“Ich hatte Glück, der Knast war gerade fertig.”

“Wo kommst du her? Was machst du so?” Ich schloss kurz die Augen und ärgerte mich. Gerade war ich den Mann mit der viel zu hohen Stimme, der mal wieder im Auftrag der Bahn die Reisenden befragt, losgeworden, hatte ihn weggeschickt, gesagt, ich sei jetzt nicht in der Stimmung für Sowas. Und nun kniete er da auf den Sitzen vor mir, lehnte die Arme über die Kopfstützen, wie ein hyperaktives Kind und sah mich an, seine Augen nur halboffen. Ich sagte ihm kurz, was er wissen wollte und klappte mein Buch wieder auf, ein klares Zeichen, dachte ich. “Ich mache ab kommender Woche eine Langzeittherapie.”

Ich sah ihn an. Nervös fuhr er mit seinen Fingern unter den Augen und der Nase entlang. Sein Gesicht war rot an diesen Stellen. Auf seinem braunen Kapuzenpulli stand “Ruhrpott”, aber ich hörte an seinem Dialekt, dass er den nicht aus Patriotismus trug. “Die letzte hab ich vier Wochen durchgehalten. Aber die jetzt, die ist gut. Ich darf von Anfang Besuch bekommen und telefonieren. Mein Radio darf ich auch mitnehmen.” ‘Er meint die Langzeittherapie’, nahm ich den Faden für mich wieder auf, während er plötzlich in seinen Sitz zurück rutschte, sich hinlegte, um sofort danach einen anderen Platz in seinem Vierer-Sitz-Karree zu wählen. “Was therapierst du denn?”, fragte ich. “Drogen”, antwortete er.

Das Wort ging in einer der Haltestellen-Ansagen auf dieser Strecke durch Felder und vergessene Ortschaften unter, aber ich hatte es verstanden, mehr aus einer Ahnung heraus, als aus tatsächlichem akustischem Verstehen. “Ich war auch schon mal im Knast”, erzählte er weiter und eine Sitzreihe weiter vorn drehte sich eine ältere Dame um und sah mich, die ich mich längst zu ihm gesetzt hatte, flüchtig an. “Drei Monate”, fügte er hinzu und wirkte auf eine perfide Weise stolz. “Aber ich hatte Glück. Die JVA in Leipzig war gerade fertig saniert, drei Wochen früher und ich wäre noch in die alte gekommen. Ich war 17.” “Wie alt bist du jetzt?” , fragte ich. “23. Du auch, oder?” “21″ “Stand schon mal was von dir in der Zeitung?” “Ja.” “Was denn?” “Etwas zur Eröffnung des Feuerwehrgerätehauses, über den Bürgermeister. Sowas.”, antworte ich und wunderte mich darüber, wie wenig selbstironisch ich es meinte. “Aber du rennst nicht so mit dem Fotoapparat hinter Promis her, oder?” Ich musste lächeln. “Nein.” “Über mich stand auch mal was in der Zeitung: ‘Mit 17 knackten die Hanschellen’ in der OAZ und ‘Timo M. klaute Oma Handtasche und warf sie um’ in der Bild. Aber”, er raunte das Wort fast und beugte sich vor, “ich hab den Raub nicht begangen. Der Koschke war’s. Ich war nur dabei. Ein Jahr und drei Monate Bewährung.” “Soviel steht auf Raub?”, fragte ich. “Ja, drei bis fünf Jahre. Ich musste eigentlich gar nicht ins Gefängnis, ich kam in so eine WG. Aber da flog ich bald raus, wegen Drogen.” Er widmete sich wieder den roten Stellen in seinem Gesicht.

“Wie lange geht deine Therapie?” “Ein halbes Jahr ist mir bewilligt worden. Ich seh schwarz. Nach drei Tagen bekomme ich immer Bluthochdruck.” Er stand plötzlich auf und ging zur anderen Seite des Zuges und sah aus dem Fenster. Als er zurück kam, erwartete ich keine Erklärung. “Ich will von den Drogen weg. Immer diese Sache, wo kommt die Kohle her, wo die Drogen.” “Wie bist du denn dazu gekommen?” “Mein Vater hatte einen Jugendclub in Mügeln, da hab ich mit elf das erste Mal gekifft. Kiffen und diese ganze Chemie - da wird man blöde im Kopf, oder?” Ich nickte. “Ich nehm jetzt nur noch Drogen, mit denen ich klar denken kann, damit ich klarkomme”. Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und ich fragte mich, ob da Wasser drin sei. “Ich trinke am liebsten stilles Wasser. Medium geht auch noch. Löscht den Durst”, sagte er, sprang auf und wechselte den Sitz. “Meine Mutter hat einen 13 Jahre jüngeren Freund neuerdings und nimmt Folsäure und sowas. Sie will schwanger werden. Mich hat sie damals im Stich gelassen… Also nicht im Stich gelassen. Aber sie hat sich einen Köter geholt.” Er machte eine Pause, um zu Trinken und ich versuchte, den Zusammenhang zu verstehen. “Wir mussten dann aus dem Haus raus, also das war gemietet. Und im Neubau war kein Platz für mich. Da saß ich kurz auf der Straße.” Er sah mich das erste Mal bedeutungsschwer an, für die eine Sekunde, die er seine Augen weiter als bis zur Hälfte offen halten konnte. “Also ich kann noch bei ihr Mittagessen und so….”, er winkte ab. “Hast du einen Freund oder so?” “Ja.” “Ich hab auch eine Freundin. Aber die hat schon ein Kind, Montag, Dienstag und Mittwoch muss sie sich darum kümmern.” Er richtete sein Basecap und sah zum Fenster raus. Ich wunderte mich kaum über die Freundin und das Drei-Tages-Kind.

“Hast du eine Ausbildung?” rutschte es mir raus und ich ärgerte mich sofort darüber, wie vorhersehbar die Frage war. “Nein, aber einen Schulabschluss. Das ist sehr gut.” Seine Finger schabten wieder über sein Gesicht. “Ich will Koch werden, nach dem Entzug. Das will ich unbedingt schaffen.” Diese Worte schienen ihm genau soviel zu bedeuten, wie all das, was er vorher gesagt hatte. “Mit Drogen arbeiten, ist Scheiße. Das habe ich schon versucht, hatte ja schon Mal eine Ausbildung, ein/zwei Jahre, Koch. Da bin ich rausgeflogen, wegen Drogen.” Der Lautsprecher verkündete Oschatz als nächsten Halt. “Da muss ich raus”, sagte er, zog seinen Pullover aus und packte ihn in seinen Rucksack. “Was hast du eigentlich in Leipzig gemacht heute?” “Kumpel besucht, Drogen geholt.” Er legte seine Füße auf den gegenüber liegenden Sitz, nahm sie aber gleich wieder runter. “Da kriegt man Ärger. Da vorne sitzt noch der Typ von der Marktforschung.” Er grinste. Der Zug hielt und er sprang hektisch auf. “Also dann, mach’s gut, war nett”, sagte er noch und war weg. Ich erinnerte mich, dass ich mitgehört hatte, wie er im Fragebogen “Allgemeine Besorgungen” als Reisegrund angab.

  1. Das ist ja wohl ein der besten Nummern, die ich seit langem gelesen habe. Die besten Gechichten schreibt das Leben, was?

  2. richtig. das war ein bisschen wie im film. hat mir irgendwie auch geholfen, die story.

  3. grandios und sensationell gut aufgeschrieben. Das Ende…hmmm das zergeht auf der Zunge. Ich liebe Pointen, die nochmal so richtig reinhauen.

    Fast kommt es mir allerdings vor, als wäre es wirklich eine Szene aus einem Film. Unglaublich gradezu. Aber das sagen wir hier so mit unseren saturierten Ärschen.

  4. einfach toll! :-)
    was ne geschichte und wirklich toll erzählt!

  5. Sehr schön! Also Schulabschluss ist schon gut…:) Echt geil.BravO!