Fehlprägung
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was mein erstes Wort war. Wahrscheinlich irgendeine klangorientierte Buchstabenaneinanderreihung, “lalu”, “nämal”, “glol” oder so etwas ähnliches, was in seinem Baby-Brabbel-Stil die um meinen Stubenwagen versammelte Verwandtschaft zu mütter- und väterlichen “Wie putzig!” oder “Orrrrr!”-Ausrufen animiert hat. An die Szenerie kann ich mich freilich auch nicht mehr erinnern, reine Vermutung. Ich vermute auch, dass dann bald “Mama”, “Papa” oder “Ball” hinzukamen. Meinen noch sehr überschaubaren Wortschatz inflationär gebrauchend hab ich dann auf meinem Beißring rumgesabbert, genüsslich in die Windeln gepinkelt und auf neue, einfache Worte gelauscht. Die Zeit, in der Z und k eine linguistische Herausfoderung darstellten, war eine schöne Zeit. Vermutlich.
Dann wurde es ernst: Wenn man etwas will, sagt man “ich möchte” und “bitte” und wenn man es bekommt “danke”. Es heißt nicht “was?” sondern “wie bitte?” und “Scheiße!” sagt man nicht, genauso wenig, wie man fremde Kinder mit Bauklötzen schlägt. Die Zeit, in der ich noch einfach so drauf los reden konnte und es trotzdem alle goldig fanden, war schnell dahin. Und nachdem ich dann das “Zauberwort” kannte und eine Menge anderer Regeln der fortgeschrittenen Kommunikation artig anwandte, kam die nächste Liga: Wenn man etwas falsch macht, entschuldigt man sich. Ich machte oft Dinge falsch, zumindest sagte man mir das. Und ich habe es gehasst, mich zu entschuldigen. Es war mir unangenehm, dass ich ein böses Kind gewesen sein sollte. Viel unangenehmer aber war mir, dass ich oft nicht wusste warum. Da aber Übung bekanntlich den Meister macht, begriff ich auch schnell, wie man aus der Entschuldigungssache ohne große Blessuren rauskommt: Immer brav zugeben, dass man mit Matchbox-Autos gegen fremde Fensterscheiben geworfen hat und ja, es wird nicht wieder vorkommen. Ernst meinen muss man das nicht, es geht ums Prinzip.
Nun bin ich keine acht mehr und spiele nich mehr mit Matchbox-Autos. “Tut mir leid” ist trotzdem eine Floskel: Tut mir leid, dass es hier so unaufgeräumt ist. Tut mir leid, dass du meine Schrift nicht lesen kannst. Tut mir leid, dass ich sage, was ich sage und am meisten tut mir leid, dass ich bin, wer ich bin. So versuchen wir, das Bild von uns zu malen: Nicht mit Handlungen, sondern mit passenden Off-Texten im “Das habe ich deswegen so und so gemacht”-Stil. Schön, alles unter Kontrolle zu haben.
Müssen wir alles rechtfertigen, was wir tun? Sollten nicht Handlungen für sich selber stehen können? Lernen wir nicht ständig in RTL II-Lebenshilfeshows, dass wir uns gut verkaufen sollten? Weil das rhetorische Fragen sind, sind wir gut darin geworden, blitzschnell Reaktionen der Umwelt abzuwägen, nach gut und schlecht zu teilen und, wenn nötig, mit einer Rechtfertigung zu reagieren. Und meistens halten wir es für nötig und entschuldigen uns. Zu oft, unnötig und halbherzig. Deswegen fallen ernstgemeinte und nötige Entschuldigungen immer noch so schwer wie in der Matchbox-Zeit.
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Toll! Was soll man dazu noch sagen? Vote für Denise.
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Erstmal Vote Denise.
Ich merke es selbst immer wieder, ein “tut mir leid” oder ähnliches kommt mir immer wieder leicht über die Lippen. Es ist eine Floskel, zuoft gesagt. Auf der anderen Seite fällt es ziemlich schwer wirklich eine Entschuldigung auszusprechen und sich mit den anderen über ein Streitthema zu unterhalten. Wenn auf der Gegenseite eine Entschuldigung angebracht ist genauso. Ich glaube, wir haben heute zwar alle Möglichkeiten zur Kommunikation, aber das wir uns dadurch besser verstehen sehe ich nicht. Ich fürchte eher das wir in unserer schnellebigen Zeit immer oberflächlicher werden. -
sehr schön geschrieben…
Vote Denise!!
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wie lantzschis post ist auch deiner wieder sehr schön geschrieben. was lantzschi an bildern für den kopf zu wenig hat, hast du für meinen geschmack aber zu viel. ich brauch das kino im kopf, aber die struktur ist mir einfach zu klar und zu straight.

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