Battle-Runde #9: Vergessen

Fußknoten

Schwarz auf Weiß reihen sich die Buchstaben aneinander, stehen da wie Warnschilder, die nicht viel mehr sagen, als dass sie noch zu wenige sind. Ich strenge mich an, schneller zu tippen, bessere Tippfolgen in die Tastatur zu prägen, schließlich ist das mein Job. Jemand ruft meinen Namen, irgendwas funktioniert nicht mit jemands Schreibtischlampe. Schreibtischlampe ist ein ziemlich banales Wort denke ich und gehe, um festzustellen, dass der Stecker nicht richtig in der Dose steckt. So einfach ist das. Den Stecker richtig reinstecken, ganz logisch. Und mein Job. Genau wie das tippen. Im Augenwinkel sehe ich, wie rechts unten ein Hinweisfenster aufploppt. Eine neue Email, mechanisch öffne ich das Mailprogramm. An die Buchstaben soll ich denken, sie müssen heute noch viel mehr werden. Vergessen soll ich das nicht. Jaja. Das ist doch mein Job! denke ich.

Zusammen mit meinem Kaffeebecher suche ich mir einen Sitzplatz. Ein Omelett bitte, ohne Petersilie, sage ich in meinen Terminplaner hinein und weiß, ohne hinzusehen,dass die Bedienung das nicht aufschreiben muss. Ich streiche zwei Termine, eben abgesagt. In meinem Job ist viel zu tun und in meinem Büro sind die Buchstaben zu mehren. Ich esse schneller, als ich Kaffee hinterherschütten kann und sehr viel schneller, als die Bedienung mir nachschenken kann. Dann gehe ich zu den Buchstaben, ich muss sogar noch ein bisschen kauen, aber das ist mein Job.

Es ist duster geworden, in den Schaufenstern umrandet Dekorationslaub brennende Duftkerzen. Wahrscheinlich ist es Herbst, sicher ist es sechster November. In meiner Manteltasche vibriert es, die Musik kommt mir fremd vor. Ich gehe ans Handy und weiß sofort, wer es ist. Brot soll ich mibringen, nicht vergessen. Ist doch mein Job, murmle ich und lege auf. Die Riemen meiner Handtasche schneiden in meine Schulter.

Das Wasser ist warm, auf dem Kopf, dem Rücken, überall. Ich sehe an mir herab und befinde, dass es an der Zeit ist, meine Fußnägel zu kürzen. Oben links das Etui, rechts oben die Schere. Es ist mein Job, das zu wissen. Die Nägel sind weich vom Duschen und machen keine Probleme. Die Reste werden in den Ausguss gedreht, ich will das Etui zurücklegen und merke, dass ich humple. Ich seh nach und stelle fest, dass ich mir meine rechte große Zehe abgeschnitten habe. Ich bin ziemlich entsetzt darüber, wie sehr das van Gogh ähnelt. Plötzlich habe ich das starke Gefühl, etwas vergessen zu haben. Ich überlege kurz und humple zu meinen Sachen. Nein, das Brot habe ich gekauft, da liegt es duftend im Plastebeutel. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob die Buchstaben schon genug waren. Mit meinem Mantel verlasse ich das Haus, dass ich humpel, fällt ihm nicht auf.

Draußen ist es inzwischen ganz dunkel, deshalb fällt mir auch auf, dass sie die große Eiche auf dem Marktplatz neuerdings anstrahlen. Ich schaue flüchtig hin und denke, dass ich die Stromrechnung noch nicht bezahlt habe. Als ich schon wieder weggesehen habe, fällt mir die Bank auf, die neben der Eiche steht. Ich bleibe stehen. Da steht sie also. Wahrscheinlich stand sie schon die ganzen 17 Jahre da, nur ist sie mir in den letzten 15 nicht aufgefallen. Das Holz ist ziemlich verwittert und die hintere Planke ist locker, noch immer. Als mir das auffällt, stelle ich fest, wie kitschig diese Gedanken sind. Trotzdem setze ich mich hin und muss ein bisschen weinen. Mein rechter großer Zeh tut jetzt sehr weh, ganz plötzlich. Eigentlich ist es ja nicht der Zeh, sondern nur die Stelle, wo er mal gewesen ist. Ich schlage mein rechtes Bein über das linke und muss plötzlich an einen Knoten in einem Taschentuch denken. Ohne Vorwarnung fällt mir auf, dass ich mir heute einen Knoten in den rechten Fuß geschnitten habe.

  1. auch wenn lantzschi wieder mit einem kurzen text alles auf den Punkt bringt (wirklich toll, das gefühl kennt wohl jeder), bekommst du mein vote.
    viele schöne sätze (ich musste mindestens zweimal laut loslachen), einfach ein schöner text, hat mich gefesselt.

    also: vote denise.

  2. Sehr schön…

    Vote Denise!

  3. Lachen konnte ich darüber nicht - verwirrend düsterer Text. Liest sich so, wie sich ein diffuser Albtraum anfühlt. Trotzdem faszinierend. Vote Denise!

  4. vote denise. ich bin einfach zu subjektiv :-P
    Die Texte haben mir beide sehr gut gefallen. Die einzubindenden Stilmittel habe ich nicht entdeckt, müsste aber auch erstmal nachschlagen was die eigentlich bedeuten.

  5. Echt sehr gut! Vote Denise:)