Ich habe Angst davor, in zehn bis 20 Jahren ein sehr hässlicher Mensch zu sein. Mit glasiger Haut, Augenhöhlen so groß wie Tennisbällen und brüchigen Fingernägeln. Ich befürchte nicht, aus Gründen der Überarbeitung und Abmattung so auszusehen, denn erstens werde ich irgendwann meine Bachelor-Arbeit geschrieben und einfach nur noch einen Job haben und zweitens mag ich es, beschäftigt zu sein. Ich langweile mich schnell. Was mir Sorgen macht, ist meine Unfähigkeit zur Regeneration. Ich habe wieder angefangen, meine Kiefer nachts aufeinander zu pressen, als müsste ich meinen Zahnabdruck in Stahlplatten stanzen. Morgens (So etwa zwei Stunden bevor ich aufstehen müsste. Also mitten in der Nacht.) wache ich dann mit Schmerzen zwischen Ohrläppchen und Kinn auf und denke nach. Ich denke an nichts bestimmtes – Himmel, was wäre es für ein Segen zu denken: „Du musst noch Fakten zur Kriminalität Sachsens im Ländevergleich recherchieren“ oder „Unter Punkt 2.1.3 musst du noch die Gedanken über die Kinder von Opaschowskis Medienrevolution einfügen“. Stattdessen fahre ich in einer kafkaesken Gedankenendlosschleife meinen PC hoch, blättere in Büchern oder telefoniere. Wie in Trance bin ich weder fähig, die Gedanken mit Leben zu füllen noch zu schlafen. Irgendwann schaffe ich es dann doch, um mich zehn Minuten später vom Weckerklingeln vor den Spiegel zwingen zu lassen – ein Bild, bei dem jedem meine Angst klar werden würde.
Nun frage ich euch, ihr Gelassenen, euch, denen die ganze Zeit die Sonne aus dem Arsch zu scheinen scheint, denen scheinbar regelmäßig Strohballen durch einen wohltuenden und von mir herbeigesehnten Leerraum zwischen Ohr und Ohr fliegen: Wie macht ihr das? Nicht, dass ich nicht auch gelassen wäre – schlagen um mich Raketen ein, rutscht einer meiner Schreibtischstuhlrollen in einen der Krater, hol ich noch nicht mal den Verbandskasten. Ist der Angriff aber längst vorbei, hallt das Pfeifen der Raketen lauter in meinen Ohren nach, als es im Original tatsächlich war. Wenn mich jemand fragt, wies mit der Arbeit läuft sage ich: „Super, ich habe viel geschafft.“ oder „Ich komme gut voran“. Nicht allein deswegen, weil es stimmt, sondern auch weil ich mir irgendwie Gelassenheit zusammenklauben muss, die ich eigentlich nicht habe. Nicht morgens um fünf. Also, wie macht ihr das?
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