Mogengrauen und Sternstunde

Mit beunruhigender Zustimmung reagierten Intendanten und Senderchefs auf den Auftritt Marcel Reich-Ranickis bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Wie unnötig das anbiedernde Gesprächsangebot an Reich-Ranickis war, zeigt die Ausstrahlung von “Aus gegebenem Anlass”.

Es ist nicht neu, dass im Fernsehen großartig schlechte Sendungen gezeigt werden. Das finden auch die, die das Fernsehen machen. Regisseure , Autoren und Sender-Chefs erzählen sich oft gegenseitig davon, wie gerne sie besseres Fernsehen machen würde, wöllte es jemand sehen. Dass ZDF-Intendant Markus Schächter Reich-Ranickis donnernde Kritik auf das deutsche Fernsehen eine “Sternstunde” nannte, ist also symptomatisch. Dass er sich das Morgengrauen direkt in sein Abendprogramm holte, ist peinlich.

Was ein fruchtbarer Disput zwischen Qualität und Quote werden sollte, wurde ein fades Stück Fernsehen. Reich-Ranickis bekräftigte, dass er das ganze Programm “abscheulich scheußlich”, “schlecht und übel” finde und richtete an “die Intendanten” den präzisen Tipp, sich künftig mehr Mühe zu geben. Eine reife Leistung, für einen Mann der selbst so gut wie kein Fernsehen sieht. Weil es so nur logisch ist, dass er keine Ahnung hat, dauerte es auch nicht lange, bis Dürrenmatt, Schiller und Shakespeare die Debatte bestimmten. Eine Debatte über deutsches Fernsehen, dass sich in Echt um Models, Bauern und Superstars dreht.

Thomas Gottschalk wollte mal Deutschlehrer werden und freut sich jetzt wie ein Schuljunge darüber “Du” zu Reich-Ranicki sagen zu dürfen, allein: Er konnte die Sendung nicht vernünftig leiten. In seinen wenigen lichten Momenten sagte er Atze Schröder in 100 Jahren Shakespeare-Status voraus und stellte fest: “Heute gilt im Fernsehen der Erfolg.”  Reich-Ranicki winkte ab, hatte ansonsten aber Verständnis dafür, dass Gottschalk manchmal Herrenwitze machen muss.

Eigentlich war man sich schnell einig: Im Fernsehen läuft mit Ausnahme von “Wettern, dass…?” großer Mist, bei den privaten Sendern ist alles noch viel schlimmer und ein Buch sowieso das beste. Reich-Ranickis aber meinte, da müsse sich doch auch im Fernsehen noch was machen lassen, mit Qualität, Geist und Brecht. Gottschalk wettete dagegen und sah ein: “Ich selber bin genauso wenig wie du abendfüllend.”

Am Ende eine Sendung, die vom Fernsehen über Literatur bis hin zur Gestapo in die Breite ging, aber keine Minute tiefer war als ein trüber Ententeich. Reich-Ranicki gab sich geistreich wie eine grantelnder alter Mann mit Sinn für Eigen-PR, Gottschalk verkörperte die Unfähigkeit seiner Intendanten, das häufig zu Recht kritisierte Fernsehen zu verteidigen - oder besser zu machen. Da hätten sich die Schächters, Raffs und Schäferkordts lieber zusammen mit Reich-Ranickis vor die Kamera gesetzt und schweigend gelesen. Dürrenmatt vielleicht. Oder Brecht.