Ich dachte, ich komme um diesen Post drumrum, denn auch wenn manchmal der Eindruck entstehen sollte: Eigentlich mag ich es nicht, mich an etwas abzuarbeiten oder gar mich an einzelnen Personen hochzuziehen. Aber umso länger die erste Podiumsdiskussion des Medienforums heute gedauert hat, um so sicherer war ich mir, dass ich diesen Post genauso schreiben muss. Um zu verarbeiten was ich sah. Es brennt mir förmlich in den Fingern.
Ich fange von vorn an, macht man ja eigentlich nicht, aber nur so ist das, was ich zu sagen habe, nachvollziehbar. Es geht um das Panel zum Thema “Wieviel ist Content noch wert?”, hoch interessant in Zeiten von Bürgerjournalismus und Grabenkämpfen zwischen Bloggern und Journalisten. Moderiert wurde das Ganze von Inge Seibel-Müller, wer im einzelnen mitdiskutierte und was die alle für Jobs haben, kann man hier nachlesen. Den Beginn markierte eine minutenlange Einführungsrede von Seibel-Müller, bei der ich spätestens nach dem fünften “Ähm” die Geduld verlor. Nicht so sehr das große Problem, jeder kann bei sowas aufgeregt sein. Schlimm wurde es erst, als es so schien, als bekäme jeder Diskutant vor der eigentlichen Diskussion endlos lange Zeit für selbstpropagandierende Dampfplauderei. Zunächst bekam Lars Langenau Gelegenheit, süddeutsche.de anständig zu hypen. Übrigens: Das “SZ Online” (der Online-Auftritt der Sächsischen Zeitung) und “süddeutsche.de” zwei verschiedene Dinge sind, musste sich Inge Seibel-Müller erstmal erklären lassen. Peinlich. Spätestens aber, als c’t-Mann Jürgen Kuri die dritte Nachfrage zu der Verteilung von Content, der von Offline-Journalisten und Online-Journalisten produziert wird, beantworten durfte, begrub selbst DUMMY-Gründer Oliver Gehrs lächelnd seinen Kopf in den Händen. Ich fühlte mich an schlimmste Christiansen-Zeiten erinnert, als der letzte der gefühlt 154 Gäste nach einer halben Stunde zu Wort kam. Hier schien es ungleich länger zu dauern.
Dann endlich, war er an der Reihe, mein Messias für diesen Abend, sein Irokese wurde qasi umrandet von einem Heiligenschein: Sascha Lobo. Er schwitze so sehr, ob man die Einführung nicht etwas straffen könne. Außerem müsse man die Zuhörer ja nicht quälen. Meinen spontanen Szenenapplaus hatte er sich mit diesem Satz redlich verdient. Damit wurde der Abend besser, insgesamt soger sehr gut. Man begann zu diskutieren. Wird es die Zeitung in ein paar Jahren oder Jahrzehnten noch geben? Ist ein Klick auf eine Bilderstrecke genauso viel wert, wie der auf einen Artikel? Und: Haben es die Journalisten der klassischen Medien nicht verdient, jetzt in der Content-Scheiße zu stecken? Haben nicht sie den Niedergang des Qualitätsjournalismus eingeleitet? Gehrs versuchte sich als Klassenclown und Kulturpessimist, Lobo fasste sich ständig an seine Schuhsohlen, gab aber sehr schlaue Sachen von sich, Wilfried Hub vom Vogtland-Anzeiger hypte den Lokaljournalismus (meinen inneren Applaus übrigens für seine nüchterne Sichtweise auf die Zukunft des Print) und Lars Langenau, der sah einfach alles ein, fand süddeutsche.de aber auch am Ende noch spitze. Muss er auch. Über der Szenerie schwebte einer, der gar nicht dabei war: Stefan Niggemeier. Aber ja, er ist Bild-Blog-Betreiber und süddeutsche.de kann er auch nicht leiden, natürlich, er brauchte seinen Platz.
Eine wunderbar nicht-hormonische Runde mit verdammt interessanten Diskussionsansätzen, die ich hier im Einzelnen nicht wiedergeben will und auch gar nicht wiedergeben kann. Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht Inge Seibel-Müller gewesen. Diese zeigte sich nicht sonderlich gut vorbereitet, als sie Lobos Riesenmaschine mit einer klassischen Zeitung verglich - Entschuldigung, aber das ist ja noch nicht mal provokativ! - , verstrickte sich in Face-to-Face-Randdiskussionen um die rechtliche Problematik von Foren-Beiträgen und das schlimmste: Sie war selbst Teilnehmerin der Diskussion! Und hatte damit natürlich keine Zeit, sie anständig zu leiten, stellte meist zur falschen Zeit die falschen Fragen. Moderatoren sollten sich meiner Meinung mit zu aggressiv und konsequent vorgetragener Meinung zurückhalten. Ihr jedoch schien “Verteidigungslinie der klassischen Medien im finalen Kampf gegen die Eindringlinge aus dem Online-Bereich” in Neon-Leuchtbuchstaben auf die Stirn geschrieben. In sehr kleinen Buchstaben freilich, bedenkt man die Begrenztheit einer Stirn, aber in leuchtenden Buchstaben. Immer, wenn jemand auch nur latent eine Lanze für Print schlug, blitzte sie Lobo triumphierend an, als wolle sie sagen: “Siehste, da hast du es!” Vogtland-Anzeiger-Hub schien den Bann zu brechen, als der sagte: “Die Diskussion dreht sich nicht darum, ob gedrucktes (Seibel-Müller bevorzugte übrigens mir unerklärlich die irreführende und völlig unzureichende Bezeichnung “geschriebenes”) oder Infos im Online-Bereich qualitativ besser sind, sondern darum, wie man allgemein Qualitätsjournalismus machen kann.” Dieser Satz musste später aber noch von mehreren Seiten aufgegriffen werden, denn Seibel-Müller übte sich auch weiterin nicht gerade in Zurückhaltung, sondern weiter konsequent in Lobo-Bashing. Der wusste sich köstlich zu wehren. Als die Moderatorin Lars Langenau gegen einen scheinbaren Lobo-Angriff schützen wollte, erklärte dieser trocken: “Ich habe nicht ihn angegriffen, sondern Sie!” Seibel-Müller tat übetrieben entrüstet, das Publikum lachte.
Insgesamt: Eine verdammt gelungene Veranstaltung, was sich schon in meinem Elan zeigt, so emotionsgeladen darüber zu berichten. Als die Diskussion endlich in Gang kam, war sie vorzüglich. Zwar wurden die Ziele, die Inge Seibel-Müller zu Beginn ausgab, nicht erreicht, und das richtet sich diesmal nicht gegen ihr Wirken, denn: Das ist normal. Diskussionen brauchen Platz, um sich zu entwicklen. Außerdem wird der Heilige Gral für die Zukunft des Journalismus sicher nicht in zwei Stunden im Studio B der Hochschule Mittweida gehoben. Deshalb: Meinen Respekt für die explosionsgeladene und kurzweilige Zusammenwürfelung der Teilnehmer und für die Spitzzüngigkeit und klugen Sätze der Diskutierenden selbst.
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Na da bin ich mal gespannt, was mich heut in MW erwartet. Bin wegen dem Zeitung2.0-Projekt da, aber werde mir auch anderes anschauen, wenn Zeit bleibt. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege, vielleicht auch nicht, bis später.
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Kann ich so unterschreiben. Inge Seibel-Müller halte ich im Nachhinein für denkbar ungeeignet als Moderator. Hoffentlich machts derjenige heut Abend besser.
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Bei der Ankündigung der Teilnehmer am Medienforum dachte ich mir beim Namen Inge Seibel-Müller nur “die ist wohl nur dabei, weil Prof. H. M. sie unbedingt drin haben wollte und er hat seinen Willen bekommen”. Das scheint jetzt umso wahrscheinlicher.
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@unregelmäßiger leser:
das scheint mir das business-as-usual. speichellecker nach vorn bitte!
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@unregelmäßiger leser: das is natürlich völliger unfug. wir haben uns im team für frau seibel-müller entschieden, die freundlicherweise zugesagt hat, obwohl sie sowohl davor als auch danach auf anderen kongressen eingeplant war und nur kurz zeit hatte.
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geht man nach der vita der jungen dame, muss ich mario wohl recht geben. geht man nach der hier geschilderten qualität ihrer “mitarbeit” an dem panel, empfinde ich sie als eine gewollte fehlbesetzung!
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@denise: na hauptsache sie ist dabei, egal für welches panel!
so wie du schreibst, hätte sie man auch in irgendein hörfunk-podium stecken können.

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