Battle

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Neu!

Das neue Battlethema feierlich zu verkünden hab ich ein bisschen verschlafen, deswegen hole ich das jetzt nach:

Sonnenseiten

Zu verwendende Stilmittel:

Antithese
Alliteration
Euphemismus

Zu lesen am Mittwoch, gegen 18 Uhr.

Fußknoten

Schwarz auf Weiß reihen sich die Buchstaben aneinander, stehen da wie Warnschilder, die nicht viel mehr sagen, als dass sie noch zu wenige sind. Ich strenge mich an, schneller zu tippen, bessere Tippfolgen in die Tastatur zu prägen, schließlich ist das mein Job. Jemand ruft meinen Namen, irgendwas funktioniert nicht mit jemands Schreibtischlampe. Schreibtischlampe ist ein ziemlich banales Wort denke ich und gehe, um festzustellen, dass der Stecker nicht richtig in der Dose steckt. So einfach ist das. Den Stecker richtig reinstecken, ganz logisch. Und mein Job. Genau wie das tippen. Im Augenwinkel sehe ich, wie rechts unten ein Hinweisfenster aufploppt. Eine neue Email, mechanisch öffne ich das Mailprogramm. An die Buchstaben soll ich denken, sie müssen heute noch viel mehr werden. Vergessen soll ich das nicht. Jaja. Das ist doch mein Job! denke ich.

Zusammen mit meinem Kaffeebecher suche ich mir einen Sitzplatz. Ein Omelett bitte, ohne Petersilie, sage ich in meinen Terminplaner hinein und weiß, ohne hinzusehen,dass die Bedienung das nicht aufschreiben muss. Ich streiche zwei Termine, eben abgesagt. In meinem Job ist viel zu tun und in meinem Büro sind die Buchstaben zu mehren. Ich esse schneller, als ich Kaffee hinterherschütten kann und sehr viel schneller, als die Bedienung mir nachschenken kann. Dann gehe ich zu den Buchstaben, ich muss sogar noch ein bisschen kauen, aber das ist mein Job.

Es ist duster geworden, in den Schaufenstern umrandet Dekorationslaub brennende Duftkerzen. Wahrscheinlich ist es Herbst, sicher ist es sechster November. In meiner Manteltasche vibriert es, die Musik kommt mir fremd vor. Ich gehe ans Handy und weiß sofort, wer es ist. Brot soll ich mibringen, nicht vergessen. Ist doch mein Job, murmle ich und lege auf. Die Riemen meiner Handtasche schneiden in meine Schulter.

Das Wasser ist warm, auf dem Kopf, dem Rücken, überall. Ich sehe an mir herab und befinde, dass es an der Zeit ist, meine Fußnägel zu kürzen. Oben links das Etui, rechts oben die Schere. Es ist mein Job, das zu wissen. Die Nägel sind weich vom Duschen und machen keine Probleme. Die Reste werden in den Ausguss gedreht, ich will das Etui zurücklegen und merke, dass ich humple. Ich seh nach und stelle fest, dass ich mir meine rechte große Zehe abgeschnitten habe. Ich bin ziemlich entsetzt darüber, wie sehr das van Gogh ähnelt. Plötzlich habe ich das starke Gefühl, etwas vergessen zu haben. Ich überlege kurz und humple zu meinen Sachen. Nein, das Brot habe ich gekauft, da liegt es duftend im Plastebeutel. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob die Buchstaben schon genug waren. Mit meinem Mantel verlasse ich das Haus, dass ich humpel, fällt ihm nicht auf.

Draußen ist es inzwischen ganz dunkel, deshalb fällt mir auch auf, dass sie die große Eiche auf dem Marktplatz neuerdings anstrahlen. Ich schaue flüchtig hin und denke, dass ich die Stromrechnung noch nicht bezahlt habe. Als ich schon wieder weggesehen habe, fällt mir die Bank auf, die neben der Eiche steht. Ich bleibe stehen. Da steht sie also. Wahrscheinlich stand sie schon die ganzen 17 Jahre da, nur ist sie mir in den letzten 15 nicht aufgefallen. Das Holz ist ziemlich verwittert und die hintere Planke ist locker, noch immer. Als mir das auffällt, stelle ich fest, wie kitschig diese Gedanken sind. Trotzdem setze ich mich hin und muss ein bisschen weinen. Mein rechter großer Zeh tut jetzt sehr weh, ganz plötzlich. Eigentlich ist es ja nicht der Zeh, sondern nur die Stelle, wo er mal gewesen ist. Ich schlage mein rechtes Bein über das linke und muss plötzlich an einen Knoten in einem Taschentuch denken. Ohne Vorwarnung fällt mir auf, dass ich mir heute einen Knoten in den rechten Fuß geschnitten habe.

Tagschicht

Am schlimmsten sind die Tage, die widerwillig anfangen, wenn sie schon mittendrin sind. Aufstehen, nichts machen. Zähne putzen, nichts machen. Diese Tage sind kurz, gezählt in Zigarettenlängen und Löffelumdrehungen in Kaffeetassen. Diese Tage sind gedankenlos, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen elektronische Ströme im Gehirn duch zähnefletschende Wölfe ersetzt. Zähne putzen, Decke über den Kopf, Füße an den Bauch, nur damit der Tag vorbei ist.

Angenehm werden diese schlimmsten Tage, wenn sie nicht selbstzerstörerisch sind. Wenn diese apathische Gedankenlosigkeit einfach nur angenehm und unhinterfragt da ist, wie ein 14-Tage-Jahresurlaub. Wenn Gänsehaut von Sonnenstrahlen einfach genug körperliche Aktivität ist. Wenn das Gehirn einfach Pause macht und das Gewissen nichts dagegen hat.

Zu den besten werden diese schlimmsten Tage, wenn sie ein gutes Gefühl geben. Wenn körperliche Untätigkeit und augenscheinlich fehlende Produktivität keine völlige Geistlosigkeit bedeuten. Wenn mit der Trägheit des Schaffenden die wenigen Gedanken richtig gute sind. Wegen diesen Momenten kann ich Lethargie nicht einfach hassen.

Advanced Level

Es ist wieder Zeit für ein neues Battle-Thema, diesmal:

Hassliebe Lethargie

Und weil es mittlerweile doch recht langweilig/gegen das Konzept ist, immer ähnlich anmutende, an den Rest der Posts angelehnte, essayartige Texte zu lesen, bringen wir ab sofort ein bisschen mehr Poesie in den Battle. Soll heißen: Wir bedienen uns ein paar hängengebliebener Fetzen aus dem Deutschunterricht und legen für jedes Battle-Thema zusätzlich Stilmittel fest, die im Text verarbeitet werden müssen. Zunächst:

Metapher
Oxymoron
Pleonasmus

So und weil der Endstand diesmal lächerlich 3:2 lautet, hier nochmal ein Aufruf: Tut was dafür, dass die gehypte und uns allen so überdimensional lieb gewordene Web2.0-Blase eben keine Blase ist. Oder anders: Mal kurz raus aus StudiVZ, SecondLife auf Autopilot schalten, ICQ blinken lassen, MySpace später weiter pflegen und voten! Danke.

Fehlprägung

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was mein erstes Wort war. Wahrscheinlich irgendeine klangorientierte Buchstabenaneinanderreihung, “lalu”, “nämal”, “glol” oder so etwas ähnliches, was in seinem Baby-Brabbel-Stil die um meinen Stubenwagen versammelte Verwandtschaft zu mütter- und väterlichen “Wie putzig!” oder “Orrrrr!”-Ausrufen animiert hat. An die Szenerie kann ich mich freilich auch nicht mehr erinnern, reine Vermutung. Ich vermute auch, dass dann bald “Mama”, “Papa” oder “Ball” hinzukamen. Meinen noch sehr überschaubaren Wortschatz inflationär gebrauchend hab ich dann auf meinem Beißring rumgesabbert, genüsslich in die Windeln gepinkelt und auf neue, einfache Worte gelauscht. Die Zeit, in der Z und k eine linguistische Herausfoderung darstellten, war eine schöne Zeit. Vermutlich.

Dann wurde es ernst: Wenn man etwas will, sagt man “ich möchte” und “bitte” und wenn man es bekommt “danke”. Es heißt nicht “was?” sondern “wie bitte?” und “Scheiße!” sagt man nicht, genauso wenig, wie man fremde Kinder mit Bauklötzen schlägt. Die Zeit, in der ich noch einfach so drauf los reden konnte und es trotzdem alle goldig fanden, war schnell dahin. Und nachdem ich dann das “Zauberwort” kannte und eine Menge anderer Regeln der fortgeschrittenen Kommunikation artig anwandte, kam die nächste Liga: Wenn man etwas falsch macht, entschuldigt man sich. Ich machte oft Dinge falsch, zumindest sagte man mir das. Und ich habe es gehasst, mich zu entschuldigen. Es war mir unangenehm, dass ich ein böses Kind gewesen sein sollte. Viel unangenehmer aber war mir, dass ich oft nicht wusste warum. Da aber Übung bekanntlich den Meister macht, begriff ich auch schnell, wie man aus der Entschuldigungssache ohne große Blessuren rauskommt: Immer brav zugeben, dass man mit Matchbox-Autos gegen fremde Fensterscheiben geworfen hat und ja, es wird nicht wieder vorkommen. Ernst meinen muss man das nicht, es geht ums Prinzip.
Nun bin ich keine acht mehr und spiele nich mehr mit Matchbox-Autos. “Tut mir leid” ist trotzdem eine Floskel: Tut mir leid, dass es hier so unaufgeräumt ist. Tut mir leid, dass du meine Schrift nicht lesen kannst. Tut mir leid, dass ich sage, was ich sage und am meisten tut mir leid, dass ich bin, wer ich bin. So versuchen wir, das Bild von uns zu malen: Nicht mit Handlungen, sondern mit passenden Off-Texten im “Das habe ich deswegen so und so gemacht”-Stil. Schön, alles unter Kontrolle zu haben.

Müssen wir alles rechtfertigen, was wir tun? Sollten nicht Handlungen für sich selber stehen können? Lernen wir nicht ständig in RTL II-Lebenshilfeshows, dass wir uns gut verkaufen sollten? Weil das rhetorische Fragen sind, sind wir gut darin geworden, blitzschnell Reaktionen der Umwelt abzuwägen, nach gut und schlecht zu teilen und, wenn nötig, mit einer Rechtfertigung zu reagieren. Und meistens halten wir es für nötig und entschuldigen uns. Zu oft, unnötig und halbherzig. Deswegen fallen ernstgemeinte und nötige Entschuldigungen immer noch so schwer wie in der Matchbox-Zeit.

Entschuldigung!

Ein siebentes Battle-Thema von mir: Weil ich so oft gezwungen bin, “Ja, is schon oke!” zu sagen, dachte ich mir und wurde dran erinnert, mal

Die allgegenwärtige Rechtfertigungsmentalität 

zu erörtern.

Online geht das ganze dann am Sonntag, wie immer um acht.

Es lebe der Indikativ

Im Ethikunterricht hat uns Immanuel aus Königsberg von der fünften Klasse bis zum Abitur nicht in Ruhe gelassen: Kritk der reinen Vernunft, Religionsphilosophie, Kategorischer Imperativ und jeden zweiten Freitag im Monat zum Mittag Königsberger Klopse. Und weil das noch nicht gereicht hat, kam er auch noch in Deutsch: Vorreiter der Aufklärung, geistiger Papi Lessings und Verbreiter der Ansicht, der Mensch müsse sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. In miefigen Klassenzimmern wurde dann triumphierend erklärt, dass sei der Beginn abendländlicher Wertevorstellungen. Deswegen liegen auch alle die, die das geografische Unglück haben, jenseits des Urals zu wohnen, im Krieg um Teile von heiligen Stätten. Oder Öl. Wäre Kant also mal aus seiner ostpreußischen Provinz rausgekommen, ginge es heute vielen Menschen besser.

Einzuschätzen, inwieweit Kant die Welt mit seinem akribischen Philosophieren geistesgeschichtlich wirklich besser gemacht hat, will ich mir nicht anmaßen. Mir ist gar rätselhaft, ob sich das überhaupt jemand anmaßen darf, egal, ob er nun Deutsch-Leistungskurs-Lehrer im sächsischen Hinterland ist oder 78jähriger Philospophie-Professor in Harvard. Einzig subjektiv, aus dem Häufchen Lebenserfahrung, das ich in den letzten 20 Jahren zusammengerafft habe, kann ich mich fragen, ob es den Menschen besser ginge, würden alle ihre Handlungen im Vorfeld danach abscannen, ob sie sich als allgemeines Gesetz eigneten.

Wahrscheinlich ginge es allen besser. Niemand würde mehr etwas tun, was er sich nicht angetan haben möchte. Keine Morde, keine Kratzer im Autolack, keine Plastikspinnen im Bett. Nur wäre das ein sehr steriles “besser”. Was wäre noch spannend? Jede einzelne Reaktion voraussehbar, jede einzelne Handlung algorithmisch determiniert. Leidenschaftsloses Leben. Immer mit dem Gefühl, alles richtig zu machen.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass es Menschen gibt, die ein derartiges Leben toll fänden, leidet Kants Imperativ am Grundübel aller philosophischen Weltvorstellungen: Er geht vom idealen Menschen aus. Gefühle wie Hass oder Neid müssten komplett von der Erde verschwinden, damit das System funktioniert. Unter solchen Gefühlsregungen lässt sich nicht objektiv über die Gesetzestauglichkeit einer Handlung entscheiden. Dass diese Gefühle verschwinden, ist aber absolut utopisch.

Mit einer Mischung aus Halbwissen und rebellisch-prinzipieller Ablehnung der meisten Aufklärer-Gedanken kann ich hier nur zwei Dinge feststellen: Immanuel mag sich viel Mühe gegeben haben mit seinem Kategorischen Imperativ, ich geb mir angesichts dessen, was ich von der Welt und den Menschen verstehe, nicht viel Mühe, um zu sagen, dass ich ihn für utopisches Gekritzel halte. Nur unter Laborbedingungen mit bescheidenem Mehrwert. Und zweitens: Für mein Leben nehme ich den wohlklingenden Satz mit der Maxime nicht an. Warum auch? Würde ich vor jeder Handlung darüber nachdenken, ob sich deren Motivation für alle empfehlen ließe, hätte mein Kopf gegenüber dem Bauch nur noch mehr zu tun, als so schon. Vernunfts-Overkill im Konjunktiv sozusagen. Dann lebe ich doch lieber im Indikativ, auch wenn das bedeutet, Fehler zu machen.

Fading

Träume sind ein Konstrukt des Geistes. Ob nachts, wenn sinnfrei Erlebnisse des Tages aneinander gereiht werden oder am Tag, wenn im Kino Kopf statt des mit Geschirrklappern gefluteten Essensaals plötzlich die azurblau ummeerte Südseeinsel Aufenthaltsort ist. Durch Weckerklingeln oder Letschosoße auf der Jeans platzen solche Träume ständig. Und wir nehmen es hin. Weil wir wissen, dass sie nicht wahr werden. Dafür sind sie auch nicht gemacht. Was wir nicht hinnehmen, sind platzende Träume vom Leben. Träume, die als solche nicht wahrgenommen werden, weil sie weder aussehen, wie mit einem dilettantisch verwendeten Kanalmixer gefärbt, noch nur unrealistisches Mittel zur Ablenkung sind. Wir glauben, dass Träume vom Leben wahr werden können. Und dass es in unserer Hand liegt. Der Managerposten bei BMW, wenn wir nur hart genug arbeiten. Die große Liebe, wenn wir nur lange genug danach suchen. Die Erfindung des perfekten Haarwaschmittels, wenn wir nur fest genug daran glauben. Ich glaube, dass das Schwachsinn ist. Träume vom Leben sind nicht weniger Schäume, wie Träume nach einer durchzechten Nacht voller unruhigem Schlaf. Wir bauen sie um uns auf, ob als Ziel oder den berühmten emotionalen Schutzwall. Und sind enttäuscht, wenn sie scheinbar plötzlich platzen. Wenn wir nur bei Fiat am Fließband landen. Wenn wir mit 52 eine „Denk an die Kinder, Schatz“-Ehe führen. Wenn Pantene Pro-V doch das Ende der Fahnenstange bleibt. Dabei sollte uns klar sein, dass Dinge, die wir in unser Leben einbetten, wie das Drei-Minuten-Frühstücksei, irgendwann aufhören. Sie gehen einfach langsam zu Ende. Wie die Propan-Gas-Flasche am Camping-Kocher. Am Anfang macht sie große, heiße Flammen, die nur mit der Zeit fast unmerklich kleiner werden. Wenn die Flasche leer ist, wundern wir uns darüber, obwohl wir es hätten merken müssen. Deswegen glauben wir auch, dass Lebensträume plötzlich platzen. Dann können wir ein bisschen trauern und fühlen uns irgendwann wieder gut. Die Phase des Schmerzes ist kurz, einzuschieben zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken. Nur in ganz langen Nächten ist klar, dass Träume nicht platzen. Dass sie unheilbar sind. Kopfschütteln, weiter leben. Mit neuen Träumen. Die langsam zu Ende gehen, anstatt uns den Gefallen zu tun, zu platzen.

Running Battle

Kraft meines Amtes als Gewinner der letzten Battle-Runde verkünde ich hiermit ein weites Feld als neues Thema:

Geplatzte Träume

Veröffentlichung ist dann am Montag, 15.01., 23 Uhr.

Parkett, zweite Reihe links, Platz sieben: Opernglas dabei!

Gute Menschen haben’s schwer. Nicht nur, dass sie in den Industrienationen des 21. Jahrhundert, dem Mekka aller Ellenbogengesellschaftler, im Leben nicht vorankommen. Nein, für gute Menschen muss wirklich jeder Tag eine Qual sein. Die Überlegungen bevor sie etwas tun wollen, was sie dann doch nicht tun. Kann ich die vorletzte Erdbeere nun noch vom Teller nehmen oder mag die vielleicht jemand anders? Die Überlegungen, nachdem sie etwas nicht getan haben, was sie tun hätten sollen. Hätte ich meinen kleinen Finger nicht doch noch in die Ritze klemmen sollen, als dieser nun sicher wütende Mensch zum Fahrstuhl gerannt kam? Warum gibt’s hier aber auch keine solche Taste mit divergierenden Pfeilen? Die Gedanken, die sie sich um das Wohl anderer Menschen machen. Sollte ich ihn jetzt vielleicht fragen, warum sein linker Mundwinkel heute ein bisschen schief hängt? Oder wäre ihm das möglicherweise unangenehm? Die Gedanken, die sie sich um die Gedanken machen, die sich nicht um das Wohl anderer gedreht haben. Darf ich schlecht von ihr denken, weil sie mir mit ihrem Autoschlüssel den Lack meines Hybrid-Antrieb-Prototyp-Autos zerkratzt hat? Sicher hatte sie auch ihre Gründe. Die restliche Zeit sind Spendenschecks auszufüllen, Katzen zu füttern, Terrassen alter Leute zu fegen, Privatfernsehsender auf dem heimischen Gerät zu sperren, Greenpeace-Hefte zu abonnieren, Patenschaften in Kambodscha zu pflegen und Eierpackungen zurück zum Bauern zu bringen. Abends fragen sie sich dann noch kurz, ob sie genug getan haben und löschen die Sparlampe. Gute Menschen schlafen kurz und schlecht. Und haben’s schwer.

Stimmt. In einem Theaterstück, einer Parodie auf die „Olympiade Guter Mensch“, die in den Lifestylemagazinen und Country Clubs der Wirklichkeit stattfindet, haben es gute Menschen schwer. Leiden für ihre guten Taten, werden zu Märtyrern für die gute Sache. Immer mit dem Ziel, dem Rest der Welt zu sagen: „Schau her, ich bin besser als du! Nimm dir ein Beispiel an mir!“ Immer mit der Hoffnung, dass der Rest der Welt nicht auf den Rat hört. Denn dann wären sie nicht mehr besser. Hinter der Bühne aber, abgeschminkt und ohne Regieanweisungen, machen sich gute Menschen keine Gedanken um Erdbeeren und Fahrstuhltüren. Sie fragen auch nicht nach, ob sie jemandem helfen können. Sie tun es. Sie wissen, dass sie nicht verpflichtet sind, Spendenschecks auszufüllen, um das Prädikat „guter Mensch“ zu erkaufen. Wirklich gute Menschen sagen nicht „Schönes Wochenende“ weil sie denken, das gehört sich so, sondern weil sie ein schönes Wochenende wünschen. Sie haben auch keine Probleme mit Ellen- unter Rippenbögen, denn sie sind sicher, das Richtige zu tun. Und Unbeirrtheit macht erfolgreich. Gute Menschen sind nicht gut, weil sie bei Testreich.com gut abschneiden, sondern weil sie vor sich selbst gut abschneiden und man sie trotzdem mag.

Vielleicht haben wirklich gute Menschen gar kein Dilemma. Vielleicht habe ich aber auch nur die Szenen auf und hinter der Bühne vertauscht.

Susi! Trotz der mir noch nicht ganz aufgegangenen Bedeutung des ‘;)’ im Kommentar heißt das akutelle Battlethema nach eingehender Beratung:

Das Dilemma des “guten” Menschen

Veröffentlicht wird am Freitag, 20 Uhr.

Danke für alle Themenvorschläge.

Da der Battle diesmal mit einem friedlichen, aber antriebslosem Gleichstand endete, brauchen wir jemanden, der ein Thema bestimmt. Vorschläge hierzu bitte bis morgen Mitternacht in den Kommentaren.

Ich finds immer toll, wenn hier auf dem Blog kommentiert wird. In den Battlekommentaren tauchen nun seit geraumer Zeit Kommentare von Anonym oder nicht verlinkten, mir zum Teil unbekannten Namen auf. Manchmal gar regelmäßig. Nicht, dass ich irgendjemanden zwingen will, seine Identität preiszugeben. Ich bin nur neugierig. Sollte es tatsächlich Leute geben, die nicht in Mittweida Medien studieren, nicht in Karl-Marx-Stadt geboren sind oder die ich schlicht nicht kenne, die dieses Blog lesen und dann auch noch die Muse haben, zu kommentieren, zu voten? Schreibt mir ne Mail, kommentiert: Ich würde mich Meine Neugier würde sich über Aufklärung freuen.

Rumgekommen?

Vielleicht atmest du auf, wenn du hier wegkommst, aber nur, weil du weißt, dass du wiederkommen kannst, egal, wo du inzwischen angekommen bist.

Neue Battle-Runde

So, Runde Nummer zwei ging an Lantzschi, das neue Thema:

Hommage an die Heimat

Sehr schön. Zeit sich in Sentimentalität zu üben. Oder in Euphorie. Jedenfalls breit gestreute Möglichkeiten. Ich bin gespannt.

Veröffentlicht wird am Montag, 25.12., um 20 Uhr.

Zwanzig

Mit vierzehn tragen sie gestreifte Strumpfhosen, die an den Knien wenigstens aufgeschürft sein müssen, sprühen „Viva la Revolucion“ oder „Venceremos“ an Hauswände und überlegen sich dabei, einen Spanisch-Kurs zu besuchen.

Mit fünfzehn wischen sie die Kotze vom schlechten Gras auf, tränken ihre Hacky Sacks in Bong-Wasser und schauen nachts den Enten beim Schlafen zu.

Mit sechzehn lesen sie den Zauberberg, rezitieren Prometheus, lassen sich von Siddharta verwirren und glauben, auf ihren Schultern laste die Bürde, zu viel von allem zu verstehen. Von Zeit zu Zeit denken sie sogar daran, dass das Schwachsinn sein könnte.

Mit siebzehn schätzen sie die Chancen dafür, dass es Liebe wirklich gibt, täglich neu ein. Nachts stehen sie betrunken in verrauchten Garagen, hören ihren Freunden beim Produzieren schlechter Musik zu und schlafen im Laternenlicht.

Mit achtzehn denken sie nie an morgen und schwänzen die Schule, um mit selbst gebastelten Schildern für die Freiheit von Legebatteriehennen auf die Straße zu gehen.

Mit neunzehn bilden sie sich eine Menge darauf ein, anders als alle anderen zu sein, und sei es nur, um des Andersseinswillen. Ständig sind sie auf der Jagd nach dem neuesten Klischee, um es mit möglichst viel Getöse zu umgehen.

Mit zwanzig schauen sie sich um und stellen fest, dass sie nichts Besonderes sind. Abends tanzen sie im Regen und hoffen, dass es doch so ist.

Gut: Hängeschränke, Schlecht: Bier

Männer denken nur ans Ficken. Frauen auch. Die Emanzipation hat alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern zum Bestandteil subjektiver Wahrnehmung gemacht. Früher standen Männer unangefochten und arrogant an der gesellschaftlichen Spitze. Heute beeilen sie sich, zu betonen, wie toll sie doch die Kollegin finden, halten ihr sogar die Tür zu ihrem Büro auf und lächeln tapfer über dessen geschmackvolle Einrichtung. Es zählt jenseits sexueller Fragen wenig, ob jemand einen Schwanz hat oder nicht.

Ich mag Männer. Schwarz-Weiß gedacht verbinde ich mit ihnen drei Dinge: Sex, Unkompliziertheit und Bier. Sex, weil ich drauf stehe. Unkompliziertheit, weil Männer seltener zickig sind und weniger über Dinge nachdenken, die nicht unmittelbar im pragmatischen Dunstkreis bevorstehender Handlungen liegen. Bier, weil sie nach einer variabel großen Anzahl Flaschen glauben, ihre sehr bescheidene evolutionäre Aufgabe zu erfüllen sei immer noch einfach und am einfachsten heute Nacht. Ich werde Männer brauchen, um Kinder zu bekommen, um sexuell ausgelastet zu sein und, ja, auch um Hängeschränke in meiner Küche anzubringen oder Winterreifen aufzuziehen. Einfach, weil manche Klischees Spaß machen. Es macht Spaß, mich an starken Schultern anzulehnen. Es macht Spaß, mir die schwere Einkaufstüte tragen zu lassen. Es macht Spaß, im Club Tequila ausgegeben zu bekommen. Es macht Spaß, zu wissen, dass das Rollenklischee nur ein amüsantes Spielzeug ist und ich im Zweifelsfall clever genug bin, Männern genau dieses Machogehabe vorzuwerfen.

Davon abgesehen sind lediglich menschliche Qualitäten von Interesse. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, ist es völlig egal, ob auf Testosteron oder Östrogen. Mit Frauen führe ich die besseren Gespräche, aber auch nur, weil sie nun mal den gleichen emotionalen Apparat haben wie ich. Gespräche mit Männern sind entweder entnervend offensichtliches Mittel zum Zweck oder interessanter Einblick in eine rationalere Gedankenwelt. Männer suchen, wenn sie solo sind, krampfhaft nach einem Partner und verlieben sich zu schnell. Frauen denken zu viel nach. Papi lässt die Zahnpastatube offen, Mutti benutzt in der Dusche nie Haar-Auffang-Netze aus Plaste. Der Sohn fährt ohne Helm Motorrad, die Tochter lässt sich ein Bauchnabelpiercing stechen. Frauen können besser zuhören, Männer haben die einfacheren Lösungen für Probleme. Unentschieden. Aber mit guten Chancen und tollen Toren auf beiden Seiten.


Themen, die keiner versteht. Außer wir. Aber wir erklären sie euch. Hübsch verpackt. Damit wir uns dabei nicht nur gegenseitig feiern, battlen wir uns.
Drei Tage hat jeder nach Bekanntgabe des Themas Zeit, sich kreativ daran auszutoben und einen Blogpost zu verfassen. Nach der Veröffentlichung entscheidet ihr, wer große Inhalte scharfsinniger und sprachlich versierter umgesetzt hat. Einfach einen Kommentar mit angemessener Würdigung der geistigen Leistung und einem „vote: lantzschi/denise“ unter den entsprechenden Post setzen. Wir sind also auch offen für vernichtenden Verriss, relevant für das Battle sind aber nur die vote-Kommentare. Nach einer Woche ist Stimmenauszählung und der Gewinner gibt das Thema für die nächste Runde vor.

Poeten Battle #1: Die Bedeutung des Mannes 2010
Veröffentlichung: Dienstag, 5.12., 20 Uhr