Touroristen

Es ist ihnen egal, welches Wetter ist. Sie sind immer da. Meistens sind sie alt. Die weiblichen Exemplaren tragen Gold in Ohren und Mund, die männlichen Gelenktaschen und einen analogen Fotoapparat, mit dem sie alles fotografieren, das irgendwie nach Kunst aussieht. Sie haben Zeit, den ganzen Tag Zeit, manchmal sogar drei. Ich nenne sie Touroristen und diese Stadt ist voll davon. Sie schlendern überall oder, schlimmer noch, stehen herum, zu einer beachtlichen Masse breit gezogen, mit Vorliebe auf Radwegen. Sie schimpfen, wenn ich durchs Bild fahre. Ich erkläre ihnen dann gar nicht erst, dass es mich auf den Monat hochgerechnet 80 Minuten Arbeitszeit kosten würde, würde ich immer anhalten, um jedem Hobbyfotografen eine freie Sicht auf das Terrassenufer zu gewährleisten. Das würden sie nicht verstehen, wie sie sich überhaupt nicht vorstellen können, dass Menschen in dieser Stadt einfach nur von A nach B müssen, sie wundern sich immer nur, warum manche Touristen keinen Reiseführer dabei haben.

Am Freitag war herrliches Frühlingswetter und außerdem Brückentag. Das Terassenufer war voller bunter Flecken und ich dachte mir, na herrlich, jetzt da durch. Ich fuhr direkt an der Elbe entlang, das hielt ich für das klügste, auch, wenn es ein Umweg war. Leider hatte ich die Dampferanlegestellen nicht auf der Rechnung. Ich fuhr schlich also von Pulk zu Pulk und klingelte immer zu. Eine Frau brabbelte mir irgendwas auf hessisch zu. Ich musste einen schwachen Moment gehabt haben und erklärte ihr höflich, dass das ein Radweg sei, auf dem sie stünde. Sie keifte zurück: “Dafür habe ich bezahlt!” Mein schwacher Moment hielt an und ich sagte ruhig, dass sie vielleicht das Ticket für eine Fahrt auf der Gräfin Cosel bezahlt habe, dass darin aber wahrscheinlich nicht das Standrecht auf einem beliebigen Fleck Dresdner Radweg inbegriffen sei. Griesgrämig nickte sie mit dem Kopf in Richtung Frauenkirche und meinte lapidar: “Was denken Sie wohl, von wessen Geld ihr das alles bezahlt habt?” Daraufhin erklärte ich ihr, wie froh ich sei, dass nach all den Westimporten mit Uns Stani endlich ein Sachse Ministerpräsident wird. Danach hatte ich meinen schwachen Moment überwunden.

  1. sehr nette geschichte!
    also vor allem nett erzählt.
    und ja, es ist genauso.
    ich liebe ja reisen (seit kurzem erst)
    aver ich hasse touristen!
    schließt sich das aus?
    ich denke nein.
    den auch als “tourist” sollte man seinen respekt dabei haben!