.” Ich rutschte ein bisschen tiefer in meinen Stuhl. Unangenehm aufgefallen war ich schon oft, aber ich war ein guter Schüler und deswegen waren mir Anhörungen wie diese hier bisher immer erspart geblieben.

Sollte mal ein Anfang sein, zu irgendwas. Heute passt er ganz gut, auch als bodenloser Anfang von etwas, dass wahrscheinlich eh nie ein Ende bekommen hätte. Potential hätte ich, hat er gemeint, ohne Frage, großes Pontential. Könne oder wolle es aber nicht abrufen und treibe deshalb in der Mittellosigkeit umher wie ein toter Fisch. Vermutlich hat er Recht. Ergebnisse gibt es kaum handfeste aus den vergangenen fünf Wochen, Frustration und eine Menge Herzblut in Sachen, die dann am Ende irgendwie nur murksig waren, dafür genug. Und viel Hingerotztes, von dem ich selber wusste, dass kein Meisterstück drunter ist. Ist nicht weiter aufgefallen, dass ich versucht habe, die wenigen Möglichkeiten, die sich mir zu geistiger Höchstleistung boten, zu umschiffen. Aus Faulheit und weil ich mit der einen Gehirnhälfte doch auch ganz gut aussah. Kurz vor Toresschluss hat’s dann doch noch jemand gemerkt. Und mir fehlenden Willen bescheinigt, mich schleifen zu lassen, mich faulen Rohdiamanten. Ziemlich ins Schwarze getroffen. Motivation? Möglich. Eher die Frage, ob ich überhaupt jemals Lust haben werde, Potentiale abzurufen. Und die Hoffnung darauf. Mit ein bisschen weniger Selbstbewusstsein vielleicht auch die Frage, ob Potential wirklich das Schwarze ist.

Ich bin jung und gehöre einer Generation an, die mit ansehen muss, wie Generationen weit über der eigenen versuchen, genauso jung zu sein. Berlin ist ein Tummelplatz für allerhand skurrile Leute und die skurrilsten sind die, die ich von Weitem für maximal 24 halte und beim Näherhinschauen für mindestens 42. Ich muss dann immer an dieses Lied denken, forever young und so. Es ist grässlich und einer jener Ohrwürmer, die ich am liebsten mit einem Taschentuch zerquetschen möchte. Entegegen aller Vernunft versuche ich aber in die Textzeile “I just wanne live forever” ein “don’t reinzubasteln. Also ich tausche gedanklich das “just” mit “don’t” aus. Obwohl beides einsilbrig ist, will es nicht recht passen. Es ist wohl nicht besonders in, nicht forever young bleiben zu wollen.

Es geht mir gar nicht darum, dass ich nicht zu der lächerlichen Spezies gehören will, die ihre Jugend verpasst oder versaut hat, um sich jetzt daran festzukrallen, bis die gichtigen Finger weiß werden. Natürlich, ich will nicht mit Anfang 40 plötzlich wissen wollen müssen, wie es eigentlich ist zu kiffen oder was dran ist am die-Nacht-durchmachen. Wer ein Gespür für Kausalzusammenhänge hat, der weiß, dass hier jetzt eigentlich ein Satz kommt, der sagt: Deswegen verschwende ich meine Jugend in vollen Zügen, mach was draus, bla blubb. Der kommt nicht. Denn erstens drohe ich wieder abzuschweifen und zweitens ist das einer von den Sätzen, die ich nur an guten Tagen unterschreiben kann. Oder wenn ich betrunken bin.

Ich will irgendwann eine Antwort. Eine Antwort auf alle Fragen, die mir das dreckige Stück Lebenserfahrung meiner 20 Jahre nicht geben kann. Ich will nicht in zehn Jahren das selbe denken wie jetzt, um Gottes willen: Sollte das so sein, lebe ich in zehn Jahren vielleicht schon gar nicht mehr. Vielleicht will ich Kinder und einen Gartenzaun ums Einfamilienhaus - die Frage ist aber noch nicht geklärt. Ich will mit 40 nicht dasitzen und mich fragen, ob es sich lohnt zu leben. Ich will nicht immer Pizza und Bier gut finden. Ich will nicht mein Leben lang die ganzen dummen Fehler mache, die ich momentan sehenden Auges mache. Ich will irgendwann einfach ein Stück schlauer sein und am Monatsende nicht mehr regelmäßig knietief im Dispo stecken. Ich bin vielleicht nicht wie die ganzen Jungspunde in den melancholischen deutschen Jugendfilmen, aber hey: Ich habe auch keine großen Visionen, die mir durch das Ewachsenwerden noch genommen werden könnten, dafür aber Ziele, die umsetzbar sind. Klingt vielleicht traurig, war aber selten anders.

Ich will nicht, dass das alles morgen passiert. Noch bin ich jung.

Heute ist einer von den Tagen, an denen ich mich komisch fühle. Meine Augen taten schon nach dem Duschen so weh, als hätte ich den ganzen Tag vorm PC gesessen, ich bin recht unschlüssig, was als nächstes zu tun ist und außerdem ist es nun schon nach sieben, obwohl ich erst vor kurzem dem Bette entkroch. Das ist ranzig und irgendwie auch yo bro. (Das passt vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber der Gedanke hat mich erheitert, was momentan viel wert ist. Ist übrigens ein Insider.) Jedenfalls: An solchen Tagen kommt es vor, dass ich auf meinem PC unter Eigene Dateien eigenes Geschreibsel lese. Von irgendwann mal. Ich verbringe dann Stunden damit, Texte besser zu machen oder alles ganz schlimm und elendig zu finden. Das Leben, nicht die Texte, versteht sich. Meistens jedenfalls nicht. Im Endeffekt höre ich dann Hide and Seek und würde mich auch gerne hiden, ohne nach irgendwas zu seeken. Wenns gut kommt, finde ich etwas veröffentlichungswürdig und tue das dann, hier. Danach geh ich raus spielen.

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Wie das kam, weiß ich so genau nicht. Es war jedenfalls keine schleichende Entwicklung, irgendwie war das schon immer da. Fakt ist: Parties machen mich nicht an. Vielleicht sind es einfach nur die falschen Parties. Bestimmt sind es einfach nur die falschen Parties. Vielleicht ist es aber auch mein latentes Desinteresse an der Welt.

Vermummungsverbot? Keine Springerstiefel? Das durchzusetzen hätte den Demonstrationszug um über die Hälfte kleiner gemacht. Am Ende sah aber alles nur gefährlich aus.

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Natürlich gab es dämlich-linke Reden während der Demo. Natürlich gab es aggressive Antifa-Sprechchöre. Natürlich war der Demonstrationszug in sinnfreie Transparente gehüllt. Angesichts des Zeichens, was aber angeblich 2000 Leute auf dem Marktplatz, sonst bevölkert von 20 Nazis, gesetzt haben, will ich mich nicht mehr fragen, ob es ein politisch korrektes war. Wichtig war es.

Friedlich ist es geblieben, am Ende. Auch weil die Nazis sich nicht oder nur einmal, wie mir zugetragen wurde, gezeigt haben. Klug von denen. Sie wären maßlos in Unterzahl gewesen. Selbst gegenüber der Anzahl an Mittweideranern, die anfangs nur scheu aus ihren Fenstern glotzten, am Ende aber am Marktplatz standen, und wahrscheinlich nicht mitbekamen, wie Bürgermeister Damm vom Platz verwießen wurde. Zu seiner eigenen Sicherheit. Auf einer friedlichen Demo ein völlig sinnloser Auswuchs parteipolitischer Grabenkämpfe. Eine Randerscheinung aber, zum Glück, die kaum eine Rolle spielt, bei dem, was Mittweida heute zu meiner Überraschung auf die Beine gestellt hat.

Interessant ist, wie weit das nun in den Alltag der Stadt reichen wird. Ob sich wirklich soviel im Bewusstsein getan hat, wie es heute den Anschein hatte. Zu wünschen wäre es. Sollte diese Demo wirklich Ruhe bewirken, - selbst am Rande von und nach selbiger ist es ruhig, bis jetzt, auch am Markt - hat Damm ein Problem. Mit seiner Glaubwürdigkeit. Und nach seinem blauäugigen Radio-Interview heute (verwieß auf den einen klitzekleinen Zwischenfall und wollte partout nicht von seiner Meinung abrücken, dass die Demo einzig Gewalt bedeutet) erst recht. Aber das ist dann nicht das Problem dieser Stadt. Wenn der Geist von heute hier wirklich existiert, geht es bergauf. Auch wenn das noch so pathetisch klingt.

Es wird eine Demo geben in Mittweida. Gegen Rechts, am 12. Mai. Seit gestern ist sie offiziell genehmigt. Ich stehe ihr gespalten gegenüber.

Ich war überrascht, von der Demo zu hören. Und erfreut. Hab mich kaum daran gestört, dass sie von der Antifa organisiert und von der PDS angemeldet ist. Hab sie nicht hören können, die allzu politischen Argumente, dass das keine Deeskalation sondern eine Eskalation der Situation darstelle. Die Bürger Mittweidas wollen demonstrieren, gegen dass, was sie bisher nur mit einem müden Lächeln bedachten. Schön.

Nun gibt es mehrere Aufrufe zur Demo, die meisten halte ich zumindest für fragwürdig, aber bis zu einem gewissen Grad heiligt selbst für mich der Zweck die Mittel. Ein Aufruf jedoch ist aufgetaucht und war so schnell wieder weg, dass ich es verpasst habe, mir ein Flugblatt davon zu besorgen. Deswegen fasse ich den Inhalt aus dem Gedächtnis zusammen. 500 Leute sind angemeldet, von den Antifa-Organisatoren aus Sachsen. Kommen hier her, mit Bussen, „es wird sichere Parkplätze in Bahnhofsnähe geben“. Oder „eine Anreise per Zug in größeren Gruppen ist zu empfehlen.“ Warum? „Um denen in der Provinz mal zu zeigen, wie man mit Rechten umgeht.“ Genau, auf die Fresse kriegen die, das ist der einzig richtige Weg! Das Flugblatt stammt nicht von irgendeinem autonomen Prügeltrupp sondern vom Anmelder der Demo. Und der ist Bundestagsabgeordneter! Über die Motivation der 500 Nicht-Bundestagsabgeordneten, die hier einreiten sollen, will ich unter diesen Umständen gar nicht nachdenken. Es beunruhigt mich, dass eine Demonstration durch – Achtung, böse! – linkes Gedankengut so dermaßen an ihren hehren Zielen vorbeizuschrammen droht. Die Bürger sollten demonstrieren, friedlich zeigen, dass ihnen die Nazi-Köppe nicht passen. Klingt wie hilflose Allgemeinplätze und nichts anderes ist es. Inzwischen. Wenn damit gedroht wird, dass noch mehr Springerstiefel tragende Hirnlose Mittweida bevölkern. Die treten auch zu, und sei es im Namen Che Guevaras.

Wo sind all die Kirchen, die Wirtschaftsverbände, die einfachen Bürger, die zu dieser Demo aufrufen? Ach ja, stimmt, das Bündnis gegen rechte Gewalt, richtig, die rufen ja auch zur Demo auf. Ich bekomme immer all die Mails aus der Mailgroup dieses Bündnisses. Und darin wird diskutiert. Richtig heiß, mir meistens zu links, aber politische Meinungen sind nun mal politische Meinungen. Neulich ist eine Diskussion um die Auflagen der Demo entstanden. Verboten sind Alkohol, Waffen, Drogen, Schlagstöcke, und ja, Springerstiefel. Kurzer, unbearbeiteter Auszug aus der Diskussion: „Was soll das haben Sie schon jemals eine Demo gesehen in der Springer verboten waren.“ – „Es kann ja ni sein das 300 Leute kommen und heim geschickt werden wegen den Stiefeln, und das sind nicht nur Punx das könnten och solche Leute wie du sein halt die trotzdem Springer anham aus eigenen Schutz, falls die Faschos doch irgendwie angreifen, …“ Muss ich mir Sorgen machen? Das Bündnis zieht, so scheint es mir, zum Großteil eben nicht die Bürger Mittweidas an, sondern Menschen, die unter eine Lobpreisung der Leistungen der PDS den Satz schreiben: „Das Bündnis handelt weise und gut“. Sturm 34 tut das auch. Sicher, die Gründer des Bündnisses versuchen immer wieder, zu deeskalieren und stellen heraus, dass sie ein demokratisches Bündnis sind. Aber sie kommen nicht an damit, in einer Stadt, in der die Stimmung irgendwie zu weit kippt. Und in der es am 12. Mai richtig krachen wird, wenn all das Gerede hier nicht nur die Köpfe heiß machen sollte.

Der bürgerliche Bürgermeister weigert sich, an der Spitze einer solchen Demonstration zu marschieren. Ich solidarisiere mich bestimmt nicht mit ihm, aber auch nicht damit, dass sich plötzlich alle von Links umarmen lassen wollen, nur weil das vielleicht das kleinere, weniger geschichtlich belastete und nach außen repräsentativere Übel ist. Die Mitte also schweigt, hofft auf Gerichte, Aufklärung, Jugendzentren und holt sich damit von den Linken Pügel. Die wiederum holen sich Applaus vom Volk, weil sie als einzige den Mut haben, etwas zu unternehmen. Ich stehe auf meiner Seite und bekomme Kopfschmerzen von diesem Gedankenkarussell. Identifiziere ich mich mit einer Demonstration, deren Organisationsform ich nicht mag? Bleibe ich einer Demonstration fern, deren Hauptziele ich nur eifrig unterstützen kann? Ein klassisches Dilemma, aus dem mir kein Ethikunterricht helfen kann.

Ich werde hingehen. Demonstrieren, mit Menschen, deren Motivationen mir unheimlich sind, die aber das gleiche Ziel haben wie ich. Hoffentlich.

Ich sah ihn schon von Weitem. Angelaufen kam er, seine Rasierklingen gut unter der Alpha Industries Jacke versteckt, Springerstiefel gewissenhaft bis auf die letzte Öhse geschnürt, die Glatze glänzte im Neonlicht. Ein Bier stellte er auf das Kassenband, ich wollte wetten, dass es Sternburg Export ist. Die Wette hatte ich verloren, als die Flasche unter dem monotonen Surren des Bandes heranruckelte. Sternburg Pilsener. Ich wünschte einen “Guten Tag”, so steht es im Handbuch. Er zwang mich, ihn anzusehen, lächelte. “Hallo.” Nett sah er aus, hübsch sogar, auch ohne Haare. Piep. “37 Cent wären’s dann bitte. Dankeschön.” Tippen. “23 Cent zürück.” Ich setzte gerade an, ihm “Auf Wiedersehen” zu sagen, da wünschte er mir fröhlich einen “Schönen Tag noch” und lächelte schon wieder so nett. Seine Silberohrringe zwinkerten mir zu. Ich musste lächeln und “Danke, Ihnen auch” sagen. Er regte sich nicht über den angeblich 3 Cent zu teuren Rettich auf und auch nicht darüber, dass es keine irische Kaffeesahne gibt. Er kaufte einfach nur ein Bier und war mir lieb. Als Kunde. Spätestens wenn er sein Bier und ein paar andere aus dem Kasten seiner Freunde getrunken hat, auf dem Marktplatz sitzt, ja, wenn er vielleicht ein paar Gullydeckel in Fensterscheiben wirft, lächelt er nicht mehr.

Wenn es regnet ist Mittweida eine Qual. Wenn die Sonne scheint, deckt sie schonungslos alles auf, was hier zum Kotzen ist.

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… und werden uns doch von den hundert Mann nicht unterkriegen lassen. Die können einem eigentlich noch Leid tun, diese verirrten Seelen, wo sie doch in dieser Schlacht so zahlenmäßig unterlegen sind. Wenn wir die überbewerten, wenn wir sie überhaupt bewerten, ist das schon zu viel Wert.

Auch wenn ich diese Argumentation nicht mehr hören kann, so dumm ist die Rechnung gar nicht. Bei 17.000 Einwohner geht diese kleine Randgruppe wirklich unter. Zahlenmäßig. Nur bilden diese 17.000 Einwohner keine Armee, noch nicht mal einen Volkssturm. Das ist ein mieser Haufen von Wehrdienstflüchtlingen, die sich um acht vor der Tagesschau über NPD-Aufmärsche in Hauptsache-weit-weg aufregen und nach dem Spätfilm die Fenster zum Markt schließen, damit sie ruhig schlafen können. Nicht ohne vorher noch einen spähenden Blick durch die Spitzengardine auf die Jugendlichen da unten zu werfen und den Kopf zu schütteln. Jeden zweiten Donnerstag finden sie es beim dritten Bier im Schlemmereck dann gar nicht mehr so schlimm, das bisschen braune Farbe im sächsischen Landtag, dass tut denen da oben doch ganz gut. Gewählt haben sie die NPD natürlich nicht, nein, gewählt haben sie gar nicht. Mittweida schaut nicht weg, Mittweida schaut sogar ziemlich genau hin. Nur ist es Mittweida egal.

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Mittweida hat was hübsches, besonders, wenn die Sonne scheint. Die Rochlitzer Straße sieht dann hübsch aus, auch der Markt. Gestern habe ich mir am Stand vor der Bäckerei Möbius fünf Krapfen gekauft. Ich fand den Stand, obwohl er fast nichts kleinstädtisch-romantisches hatte, putzig in dem Moment. Irgendwie friedlich, wie die Krapfen da zuckerbestreut auf ihrem Blech lagen, über den Asphalt dufteten und einfach nur schön waren. Da war für ein paar Sekunden das, was ich Filmmusikmoment nenne. Da fehlt nur eine krafvolle Instrumentalmusik nach dem Vorbild von Rosamunde-Pilcher-Filmen, ja, allein der Gedanke daran, lässt meinen Blick fast kameratauglich weit werden. Die Stirn in Falten gelegt, ein halbes Lächeln um Augen und Lippen denke ich dann immer, wie gut es wäre, das weiche Gefühl im Bauch jetzt halten zu können. Aber schon der ordinäre Beutel aus Plastik, den die Verkäuferin umbarmherzig um die Bäckertüte voller Krapfen knotete, hat den Moment wieder zu einem aus dem Leben gemacht. Gefühlsduselei wegen Krapfenständen, Wehmut wegen Knotenbeuteln. Grübeln, weil Filmmusikmomente schön und flüchtig sind, Grinsen, weil das gut ist.

Gefühle sind wie Birnen: Absolut das Beste, was es gibt. Allerdings ist es schwer, an die perfekte Birne zu kommen. Entweder sie sind so hart, dass sie fast schon Äpfel sind, oder so weich, dass sie fast schon Bananen sind. Ein Dazwischen findet man wahrscheinlich nur auf einem Wochenmarkt in Kleinbüttelsdorf. Meistens kaufe ich zu harte Birnen, in der Hoffnung auf Entwicklung unter Zimmertemperatur. Jedoch sind Birnen unberechenbar. Erst werden sie überhaupt nicht weich und dann sind sie innerhalb eines halben Tages Matsch oder wenigstens Halbmatsch. Ich verpasse fast immer die beste Zeit in einem Birnenleben. Gefühle sind auch unberechenbar, ihre Entwicklung ist aber nicht immer so kurzlebig. Orte, Situationen und vorallem Gerüche verbinde ich schnell mit Emotionen. Der erste, oberflächliche, rein funktionelle Eindruck von den Dingen hat eine Halbwertszeit von maximal einer Woche. Dann verschwindet er immer mehr, meistens vergesse ich ihn ganz. Zuletzt allerdings kamen an verschiedenen Stellen Gefühle wieder hoch, die ich eigentlich schon lange vergessen hatte. Orte nehme ich plötzlich wieder so wahr, wie zu dem Zeitpunkt, als ich noch nicht wusste, was hinter einer Tür ist oder wo mir noch auffiel, in welcher Farbe die Wände gestrichen sind. Als heute morgen die Sonne über den dachverpappten Dächern der Minigartenanalage gegenüber dem Alcatraz aufging, hatte ich das Gefühl, als würde ich das zum ersten Mal sehen. Suus säuselte mir den Wetterbericht ins Ohr und gleich danach, beim Frühflieger-Jingle, hatte ich schon wieder vergessen, dass ich sie persönlich kenne und empfand so ziemlich dasselbe Alles-neu-Gefühl wie damals, als ich in den Anfangstagen des ersten Semester täglich Frühflieger hörte, weil ich täglich zeitig und pünktlich zur Uni ging. Irgendwie hörte dieses Gefühl auch nicht auf, als ich, Atemwölkchen produzierend, zum Haus vier schlich. Als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt sind die meisten Orte entemotionalisiert, alles auf Anfang, Re-Metamorphose. Ein diffuses, aber kein schlechtes Gefühl. Das perfekte Gefühl ist eh nicht zu kriegen, also nehme ich dieses. Reinbeißen und gut finden, bevor’s matschig ist.

Auch ansonsten geht so einiges von vorn los.

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Es gibt Probleme, für deren Lösung bin ich kein guter Ratgeber. Ob sparkassenroter oder doch lieber russischgrüner Lidschatten zu sternchenblauen Augen passt zum Beispiel, wage ich nicht gewinnbringend zu beurteilen. Es ist mir auch recht gleich, ob man Zähne von oben nach unten putzt oder lieber kreisende Bewegungen machen sollte. Schrubben bis es sauber ist, tuts meiner Meinung nach auch.

Ansonsten helfe ich gern.

Nun ist aber auch meine Geduld begrenzt, besser: besonders meine Geduld ist begrenzt. Ich mag es nicht, wenn sich Gespräche im Kreis drehen. Das ist anstrengend. Nun bin ich ja zuweilen auch ein recht anstrengender Mensch, weswegen ich emotionaler Umnachtung geschuldete Karussellfahrten eine ganze Weile lange geduldig ertragen kann. Wenn man mir nun aber dann schon im Tagesrhythmus “Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt” ins Ohr euphoriert, schlägt gesunder Egoismus durch und ich denke doch lieber ein bisschen über French Nails nach. Vielleicht sogar über den Klimawandel.

Gedrückter Repeat-Knopf aber ist gar nicht das Schlimmste. Schlimmer ist das offensichtliche Suhlen in Problemen mit eingebautem Anti-Vir in der Lösungsvorschlag-Version. Meine Motivation zuzuhören, sinkt proportional zu der steigenden Zahl abgewiesener Lösungsvorschläge pro Stunde.

Raus aus dem Kämmerchen und handeln ist bezüglich des Schwierigkeitsgrads nicht vergleichbar mit Schokoeis-Essen und Dirty Dancing gucken. Ein Problem zu haben ist manchmal viel einfacher, als es zu lösen. Mit der Angst vor dem, was da kommen könnte, ist der problematische Ist-Zustand gleich viel einfacher zu ertragen. Diese Problem-Lethargie ist nicht gerade ein Paradebeispiel für Lebenskompetenz, ich will aber nichts anprangern, was ich auch schon so manches Mal zelebriert habe.

Meine Frage aber ist: Warum erzähle ich von einem Problem, das ich eigentlich lieber gießen und düngen will, anstatt es zu lösen? Probleme machen interessant, ohne Frage, aber reine Effekthascherei? Arm. Vielleicht das klassische “Ich brauche wen zum Zuhören”. Verständlich, selbst für Teilzeit-Pragmatiker wie mich. Als solcher bin nun aber recht lösungsortientiert. Und ich mache mir ungern Gedanken über mögliche Lösungen, wenn solche gar nicht erwünscht sind. Wenn jemand keinen Schornstein hat und trotzdem einen Schornsteinfeger bestellt, dann ist der auch mindestens zerknirscht, macht vielleicht sogar ein paar trotzig-schwarze Tapsen auf den “Herzlich Willkommen”-Vorleger. Wenn jemand zu mir kommt und Rat will, dann geh ich davon aus, dass er das auch wirklich will. Wenn er nur rumlabern will, hey, als ob ich da was gegen hätte. Ich lass mich nur ungern verarschen. Und das hier ist keine Daily Soap, bei der gefühlte dreieinhalb Wochen mit ständiger Redundanz vergehen müssen, bis ein Sachverhalt abgehandelt ist. Oder letztendlich tot geredet wurde.

Ich schreibe gerade an dem Beleg für Internationale Mediensysteme. Ganz stimmt das freilich nicht, denn ich blogge. Aber zumindest sollte ich mich Frau Balabans Aufgabe widmen. Die denkbar einfach ist: Darstellung des Mediensystems eines beliebigen Landes. Für sich genommen ist das kein Drama. Zusammen mit Frau Balabans Auffassung von wissenschaftlichem Arbeiten allerdings schon. Kleiner Auszug: “Jede wissenschaftliche Arbeit braucht eine Forschungsfrage. Unsere wäre also zum Beispiel: ‘Wie sieht das Mediensystem im Land X aus?’” Toll. Das Maß an geistiger Eigenleistung ist geradezu überwältigend. Da hab ich schon in der Schule spannendere Hausarbeiten geschrieben. Schlimmer ist, dass Frau Balaban aber nicht konsequent bei ihrer Linie des geringsten Gedankenvolumens bleibt. “Was ich absolut nicht will, ist Copy und Paste aus dem Internet. Auch nicht, dass Sie Passagen nur umschreiben. Ich krieg das raus!” droht sie mütterlich mit dem Zeigefinger. Klar, wir haben ja auch alle Zeit, mal eben ein halbes Jahr lang im Blätterwald und dem Kastenflimmern des Landes unserer Wahl zu verbringen. Sechs Monate, vorausgesetzt, wir beherrschen die Muttersprache bereits. Das ist meines Erachtens einer von drei Wegen, um ein konsequentes Abschreiben zu vermeiden. Ein anderer wäre die Aufstellung einer anständigen Forschungsfrage. Und den dritten, ja, den hat uns Frau Balaban leider auch verbaut: Die Betrachtung der Medienlandschaft im Land X unter anständigen Gesichtspunkten. Dazu wäre eine anständige Lehrveranstaltung nötig ganz gut gewesen. Aber abgesehen von leidlich spannendem Pseudo-Nähkästchen-Blablubb (was hat die Frau Balaban eigentlich gemacht? Außer Internationale Mediensysteme zu studieren? Ist das hier nicht eine Fachhochschule?) und sinnfreien, aufgrund von Schriftgröße 8 kaum zu erkennenden Dreiecken, die wohl irgendeine Theorie über die Grundtypen der Mediensysteme dieser Welt darstellen sollten, kam nicht viel. Den Rest der Zeit haben die, die dann noch zu den Vorlesungen kamen wir damit rumgebracht, Kommilitonen beim Referieren über die Mediensysteme in anderen Ländern zuzuhören. Die Powerpoint-Folien waren schön.

Nun habe ich also die Wahl: Mich selber in das Thema Internationale Mediensysteme einarbeiten und eine anständige, nicht geklaute Belegarbeit schreiben. Oder Copy-and-Paste-Deluxe alá Denise. Ich denke darüber nach, wenn mein Anfall pseudointellektueller Gewissenhaftigkeit vorüber ist.

2006…

liegt röchelnd in seinen letzten Zügen. Die Jauchs und Kerners dieser Welt haben ihre zu vorsätzlich tränendrüsendrückenden Jahresrückblickshows moderiert, Weihnachten hat es mal wieder nicht geschneit und ich versuche, meiner sentimentalen Ader die Blutzufuhr abzudrehen. So recht gelingen will es nicht. Schließlich ist schon wieder ein Jahr rum, noch dazu eines der bisher wichtigsten in meinem Leben. (Jaaa, jetzt ist der Zeitpunkt zum Schluchzen gekommen!) Gemäß irgendeinem blöden Kalenderspruch freue ich mich jetzt aber einfach mal, dass ich dabei gewesen bin und erlaube mir die Schwäche eines kleinen Rückblicks.

Den Januar hab ich freilich nicht nüchtern begonnen, hab mich schnell an die 06 gewöhnt und bin später dem Flexx beigetreten. Seitdem haben meine Gewichtsschwankungen in erschreckender Weise zugenommen.

Im Februar hab ich Strohballen zu den Klängen von Ennio Morricone durch Mittweida wehen sehen, mit der einzig verbliebenen Asti nichts mehr zu reden gehabt, deswegen ein Spiel von der Rückseite der Toffifee-Packung ausgeschnitten und zusammengeklebt. Zwei Etagen! Würfel hatten wir keine, aber unbegrenztes Vertrauen zu einander. Nebenbei hab ich in zwei Wochen fünf Belege geschrieben.

Zum März will mir einfach nichts einfallen. Ein Fehler in der Matrix? Mein altbekanntes Chronologisierungsproblem? Festplattenteilformatierung durch zu viel Alkohol? Schlaf? Arbeit?

Im April hab ich mir meine zarten, mit Florena Hand&Nail gepflegten Hände und einen Großteil des restlichen Körpers dreckig gemacht und das erste Mal ein eigenes Hexenfeuer aufgebaut, um es später angemessen mit Tequila und Grappa und den anderen Aufbauern zu begießen.

Im Mai hab ich mich emotional gequält, selbst nicht mehr verstanden und mit euphorischer Überschätzung der Situation eine Freundschaft kaputt gemacht.

Im Juni bin ich auf einer dermaßen geilen Fußball-Welle mit geschwommen, dass ich es nicht mal schlimm fand, mir nach dem Italien-Spiel jungenhaft die eine oder andere Träne in Leipzigs Straßenbahnen zu verkneifen.

Nicht nur, aber auch im Juli bin ich unterm Zaun auf den Chemnitzer Uni-Sportplatz durchgekrochen. Nicht ohne allerdings vorher eine Decke gegen den Schmutz unter zu legen. Die weißen Shorts dreckig zu machen, blieb beim Beachen ja noch genug die Möglichkeit.

Im August hab ich im Zelt geschlafen, unendlich oft Schwäne und Sonnenuntergänge fotografiert und mich von Fünftklässern im Fußball abziehen lassen. Um das zu verdauen, hab ich, meinem Intellekt frönend, sechs Stunden im Deutschen Historischen Museum verbracht und nachts zwei Stunden ununterbrochen Assoziationskette gespielt.

Im September hab ich mich über jedes „Gebatessssss“, jedes Alt-Opa-Schnaufen und jedes grinsende Hinterherlaufen gefreut und all das später dann schmerzlich vermisst.

Die Fachhochspiele im Oktober waren spaßig für mich, ich hab aber auch gelernt, dass ich besser was anderes machen sollte. Ansonsten kann ich mich irgendwie nur an viel Alkohol und noch mehr stupide Geistlosigkeit erinnern.

Der November wollte mir beibringen, dass Schlaf ein hohes Gut und Kreativität eine Droge ist. Nebenbei hab ich wieder mal den Mauerfall auf dem Klo hockend verpasst erlebt und sogar eine Banane abgestaubt. Wer hat die eigentlich?

Mit den Würfeln, die ich nach der Toffifee-Spiel-Aktion vom Februar gekauft hatte, schließt sich im Dezember der Kreis: Sie kommen zu ihrem ersten Einsatz. Außerdem hab ich das Pokern wiederentdeckt bekommen und menschlich ein paar der besten Entdeckungen des vergangenen Jahres oder vielleicht auch überhaupt gemacht.

Nachschlag?

Wörter des Jahres, sorgfältig ausgewählt

  • Sozialpornografie
  • Argentinen-Spiel („Argentinien“ ist hier Platzhalter, das Land ist aus denen, gegen dessen Nationalmannschaft Ballack und Co. gespielt haben, frei wählbar)
  • Gemurfel

Sprüche des Jahres, merke: Running-Gags für 2007

  • “Früher war Heinz ein Vorname. Jetzt ist Heinz ein Lebensstil.”
  • „Guck mal, der Mond da hinter den Wolken, das hat man bestimmt mit dem Gauß’schen Weichzeichner gemacht!“
  • „Beim Kopfrechnen habt ihr nur gelabert!“

Das Beste an 2006 war….

  • die Sonne im Sommer
  • die unendliche Geschichte „Terrassen-Krimi“
  • die Unicum-Tüten in der Mensa

Das Schlimmste an 2006 war…

  • die AMAKs und ihr Red-Bull-Schnaps
  • das Fernweh und die Kater-Kopfschmerzen, wenn das Paracetamol gerade mal aus war
  • dass ich nicht Bowlen kann

Und 2007? Vorsätze hab ich keine, wie jedes Jahr. Vermutlich werde ich einfach so weiter machen. Zu viel trinken, zu wenig schlafen. Im Haus vier am Automaten Kaffee schlürfen. Gegen Lantzschi noch viele tolle Battle-Texte verfassen. Zu jedem Stichwort eine Liedzeile anstimmen. Beim Activity gewinnen. Mein Gehirn nochmal wiegen lassen und auf mehr als 1034 Gramm hoffen. Mit Ohrstöpseln schlafen und ohne viel zu laute Musik hören. Meine Augenringe pflegen. In der Mensa Schnitzel mit Pommes und im Bukowski Nachos mit Käse essen. Zu viel Hesse lesen. Mit der Redaktion viele gute und schlechte NOVUMs produzieren. Und jeden Tag – wenn ich es nicht mal aus Versehen vergesse – froh darüber sein, dass ich doch nicht Rechtsanwaltsgehilfin geworden bin. Vielleicht zieh ich um, denn davon träumt mein prophetisches Gemüt zur Zeit ständig. Vielleicht gelingt es mir, Fotos von mir machen zu lassen, auf denen ich einfach nur – ohne Zunge, ohne Grimasse – in die Kamera gucke. Vielleicht geh ich endlich mal zum Zahnarzt. Vielleicht läuft mir die Liebe meines Lebens über den Weg. Vielleicht gewöhne ich es mir ab, an den Nägeln zu kauen. Vielleicht werde ich geduldiger. Vielleicht lass ich mich fürs Bloggen bezahlen und kaufe von dem Geld die AMAK AG. Auf jeden Fall aber freu mich mich drauf. Prost!

Gerade habe ich erfahren, dass ein Kindergartenfreund von mir, zwei Wochen älter als ich, vor kurzem Vater geworden ist. Ein Mädchen, ein Wunschkind. Das Erste, was mir einfiel, war “Süß!”. Das fand ich zwei Sekunden später irgendwie arm. Der nächste Gedanke war dann auch schon: “Scheiße, es wird Zeit…”

Rational betrachtet ist das natürlich Schwachsinn. Kinderkriegen ist wie alle Entwicklungen im Leben nicht an Altersstufen gekoppelt und wenn ich mich so umsehe, dann ist besagter Freund auch eine ziemliche Ausnahme. Trotzdem fühl ich mich gerade sehr gehetzt, alles muss fertig werden: die Pasta, die Weihnachtsgeschenkideen, die Belege, das Studium, die Abnabelung und das Erwachsenwerden (”Du bist doch alt genug”, ruft Mutti), der Plan fürs Leben. Später (”Und besser eher als spät”, ruft irgendwer.) dann die Partnersuche, die Karriere, die Hochzeitsvorbereitungen, das Kinderkriegen, die Karriere Teil zwei, das Eigenheim, die Rentenvorsorge (”Schon zu spät”, ruft Riester), die Reisen im Rentenalter, die Versorgung der Enkelkinder mit Geschenken, der Grabstein.

Eigentlich hab ich für alle die, die immer sagen “Das Leben ist zu kurz, man muss es nutzen” nicht viel mehr als ein müdes Lächeln übrig. Die sitzen ihr ganzes Leben an Plänen für selbiges, haben immer schon irgendwo, irgendwas gemacht, sagen ständig Sachen wie “Aus dem Alter bin ich raus” oder “Die Zeiten sind lange vorbei”, stehen mit Handy am Ohr täglich in Kontakt zu ihrem Schwäbisch-Hall-Berater, den sie großkotzig duzen und suchen bei IKEA schon mal die Tapete fürs Treppenhaus raus, zeigen stolz ihre erbärmlich zusammengeklaubten Erfolge rum und versuchen, dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu geben. Das hilft gegen die größer werdenen Zweifel daran, ob sie wirklich ein so tolles Leben führen, genauso, wie wenn ihnen andere grundsätzlich auf der linken Spur des Lebens Fahrenden anerkennend auf die Schulter klopfen. Dann können sie wieder ein paar Nächte ohne die Johanniskraut-Dragees, die sie heimlich im Rossmann der Vorstadt gekauft haben, einschlafen.

Ich schlafe gut und zweifle gerade dennoch. Daran, ob ich denn nun so richtig liege mit meiner Auffassung vom Leben und es mir leisten kann, über die gestriegelten Anzug von C&A-Träger herzuziehen. Machen die es nicht richtig? Brauch ich vielleicht doch einen Plan? Hieße das nichts anderes, als mir zu überlegen, an welchem Ort der Welt ich die restlichen, positiv geschätzten sechzig Jahre meines Lebens verbringen will? Welchen Job ich in der Zeit machen werde? Wo ich mein Brautkleid kaufen werde? Gruselig? Ja, ich hör auf.

Die Pasta steht immer noch ungemacht in meiner Küche, wiedermal hab ich meine Zeit verschwendet. Richtig oder falsch, schön war’s.

Am Ende eines Tages bin ich immer froh, wenn er sich gelohnt hat. Die meisten meiner Tage lohnen sich, selbst die, an denen ich maximal sechs Stunden “wach” bin. Gut ist, wenn ich etwas gelernt habe. Fachlich, menschlich, sinnlos, wichtig, bald wieder vergessen, für immer gemerkt - völlig egal. Ich mag das Gefühl, ein bisschen klüger zu sein, als vorher. Auch, wenn’s erst hinther ist. Zuletzt gab es recht interessante Erkenntnisse:

  • Ich bin erwachsener geworden. Hat man mir zumindest gesagt. Ich hab mich gleich gefragt, ob “erwachsen” ein Synonym für “ernst” ist, hab den Gedanken ob kleiner Geister aus Servietten, Sinnloswitzen und Bleistift schwingender Fragen wie “Willst du geimpft werden?” aber schnell wieder verworfen. “Reifer” sei demnach vielleicht das bessere Wort, war die Antwort auf meine Nachfrage. Mmh. Vielleicht stimmt’s, irgendwann muss es ja auch mal vorangehen.
  • Proto-Semitisch ist eine Sprache. Mit hübschen Schriftzeichen. Einigen von denen sollte der Weg in die Neuzeit geebnet werden, die proto-semitische Schlange zum Beispiel ist recht sympathisch.
  • “Durchgeführt” ist kein journalistisches Wort, Feiertage wie “Weihnachten” oder “Halloween” sind präpositionslos und Artikel fangen immer im Perfekt an. Letzteres hab ich Donnerstag (also heute vor einer Woche, Anm. meinerseits) gelernt und bereits Montag war es wieder vergessen. Mist.
  • Wenn die Stadt Mittweida die Kostenstrukturen der Freiwilligen Feuerwehr - sprich Entschädigungen für die Feuerwehrmänner usw. - überdenkt und dann in der Beschlussvorlage “Gebührenerhöhung” steht, dann heißt das zwar, dass die Stadt mehr Geld für die Feuerwehr auszugeben gedenkt, nicht aber das sich gleichzeitig die Entschädigungen erhöhen. Im schlimmsten Fall erhöhen sich die Kosten der Stadt, aber die Gelder für den gemeinen Feuerwehrmann sinken. Logisch? Fand ich nicht. Deswegen steht in der NOVUM vom 5. Dezember, dass die Entschädigungen erhöht werden, obwohl sie tatsächlich gesenkt werden. Hängt wohl damit zusammen, dass ein neuer (?) Mannschaftswagen mit seinen Abschreibungen und anderem BWL-Kram in die Kalkulation mit eingeht, was die Kosten für Plätzchen-Matze und seine Freunde in der Verwaltung erhöht und zwar so sehr, dass die Entschädigungen gesenkt werden müssen. So steht das nicht in der Beschlussvorlage, so ist es aber. Ich entschuldige mich für die schlampige Recherche.
  • Trotz allem: Recherche liegt mir. Mit unbestechlichem Scharfsinn, Kombination längst vergessen geglaubter und damals unwichtig erscheinender Gesprächsfetzen und ein bisschen Gegoogle, wusste ich, trotz strenger Geheimhaltung, dass es gestern dahin gehen sollte. Buttons gab’s zwar nur vom Support-Act, geil war’s trotzdem.

Ich betrete den Warteraum, denn noch sind es mehr als zwanzig Minuten, bis mein Zug losfährt. Im Raum stehen sieben Sitzbänke, drei davon sind mit jeweils einer Person besetzt. Ich setzte mich auf eine, die zwischen, zwei anderen an der Wand steht. Meine Reisetasche und meinen Rucksack stell ich links neben mich, rechts neben mir wäre noch Platz für eine weitere Person. Links von mir auf der Bank sitzt eine ältere Frau, rechts von mir auf der Bank ein älterer Mann. Ich vertiefe mich in mein Buch. Nach einer Weile steht der Mann rechts neben mir auf und ich zucke ein bisschen zusammen, als er die Stille ziemlich abrupt mit “Kommste mit?” unterbricht. Während ich mich noch frage, wen er damit gemeint haben könnte, - einen Hund hatte er nicht dabei - antwortet die Frau links von mir: “Jetzt schon?” Antwort des ihres Mannes: “Nuja, zeitsches Kommen sischert de bestn Plätze.” Während die beiden mit etwa zwei Metern Sicherheitsabstand auf den Bahnhof humplen, frage ich mich, ob sie aufgrund der besten Plätze auch zwei Bänke mit einer bis ich kam leeren Bank dazwischen besetzten. Dick waren sie nicht.

Ab und an schreibe ich was mit Bleistift in ein kleines schwarz-rotes Buch. Kein Tagebuch (kein Eintrag fängt mit “Heute…” an), aber so was ähnliches. Das Buch liegt da auf meinem Nachttisch wie die Büchse der Pandora auf ihrem Steinsockel. Immer wenn ich darin lese - die meiste Zeit kann ich mich zum Glück davon abhalten - bin ich der festen Überzeugung, ein van-Gogh-Verschnitt müsse sich in mein Zimmer meine Wohnung geschlichen haben, nur um was ins Buch zu schreiben. Möglicherweise ist das Geschriebene aber doch von mir, eben nur unter erheblichem Drogen - oder Alkoholeinfluss entstanden. Sollte dem so sein, muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich mir demnächst ein Ohr abschneide.

Scheinbar steh ich darauf, mich zu den in unregelmäßigen Abständen aufkommenden Schwermutsanfällen in irgendwelchen hausgemachten Seelenqualen zu suhlen. Da das nicht gesund ist, habe ich einen Weblog gegründet. Seitdem es Casus Belli gibt, schreib ich nicht mehr so viel in das Buch. Das ist komisch, denn ich lehn mich hier nicht gerade weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die Themen sich nicht ähneln. Will ich aber möglicherweise mit Geschichten über Waschmaschinen auch nur meinen nicht zu bändigenden Wunsch nach Waschwasser für die Seele ausdrücken? Stehen fehlende Schneebesen einfach nur für Klumpen im Gehirn? Wünsch ich mir statt murfelnder Wartezimmeroldies eine Kittelschürzenoma, die mir aus “Grimms Märchbuch” vorliest und erklärt, das alles gut wird, wenn ich nur fest dran glaube? Unterdrücke ich mit zynischen Kommentaren zu Ex-Mitschülern meine eigenen geplatzten Träume? Wäre ich einfach nur gern ein Bläßhuhn?

Freuds Erben sollten mir die Fragen beantworten. Oder ich werfe das Buch weg. Die ersten Seiten vergilben eh schon.

Eigentlich finde ich es immer ganz interessant, fremden Menschen bei fremden Gesprächen zu mir fremden Themen zuzuhören. Das befriedigt den Voyeur in mir. Heute allerdings, als ich wartend im Wartezimmer saß, nervte mich das Gemurfel zweier betagter Damen sehr. Ich wollte nur lesen und mir ab und an die Nase putzen.

[Gemurfel] “…Sie haben Ihren Mann ja nun auch schon 6 Jahre unter der Erde.” - “Im Mai werden es sieben….” [Gemurfel]

Ich sah mich kurz um. Keiner der Wartenden schien was Akutes zu haben. Alle waren mindestens 70 und ich glaube, die meisten von denen haben zwei/drei Arztbesuche in der Woche mit “Richter Alexander Holt” und “Lindenstraße” unter einen Hut zu bekommen. Leute mit akuten Dingen gehen nicht zum Arzt, sondern zu den “Altapharma”-Regalen im Rossmann. Die Praxisgebühr ärgerte mich gerade, denn ich hätte gern jemanden an meiner Seite gehabt, den die beiden Damen genauso hätten nerven können wie mich.

[Gemurfel] “…Ich hatte ja selber fünf Kinder damals…” [Gemurfel]

‘Boah,’ dachte ich. ‘Gleich kommt bestimmt ein früher-war-alles-besser-Satz.’

[Gemurfel] “…Früher hat man auch mal jemanden auf der Straße getroffen…” [Gemurfel]

Mit Nachdruck ermahnte ich mich, nicht nur dumm ins Buch zu gucken, sondern auch zu lesen.

[Gemurfel] “…Manchmal geh ich hinten in die Scheune und hacke Holz. Ich brauch’ die Ausarbeitung…” [Gemurfel]

Überrascht sah ich auf. Ja, stimmt, neben der Holzhackerin stand tatsächlich eine Krücke, so wie ich’s in Erinnerung hatte. Ich war beeindruckt.

[Gemurfel] “…68 Beileidskarten habe ich bekommen, von Ihnen war da ja auch so ein schöner Spruch dabei. Manchmal hole ich die raus und lese sie…” - “Ja, solche Tage kenne ich…” [Gemurfel]

Nachbar H. in meinem Buch rückte in den äußersten Dunstkreis meiner Wahrnehmung.

[Gemurfel] “…Die Kinder sagen immer: ‘Du hast’s doch gut hier!’ Aber das einem die Decke auf den Kopf fällt, wie schlimm es ist, den ganzen Tag niemanden zu hören, das verstehen die nicht… Das können die gar nicht nachvollziehen…” [Gemurfel]

Meine Oma lebt nicht mehr. Ich habe eine Großtante, die ich ab und an mal besuche. Aber auch das nicht mit ehrlicher Freude. Sie redet von Wärmekissen, Arztbesuchen, Schulterschmerzen und GZSZ. Sie fragt auch nach meinem Studium und ob ich einen Freund habe und so. Aber obwohl ich echt laut, langsam und deutlich spreche, nickt sie oft nur und sagt “Jaja, jaja”. Dann weiß ich, dass sie mich nicht verstanden hat. Ich wiederhohle mich manchmal, irgendwas ein drittes Mal zu sagen, bin ich aber zu faul. Oder zu ratlos. Vielleicht auch zu desinteressiert.

“Sie und ich, wir sehen uns auch zu selten.” - “Ja, sie gehen die eine Treppe nicht hoch, und ich gehe sie nicht runter….” - “Na, da alles Gute!”

Ich hatte ehrlich Mitleid. Und irgendwie ein schlechtes Gewissen. Vielleicht besuche ich meine Großtante am Wochenende. Aber wenn sie das erste Mal irgendein medizinisches Fachwort verwendet oder mich mit ihren großen Augen, in denen ich schon ein weißes Kleid gespiegelt sehe, nach meinem Freund fragt, werd ich’s langweilig finden.