Oktober 2007

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Zum Beispiel dann, wenn die Stichworte “ein orientalisch aussehendes Paar”, “im Dunkeln” und “ohne Auto” ausreichen, um einen GSG9-reife Durchsuchungsaktion zu starten. Und das alles auch noch wirklich passiert.

Ein schlechter Tag

Gestern war ein wirklich schlechter Tag für jede Tageszeitung. Räikkönen wird überraschend Formel 1-Weltmeister, Tusk wird überraschend deutlich Wahlsieger in Polen, in der Schweiz legt die SVP zu - alles Entscheidungen, die spät für eine Tageszeitung fallen und zu allem Überfluss auch noch recht überraschend. Womit macht also die Süddeutsche heute konsequent auf? “Lokführer fürchten Wut der Kunden”. Und ganz unten auf der Titelseite: “Knapper Wahlausgang in Polen erwartet”. Wie der letztlich auging erwähnte ich bereits. Der Anachronismus Tageszeitung bestätigt all seine Klischees.

Dagegen glänzend, wie immer übrigens: Das heutige Streiflicht. Lustig, immer noch aktuell, politisch, assoziativ, überraschend - glänzend also. Deswegen und wegen der Inaktualität der anderen Themen ist das Streilflicht so ziemlich das einzige was ich in der Süddeutschen immer lese. Satire, Kommentar, Glosse - die Zukunft aller publizistischen Disziplinen. Ich bin mit Sicherheit nicht die erste, die das feststellt. Aber ich frage mich: Warum zieht aus dieser Feststellung keiner Konsequenzen? Gerade an einem schlechten Tageszeitungs-Tag wie heute? Es ist quasi peinlich mit einem weitergedrehten Thema aufzumachen und einem wirklich interessanten Thema einfach eine längst überholte, zum Zeitpunkt also, als die Zeitung in meinem Briefkasten liegt, falsche Erwartung zu widmen. Warum nicht den Mut haben und a) mehr bunte Themen nach der Art des täglichen Süddeutsche-Mittelthemas (”Krebs trifft auch die Glücklichen”) oder b) mehr Analysen, Meinungen und Hintergründe auf Seite Eins drucken? Aktuell kann die Tageszeitung im Vergleich schon lange nicht mehr wirklich sein, schon gar nicht an einem solchem Tag. Mit vor Verzweiflung weiß gewordenen Fingern an dieser einstigen Macht des vierten Standes festzuhalten, ist geradewegs erbärmlich.

P.S.: Die Sportseite der Süddeutschen titelt die Bundesliga-Sonntagsspiele. Muss ja. Die sind 19 Uhr zu Ende. Räikkönens WM-Sieg stand gegen 20 Uhr fest (zumindest fast, Gemauschel am grünen Tisch hätte man ja erwähnen können). Eine lächerliche Stunde später! Warum also nicht Formel 1 titeln? Oder hat da jemand voreilig einen Hamilton-Sieg in der Konserve gehabt und dann vor Schreck über Räikkönens Triumph nicht mehr gewusst, was zu schreiben ist? Auch peinlich. Noch viel peinlicher, wenn man das einzige Wort zur Formel 1 über die Zukunft von Ralf Schumacher verliert.

Sozial ausgeklingt

171 ungelesene Blogbeiträge, 26 Emails auf drei Adressen (was meinem Ego nicht gut tut, war ja aber auch Wochenende dazwischen), acht ungehörte Podcasts - war was?

Ich war mal weg, abgetaucht, nicht im ICQ, Emails und SMS unbeantwortet gelassen, alles so eben, drei Tage lang. Warum? So sehr im Stress wie sie bin ich nicht, bestimmt nicht, Mittweida ist um einiges beschaulicher als Berlin. Nur hab ich in den vergangenen Wochen soviel Medien- und Kommunikationskram konsumiert, wie noch nie in so kurzer Zeit. Einfach zu viel. Morgens Feeds, beim Duschen das Radio, beim Frühstück die Süddeutsche, mittags das Amtsblatt, am frühen Nachmittag die neuesten Feeds, auf dem Weg von A nach B Musik, irgendwann noch eigener Medienkram, abends Podcasts, dann Fernseh-Nachrichten, ein Magazin vorm Einschlafen und wenn man schon beinah eingeschlafen ist, noch ein Podcast. Was mit Medien oder das Radio Eins Medienmagazin, versteht sich. Dazwischen immer wieder Emails, Telefonate, SMS, ICQ, manchmal sogar Reden und irgendwo hinrennen, um - ja um an Infos für neue Emails, Telefonate, SMS, ICQ und Texte zu kommen. Ich will gar nicht von Burnout reden, ich kann sowas vertragen. Irgendwie kam es mir nur so… falsch vor. So hetzend, so medial, einfach so sehr nach dem Kir Royal-Klischee der deutschen Medienlandschaft. Jetzt hab ich wieder richtig Bock. Mein Feed wartet mit hoffentlich netten Texten auf mich, ich werd die Emails durchschauen, Podcasts hören und ganz sicher ein später was schreiben. Wie vorher, der Jahrmarkt wartet und ich steig wieder auf, aufs elektronische Pferd.

Ach, und wen es interessiert, was ich gemacht habe (ein bisschen vom alten Exhibitionismus is scheinbar über geblieben): Geschlafen, gegessen, eingekauft, spaziert, alte TV-Serien gesehen und gelesen. Bücher. Ganz klassisch.

Anachronistisch

“1674 kauft Christian, der am 9. April 1844 geborene Sohn Caspar Sattlers, der 1673 verstorben war, das Haus für 200 Gulden [...], von den Erben, nachdem er am 29. November 1673 das Bürgerrecht von Mittweida erhalten hatte.”

Wie immer nichts bekommt der, der mir folgende Frage beantworten kann:

Wie lange dauerte eine Schwangerschaft zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert höchstens?

Abends, in einem ganz normalen Schlafzimmer der Republik. Zwei Personen mit Kopfhörern eines mobilen Abspielgerätes von Apple im Ohr.

Er: “So stellt sich die Web 2.0-Welt ihre Schäfchen vor. Podcast hören und Blog betreiben”

Sie: “Und dabei nichts verdienen.”

Er: “Genau.”

Pause

Sie: “Na dann ist ja alles geritzt.  Wenn man für nichts etwas bezahlt, muss man auch nichts verdienen.”

Kann es sein, dass uns die ehrwürdigen Nobelianer aus Stockholm dieses Jahr nicht viel mehr sagen wollen, als dass auch sie nur aller Welt nach dem Mund reden?

Dass sie Al Gore als Friedensnobelpreisträger auszeichnen, hätte vielleicht früher mal noch dazu führen müssen, das Wort Frieden in Richtung Umwelfrieden neu zu definieren. Aber im gleichen Atemzug der erhält der UN-Klimarat den selben Preis - ja, nun lässt sich der nach-dem-Munde-Rede-Nobelpreis kaum noch mit Gegenargumenten verteidigen. Alle reden vom Klima - einen Klimanobelpreis gibt es nicht, aber wir finden da schon was, das uns gut dastehen lässt, keine Sorge. In dem Zusammenhang fällt auch Doris Lessing auf: Eine - wenn sie es auch selbst abstreitet - Feministin, in Zeiten, in denen nicht wenige der Meinung sind, dass Feminismus wieder auf die Tagesordnung gehört und Alice Schwarzer wieder mehr Dummlapp-Zeit im Fernsehen bekommt. Das nenn ich mal “Hurra-Journalismus” “Hurra-Nobelpreisen”.

Vertraeumt und so

Egoload - Verträumter Idealist

“Lebenspraktische Dinge dagegen gehören für den verträumten Idealisten nicht zum wirklich Wichtigen. Mit den profanen Anforderungen des Alltags beschäftigt er sich nur, wenn es unumgänglich wird.”

“Oberflächlicher Smalltalk ist nicht seine Sache, wenn man mit ihm befreundet sein oder eine Beziehung haben will, muss man seine Gedankenwelt teilen und bereit sein, sich wirklich auf tiefgründige Gespräche einzulassen.”

Mag ich sowas? Manchmal schon.

Erblast

War eben im Zirkus und hab eine entscheidende Frage beantwortet bekommen:

Was macht man als gänzlich unbegabter Bursche, der in eine Zirkusfamilie hineingeboren wird?

Möglichkeit eins: Man schlägt mit regelmäßiger Genauigkeit den Tusch erst NACHDEM in der Manege der entscheidende Sprung getan oder die entscheidende Figur geturnt wurde.

Möglichkeit zwei: Man regelt den manuell und direkt zu bedienenden Scheinwerfer.

Wie Oel

Ich hatte ihn an meiner Wand hängen. Ganz klassisch, die schwarze Silhouette auf dem roten Grund. Und, ein bisschen kleiner, auf den Farben des Landes, in dem er als einziges wirklich erfolgreich war. Aus dem Italienurlaub hatte ich mir einen Kalender mitgebracht, zwölf mal sein Konterfei, meistens in schwarz-weiß, meistens sah er gut aus. Auf jeder Seite stand ein Zitat von ihm, in Spanisch. Mit einem Latein-Wörterbuch (!) und Internet-Übersetzungsmaschinen hab ich diese so gut es eben ging übersetzt. Obwohl ich nie Spanisch hatte, fiel das besonders schwer nicht. Ich kannte seinen Pathos und wusste die Übersetzungslücken leichtfingrig zu füllen. Ich kannte mich aus mit seinem Leben. Wusste, dass er mit vollem Namen Ernesto Rafael Guevara de la Serna hieß, in welcher Stadt Argentiniens er geboren wurde und dass “Che” soviel bedeutet wie “Hey” oder “Kumpel”. Ich wusste auch, dass er ökonimisch eine ziemliche Niete war und mit welchem Missverständnis er überhaupt Industrieminister und Nationalbank-Chef Kubas geworden ist. Ich wusste, dass er seine Feinde standesrechtlich erschießen ließ und dass er gegen die Herausgabe der Atomraketen während der Kubakrise war - lieber wollte er sterben und mit ihm eine ganze Nation. Ich kannte seine abstruse Theorie vom “Revolutionsexport” und wusste, dass diese weder im Kongo noch in Mexiko noch in Bolivien funktioniert hat und ihm letztendlich das Leben gekostet hat. Seine Poster hingen trotzdem nicht nur irgendeiner pubertären Rock’n'Roll-Rebellen-Gesinnung wegen an meiner Wand. Ich bewunderte ihn als Menschen, ohne ihn jemals gekannt zu haben. Ihn zeichnete etwas aus, dass ich nicht kannte: Konsequenz. Und mehr noch: Leidenschaft.

Ich bin in einer ziemlich unspektakulären Zeit groß geworden. Elvis konnte noch schocken, Rammstein schon lange nicht mehr. Freie Liebe, abstruses Aussehen, RAF - alles schon mal dagewesen. Ich und eine ganze Horde pubertierender Möchtegern-Rebellen um mich herum hatten ein entscheidendes Problem: Wogegen aufstehen? Auch wenn es einen Weile so aus sah: Ich habe nicht daran geglaubt, dass Punk not dead is und ich habe auch nicht wirklich an die Parolen der Sex Pistols oder von WIZO oder von sonstwem geglaubt. Ich habe an gar nichts geglaubt.

Dagegen an Che zu glauben war rational gesehen nicht anders als nachts betrunken “No Future” zu grölen. Sein Konterfei stand genauso für längst überholte, niemals funktionierende und ganz bestimmt nicht zurückkommende Ideale. Aber eben weil ich an nichts glauben konnte und eben weil mich nichts wirklich bewegte, ich für nichts echte Leidenschaft aufbringen konnte, konnte ich sie für Che aufbringen. Für seine Leidenschaft gegenüber Idealen, die ich keine Sekunde ernsthaft vertreten habe.

Viel hat sich nicht geändert seit ich aufgehört habe, unter seinem in die Ferne schweifenden Blick einzuschlafen oder mir vorher seine Rezitationen aus dem “Kapital” durchzulesen. Außer eben, dass ich damit aufgehört habe. Ich bin immer noch ziemlich leidenschaftslos. Mich bewegt weder die drohende Klima-Katastrophe noch, dass kleine tibetanische Kinderhände meine T-Shirts zusammennähen. Manchmal leide ich darunter. Dann denke ich: Viel ist das Leben nicht wert, wenn du es einfach nur so vor dich hinlebst, ohne, dass dir wirklich was richtig nahe geht, dass dich irgendwas so richtig begeistert, ja, ganz pathetisch: Ohne, dass du hinter einer Sache stehst, für die du dein Leben geben würdest. Tatsache ist jedoch: Ich bin nun mal wie Öl. An mir perlt alles ab.

Trotzdem hab ich irgendwann aufgehört, Che wegen seiner Leidenschaft zu bewundern. Genauso gut könnte ich vermutlich Osama bin Laden oder Daniel Martin S. bewundern. Che hängt immer noch in meinem Zimmer. Ich hab ihn dort zurückgelassen.

Zwei Jahre war ich schon in Mittweida, als ich zum Ende des Sommers wieder hierher zurückgekommen bin. Komisch war das Gefühl, gefreut hab ich mich, aufs Schreiben, aufs Radiomachen. Angst hatte ich vor der Mittweida-Lethargie. Dem typischen Müßiggang, der in dieser Stadt zu wohnen scheint. In den Wänden, in der Kanalisation, in den Pflastersteinen auf dem Campus. Unsichtbar, um dann, sobald man länger als 24 in dieser Stadt ist, hervorzukriechen und sein lähmendes Gas zu verströmen. Irgendwie ist gerade alles anders. Ich hab so viel Motivation für die NOVUM wie wahrscheinlich alle vier Semester vorher zusammen nicht. Auf 99drei und seine Aufgaben hab ich auch Lust. Und die restliche Zeit füll ich mir mit Gedanken um die Zukunft und Vorbereitungen für eine rosige solche gut genug an, um nicht vor Langeweile die langweiligen MW-Vorlesungen besuchen zu müssen. So kann ich hier auch das letzte Semester noch einigermaßen überstehen.

Diese Woche hatte ich kaum Zeit, um irgendwas gut zu finden. Aber das macht fast nichts. Denn eines, das fand ich so gut, dass ich ihm auch einen alleinstehenden Post gönnen kann. Einfach der Ehre wegen. Und damit man sich das anhört. Auch wenn’s heute ein bisschen politisch wird. Nachfolgend also ein Beitrag aus der Rubrik Politisches Feuilleton vom Deutschlandradio.

Achso: Sieht aus, wie ein Video, is aber nur zum Hören. Hab jetzt weder Lust noch Zeit, um mich um eine optimalere Lösung zu bemühen. Irgendwann bestimmt.

[MEDIA=3]

Das ich tatsächlich mal eine Chemnitzer Party ankündigen würde, hätte ich mir so auch nicht träumen lassen. Aber ja, ich tus! Weil die hier eine so schöner ironischer Abgesang auf diese Stadt und ihre Feiern ist. Wir gehen dahin. Vielleicht. Suchen noch Mitstreiter. Kommt das.

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Da lob ich mir das heimische Bier.