Ich hatte ihn an meiner Wand hängen. Ganz klassisch, die schwarze Silhouette auf dem roten Grund. Und, ein bisschen kleiner, auf den Farben des Landes, in dem er als einziges wirklich erfolgreich war. Aus dem Italienurlaub hatte ich mir einen Kalender mitgebracht, zwölf mal sein Konterfei, meistens in schwarz-weiß, meistens sah er gut aus. Auf jeder Seite stand ein Zitat von ihm, in Spanisch. Mit einem Latein-Wörterbuch (!) und Internet-Übersetzungsmaschinen hab ich diese so gut es eben ging übersetzt. Obwohl ich nie Spanisch hatte, fiel das besonders schwer nicht. Ich kannte seinen Pathos und wusste die Übersetzungslücken leichtfingrig zu füllen. Ich kannte mich aus mit seinem Leben. Wusste, dass er mit vollem Namen Ernesto Rafael Guevara de la Serna hieß, in welcher Stadt Argentiniens er geboren wurde und dass “Che” soviel bedeutet wie “Hey” oder “Kumpel”. Ich wusste auch, dass er ökonimisch eine ziemliche Niete war und mit welchem Missverständnis er überhaupt Industrieminister und Nationalbank-Chef Kubas geworden ist. Ich wusste, dass er seine Feinde standesrechtlich erschießen ließ und dass er gegen die Herausgabe der Atomraketen während der Kubakrise war - lieber wollte er sterben und mit ihm eine ganze Nation. Ich kannte seine abstruse Theorie vom “Revolutionsexport” und wusste, dass diese weder im Kongo noch in Mexiko noch in Bolivien funktioniert hat und ihm letztendlich das Leben gekostet hat. Seine Poster hingen trotzdem nicht nur irgendeiner pubertären Rock’n'Roll-Rebellen-Gesinnung wegen an meiner Wand. Ich bewunderte ihn als Menschen, ohne ihn jemals gekannt zu haben. Ihn zeichnete etwas aus, dass ich nicht kannte: Konsequenz. Und mehr noch: Leidenschaft.
Ich bin in einer ziemlich unspektakulären Zeit groß geworden. Elvis konnte noch schocken, Rammstein schon lange nicht mehr. Freie Liebe, abstruses Aussehen, RAF - alles schon mal dagewesen. Ich und eine ganze Horde pubertierender Möchtegern-Rebellen um mich herum hatten ein entscheidendes Problem: Wogegen aufstehen? Auch wenn es einen Weile so aus sah: Ich habe nicht daran geglaubt, dass Punk not dead is und ich habe auch nicht wirklich an die Parolen der Sex Pistols oder von WIZO oder von sonstwem geglaubt. Ich habe an gar nichts geglaubt.
Dagegen an Che zu glauben war rational gesehen nicht anders als nachts betrunken “No Future” zu grölen. Sein Konterfei stand genauso für längst überholte, niemals funktionierende und ganz bestimmt nicht zurückkommende Ideale. Aber eben weil ich an nichts glauben konnte und eben weil mich nichts wirklich bewegte, ich für nichts echte Leidenschaft aufbringen konnte, konnte ich sie für Che aufbringen. Für seine Leidenschaft gegenüber Idealen, die ich keine Sekunde ernsthaft vertreten habe.
Viel hat sich nicht geändert seit ich aufgehört habe, unter seinem in die Ferne schweifenden Blick einzuschlafen oder mir vorher seine Rezitationen aus dem “Kapital” durchzulesen. Außer eben, dass ich damit aufgehört habe. Ich bin immer noch ziemlich leidenschaftslos. Mich bewegt weder die drohende Klima-Katastrophe noch, dass kleine tibetanische Kinderhände meine T-Shirts zusammennähen. Manchmal leide ich darunter. Dann denke ich: Viel ist das Leben nicht wert, wenn du es einfach nur so vor dich hinlebst, ohne, dass dir wirklich was richtig nahe geht, dass dich irgendwas so richtig begeistert, ja, ganz pathetisch: Ohne, dass du hinter einer Sache stehst, für die du dein Leben geben würdest. Tatsache ist jedoch: Ich bin nun mal wie Öl. An mir perlt alles ab.
Trotzdem hab ich irgendwann aufgehört, Che wegen seiner Leidenschaft zu bewundern. Genauso gut könnte ich vermutlich Osama bin Laden oder Daniel Martin S. bewundern. Che hängt immer noch in meinem Zimmer. Ich hab ihn dort zurückgelassen.
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also zur ehrenrettung eines vierzig jahre toten: che hat nicht nur schwachsinn fabriziert. mit seinem spruch “sozialismus ist bildung” hat er dafür gesorgt, dass kuba auch heute noch weniger analphabeten hat als die USA (und der rest von lateinamerika sowieso).
sonst hast Du natürlich recht. da gilt wohl: andere zeiten = andere helden. in kuba lieben sie ihn trotzdem noch. hat wohl was mit nationalem selbstbewußtsein zu tun. wir haben eben boris, graf und beckenbauer. fieser vergleich, sorry….

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