“NPD-Eklat-Eklat” nicht nur online

Mit Interesse habe ich gestern die Diskussion auf Stefan Niggemeiers Blog zur Wahl des neuen sächsischen Ministerpräsidenten und das, was verschiedene Medien daraus gemacht haben, verfolgt. Dieser Beitrag ist sehr empfehlenswert, reflektiert er doch das Geschehene, sucht nach Gründen und Automechanismen, die es nicht geben sollte, die aber wohl Tatsache sind. Stefan beschäftigt sich hier vor allem mit dem Online-Journalismus, waren doch die Zeitungen von heute noch gar nicht erschienen. Als ich diese jedoch heute morgen aufschlug, war ich erschrocken, was den Beobachtungen noch anzufügen ist.

Obwohl sich einige Online-Medien für ihre vorschnelle Skandalisierung der Wahl Tillichs bereits gestern Nachmittag entschuldigten, obwohl jedem Journalisten, auch wenn er sich nicht mit der sächsischen Landespolitik auskennt (mal ganz abgesehen davon, dass das der Fall sein sollte, wenn er einen größeren Bericht dazu schreibt) inzwischen die Vorgänge klar sein sollten und obwohl der Printjournalismus gegenüber dem Onlinejournalismus die Zeit in deraritigen Fällen ausnahmsweise mal auf seiner Seite hat, kamen zwei große deutsche Tageszeitungen heute nicht drumrum, nochmal an der Skandal-Schraube zu drehen. “Verwirrung bei Abstimmung über NPD-Kandidaten” schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihre Subheadline, um dann im Text zu behaupten:

“Fragen warf auch das Stimmergebnis des NPD-Abgeordneten Johannes Müller auf, der gegen Tillich kandidiert hat.”

Aha, Fragen also. Warum man die Fragen erwähnen muss, wenn Süddeutsche die Antwort bereits kennt, bleibt die Autorin schuldig, schreibt aber wahrheitsgemäß im übernächsten Satz:

“Sein [Müllers] Ergbenis lässt sich jedoch durch Zuspruch aus dem Umfeld der Frakion erklären: Zu Beginn der Legislaturpersiode hatten die Rechtsradikalen zwölf Repräsentanten im Parlament, drei von ihnen verließen die Fraktion, einer wurde ausgeschlossen.”

Dreister noch ist nur die Berliner Zeitung: Die skandalisiert einfach mal den Nicht-Skandal und titelt: “Zum Skandal hat es nicht gereicht.” Ach, was? Und in der Unterzeile heißt es bedeutungsschwer: “Bei der Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten stimmte nicht nur die NPD-Fraktion für ihren Kanditaten” Ich bin geschockt! Natürlich wissen es auch die Kollegen der Berliner Zeitung besser, aber es tut ja nichts, in der Headline erstmal ein bisschen Leser zu verwirren locken, um dann im Text aufzuklären, nicht ohne jedoch, einen verschwörerischen Unterton beizubehalten:

“Zwar votierten zusätzlich zu den acht NPD-Parlamentariern noch drei weitere Abgeordnete für Müller. Bei Milbradts Wahl im Herbst 2004 hatte die NPD nur ein Plus von zwei Stimmen.”

Wie jetzt, der Nicht-Skandal heute ist also noch größer als der Skandal von 2004? Das ist ja ein ganz neuer Aspekt!

“Die Stimmen von gestern aber könnten auch von den drei der im Verlauf der Legislaturperiode aus der NPD-Fraktion ausgeschiedenen Parlamentarier stammen.”

Ja, das könnte sein. Vier ehemalige NPDler sind es im Übrigen.

Sehr viel unaufgeregter geht die Lokalpresse mit dem Thema um, sogar das Boulevard-Blatt Dresdner Morgenpost titelt locker: “Ministerpräsident Tillich: Im ersten Wahlgang hat’s geklappt” und setzt mit einem Kommentar sogar noch einen auf die Entskandalisierung drauf: “Geräuschloser Wechsel” ist dieser überschrieben. Wenn das bis hier noch nicht gereicht hat, um einzusehen, dass Berliner Zeitung und Süddeutsche nicht den geringsten Grund hatten, den Nicht-Skandal noch einmal so prominent zu erwähnen, dann jetzt dieser Beweis: Die sonst jederzeit nach NPD-Eklats lechzende linke Zeitung Neues Deutschland widmet dem Nicht-Skandal genau einen Satz:

“Der von der achtköpfigen NPD-Fraktion aufgestellte Bewerber Johannes Müller erhielt elf Stimmen, wobei dem Landtag auch vier Ex-NDPler angehören.”

Den Nagel auf den Kopf allerdings trifft die Freie Presse, wenn sie kommentiert:

“Auch vor dem Hintergrund solch schlimmer Erfahrungen ging der Landtag gestern souverän mit den Spekulationen um, wer dem NPD-Zählkandidaten Müller diesmal zu drei zusätzlichen Stimmen verholfen und welcher Parlamentarier aus der Koalition nicht für Tillich votiert hat.”

Genau: souverän. Und selbst letztere Frage, die die politisch viel wichtigere ist, ist eigentlich nicht wirklich ein Thema. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass auch in der Staatskanzlei gestern den ganzen Tag nicht ein einziges Mal Aufruhr herrschte wegen dem Stimmergebniss. Es wurde in den kurzen Zusammenfassungen der Wahl und in Gesprächen oftmals noch nicht einmal erwähnt. Weil es kaum wichtig ist. Für die, die in diesem Land Politik machen. Angesichts dessen sei die Frage gestattet, wie weit die Medien schon von dieser Polititk in ihrem Lechzen nach dem nächsten Skandal weg sind. Antwort: Eigentlich gar nicht so weit, sie müssten nur die Fachleute fragen. In diesem Fall die Lokaljournalisten.