Medienforum III: Oliver Gehrs “Gegen den Themen-Mainstream: Das DUMMY-Konzept”

“Die beim Spiegel, können ja gar nicht schlecht sein, bei den 300 Mitarbeitern oder wie viel die haben.”

“Die Zeit ist irgendwie auch scientologisch.”

“Am Ende ist es ja egal, welche Zeitung man liest, unter der Absetzung von Merkel machen es die ja alle nicht.”

Kollegen-Bashing der ganz feinen Art - eine perfekte Zusammenfassung für den Vortrag von DUMMY-Gründer Oliver Gehrs. Ich wünschte mir, ich hätte ein paar Pointen aufgeschrieben, dann könnte ich hier mehr davon wiedergeben. Fest steht: Der Vortrag war ganz ganz großes Kino und mein persönlicher Höhepunkt des Medienforums.

Gehrs ist ein verdammt witziger Zeitgenosse, er hört sich zwar mit Sicherheit gern reden und zieht mit Vorliebe seine One-Man-Show ab, dafür aber ist es eine ganz hervorragende.

Das Thema seines Vortrags war eigentlich sein DUMMY. Darüber hat er auch ein bisschen was erzählt, nutzte das allerdings später nur als Katalysator, um alle abzuwatschen - von FAZ bis taz ein Rundumschlag durch die deutschen “Qualitätsmedien”. Beeindruckender Weise hatte er kein wirkliches Konzept - was die Sache aber umso durchdachter wirken ließ. Er selbst wusste das natürlich genau, und versuchte das zu seinem Vorteil zu deuten, betonte immer wieder: “Ich hab ja keine so ne Powerpoint-Präsentation”. So wie all die anderen Deppen, hätte man anfügen können.

Gehrs ist ein verdammter Klischeewälzer. Die Deutschen würden immer grüner, aber nicht so mit Vollbar, Jesuslatschen und Reformhaus. Mehr so mit veganem Essen aber schicker Frisur. Aber, und auch das ist ein Klischee: In Berlin habe man den Eindruck, dass ganz Deutschland Röhrenjeans trüge und diese komischen Tücher, die plötzlich in sind.

Das stimme nicht - und damit komme ich zu der Aussage, die Gehrs ganzen Vortrag durchzog, die beste insgesamt war, keine neue zwar, aber mit soviel Witz und Inbrunst vorgetragen, dass es mir beinah so vor kam: Die Gesellschaft splittere sich auf, es gibt nicht mehr die eine Bewegung, die unser ganzes Land oder Europa oder die Welt erfasse. Deswegen seien Formate wie DUMMY oder Monopol die zukunftsweisenden. Und zwar weil sie nur 40.000 bis 50.000 Exemplare Auflage hätte - und nicht trotz.

Gehrs hat Recht und trotzdem muss ich jetzt mal einen Satz sagen, von dem ich nie dachte, dass ich ihn jemals sagen würde, so schlimm ist er eigentlich: Deutschland und vorallem die deutschen Mainstream-Medien sind noch nicht reif für diese Erkenntnis. Schluchz. Ich befürchte fast, sie werden es nie sein, zumindest nicht solange, wie ich lebe. Uns weiter erzählen, alle mögen Dieter Bohlen und alle finden Diäten-Erhöhung scheiße. Einfach weil sie nicht begreifen, das Auflage und Quoten und so (”und so” und “irgendwie so” sind im Übrigen Gehrs Lieblingsfloskeln) nicht wirklich wichtig sind.

Um von meinem missionarischen Amen-Gelaber mal wieder auf dem Vortrag zurückzukommen: Ich wette, Gehrs hat ein paar DUMMY-Abonnementen mehr bekommen hier in Mittweida. Den minutenlangen Applaus gab’s obendrauf.