Bin dann mal weg

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Als Berlin rauchte und Lichtenberg brannte, war Silvester dann doch nicht mehr so schlecht.

Mehr Eindrücke und Fotos hier.

Wenn man von Mittweida nach Berlin fährt, ist das wohl der direkteste aller Wege von der Provinz nach … ja wohin eigenlich? Leben? Großstadt? Eigentlich sollte dieser Satz cooler und flüssiger kommen, das richtige Wort hab ich aber immer noch nicht. Das hier ist Liveblogging, also fragt euch nicht, warum ich das nicht einfach korrigiere und auf den Einfall des richtigen Wortes warte. Ich will euch damit nur zeigen, wie unfakig ich bin.

Weiter im Text. Am Freitag durfte ich exklusiv erleben, was dieses Provinz-Großstadt-Ding in der Praxis bedeutet. Ich werde Klischees wälzen müssen.

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Quersteher

Rechts das Gaspedal, links die Bremse, Vollgas. Kart fahren ist einfach.

Das im Hintergrund, im feschen roten Rennanzug, bin ich. Ich sah wichtig aus (”Wer ist hier für die Einteilung zuständig? Sie?”). Ich sah professionell aus. Zumindest solange bis ich das erste Mal im Reifenstapel klebte, die Vorderräder zu verkeilt, um mich ohne fremde Hilfe wieder rauszuschieben. Der nette junge Mann vom technischem Personal sollte noch des Öfteren über die Strecke huschen müssen, um Kart Nummer 4 aus einer misslichen Lage zu befreien.

Ein bisschen besser, aber immer noch schlecht, fuhren meine Teamkollegen. Unser Stolz darauf, alle drei noch nie Kart gefahren zu sein, schrumpfte nach Platz acht von acht nach dem Qualifying mächtig zusammen. In Galgenhumor schlug er dann um, als ich nach meinem ersten Renneinsatz (wir wechselten immer im Viertelstundentakt, sehr professionell, mit Kart-Nummer raushalten, um dem Fahrer zu signalisieren, er möge “rein” kommen) nur so um die acht Runden Rückstand hatte. Ich beschloss umzuschulen. Boxenluder vielleicht.

Unsere Platzierung bei Zieleinfahrt zu nennen, lass ich bleiben. Nur so viel: Auf dem Treppchen standen wir nicht.

Das Ganze ist wirklich ein Sport. Um alles aufzuzählen, was mir heute wehtut, müsste ich soviel tippen, dass mir noch mehr wehtun würde. Strapazen hin oder her: Fliehkräfte hautnah, Reifenquietschen, schön um die 180° Kurven rutschen, Zusammenstöße, fehlende Servolenkung - war schon geil. Und Komplimente gab’s auch: “Dafür, dass du sooft irgendwo querstandest, warst du ganz schön schnell. Naja, vielleicht nicht schnell, aber okay.” Danke. Ich übe mit meinem Bobbycar.

Dienstagmorgen, Nebelschwaden ziehen noch ihre Kreise über Mittweida und ich muss aufstehen. Aber immerhin fahren wir nach Berlin! Und immerhin sitzen die Coolen ganz hinten im Bus!

Ereignisarme vier Stunden später stehen wir am Zoo. Noch scheint die Sonne und die Füße sind munter. Beste Voraussetzungen also, um in der knappen Zeit, die uns bis zum ersten Termin bleibt, ein bisschen Hauptstadtluft zu schnappen. Freilich drehen wir nur kleine Kreise um die Gedächtniskirche, trinken Kaffee, entdecken die Liebe zur Fotografie - und die Schwierigkeit, inmitten eines Meeres an Geschäften an R6-Batterien zu kommen (fünf Euro haben mich letztendlich vier Stück gekostet) - und nutzen die Gelegenheit, einen Hamburger Royal TS mit Pommes zu bekommen.

Natürlich kommt der Bus zu spät. Und das obwohl wir “alle Manager sind”. Natürlich bleibt keine Zeit, die Menschen zu fragen, wie es denn bei RS2 gewesen sei. ProSiebenSat.1 wartet schon. Dort achtet man mit deutscher Genauigkeit auf jeden einzelnen seiner Gäste; jeder bekommt ein Kärtchen mit seinem Namen. Das muss freilich am Ende wieder abgegeben werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass sich keiner hinter der “Blitz”-Kulisse versteckt und während der Live-Übertragung mit einem RTL-Schildchen hervorspringt. Die Besichtigungstour durch die heiligen Hallen ist recht kurz, aber halbwegs interessant. Ich wusste nicht, dass die meisten Nachrichtenstudiokulissen so ganz und gar wirklich nicht da sind. Und das sich grüne Streifen im T-Shirt vor grün ausgelegter Kulisse wie von Geisterhand blau färben. Ich persönlich hätte mir aber weniger technische Details und dafür mehr redaktionelle und medienpolitische Aussagen gewünscht. Darauf hofft man aber wohl nicht nur in der Produktionsschmiede der Sendergruppe vergebens.

Wieder zurück im Bus bleibt endlich Zeit, die Radioleute nach ihren Erfahrungen zu befragen. Beliebte Antwort: “Bei uns gabs Kekse.” - “Bei uns auch.” Und Kaffee aus Sat.1 Tassen. Denen mussten wir mit Vehemenz ausreden, dass sie in unseren Rucksäcken mit nach Mittweida kommen dürfen.

Zum Schluss gings - nachdem wir uns durch den Berliner Feierabendverkehr gequält hatten und mit einer geschlagenen Stunde Verspätung - zum ehemaligen Stasigefängnis Hohenschönhausen. Brisantes Thema. Und äußerst interessant. Schade, dass für unseren Museumsführer einfach alles “oll” war - olle Tür, oller Monitor, oller Lichtschalter, olle Reißleine, olles Gefährt, oller Strich, oller Typ. Zudem hat mich seine ständige Hommage an Theodor Fontane deprimiert: “Das ist ein weites Thema.” Gebetsmühlenartig wiederholte er den Satz immer genau dann, wenn er im Begriff war, in differenziert zu betrachtende Themenkreise vorzudringen. Und Antworten auf brisante Fragestellungen wusste er geschickt totzureden, immer knapp am roten Faden vorbei . Am Ende schwirrte mir der Kopf von lauter unbeantworteten Fragen. Dennoch war es interessant, das alles zu sehen und Geschichten und Fakten zu hören. Ich hätte mir nur eine klarere Einorndung in die politischen Umstände der Zeit sowie weniger Tritte auf meine Füße, bei des Museumsführers nervösem Hin- und Hergetappse gewünscht.

Die Rückfahrt war deutlich lebhafter als die Hinfahrt. Ich liebe Stadt-Name-Land! Gelohnt hat sie die Fahrt aber nicht nur deswegen.


Das Beste an Dresden? Der Zwinger? Ist mir nicht aufgefallen. Die Frauenkirche? Im Regen anstehen, um dann noch horrende Eintrittspreise zu zahlen, ist unsexy. Das Elbufer? Zu stereotypisch. Nein, wirklich sehens- und erlebenswert ist die längste Straßenbahn der Welt! Schon seit den ersten vor-purbertären Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist klar: Hinten sitzen die Coolen. Und in der längsten Straßenbahn der Welt ist hinten noch weiter hinten, die Coolen sind noch cooler. Hier ganz hinten lässt sichs auch bequem mit rumänischen Autofahrern flirten oder im Japanese-Style doch mal einen Blick aufs nachtbeleuchtete Terrassenufer werfen. Die gute Shopping-Laune vom Tag mit süßem Kirschwein, den man in der längsten Straßenbahn der Welt besonders lang genießen kann, in den Abend gerettet, fährt sie jeden Partywütigen ratternd zum Wäsche waschen. Und da ja nicht überall Schienen verlegt sein können, erfand man das zum Bus umfunktionierte Großraumtaxi. Das fährt die ganze Nacht - nur nicht zwischen um eins und halb fünf. Macht aber nichts, den Rückweg kann man auch laufen. Oder springen. Über vom Sturm gefällte Bäume. Das ist mit voller Blase ein besonderer Hochgenuss, oder? Endlich im Rittergut mit seinen Soldatengeistern angekommen - die besonders Furchtlosen schlafen dennoch allein im Glashaus - gibt’s leider immer nur noch ein Bad. Macht aber nichts, geht doch schnell und so können wir endlich, nach wenigen Stunden, wieder etwas essen. Nur nach Dresden ziehen kann man mit der zu erwartenden post-Dresden-Wochenende-Figur nicht mehr. Macht aber schon wieder nichts, denn Frisbee spielen kann man auch in Mittweida. Falls es da mal so schön stürmen sollte wie in Nickern.

Einziger Wermutstropfen: Aus unserem Mona-Schein-Stempel für die Mathe-Exkursion wird aufgrund fehlender Arbeitsbeweise nichts werden. Mathe? War da was?

Zu lernen gab’s aber auch so etwas. Bisher dachte ich ja immer, die dümmste zu stellende Fragen sei: “Schläfst du schon?” In Dresden um Längen geschlagen von: “Sind Sie tot?” Ich würde lachen, wäre das hier eine Audiodatei.

Kurzum: Es war toll. Das Meeresrauschen. Die Jungs mit ihrem Tennisball. Die Rutsche auf dem Spielplatz. Den Kletterweg. Den selbstdrehenden Schwangerschaftsstuhl. Das herunterfallende Eis. Der Latte Machiato mit Eisschokolade. Die Schlafsackraupe. Das Frühstücksei. Der Linoleum (!)-Boden.