Parkett, zweite Reihe links, Platz sieben: Opernglas dabei!
Gute Menschen haben’s schwer. Nicht nur, dass sie in den Industrienationen des 21. Jahrhundert, dem Mekka aller Ellenbogengesellschaftler, im Leben nicht vorankommen. Nein, für gute Menschen muss wirklich jeder Tag eine Qual sein. Die Überlegungen bevor sie etwas tun wollen, was sie dann doch nicht tun. Kann ich die vorletzte Erdbeere nun noch vom Teller nehmen oder mag die vielleicht jemand anders? Die Überlegungen, nachdem sie etwas nicht getan haben, was sie tun hätten sollen. Hätte ich meinen kleinen Finger nicht doch noch in die Ritze klemmen sollen, als dieser nun sicher wütende Mensch zum Fahrstuhl gerannt kam? Warum gibt’s hier aber auch keine solche Taste mit divergierenden Pfeilen? Die Gedanken, die sie sich um das Wohl anderer Menschen machen. Sollte ich ihn jetzt vielleicht fragen, warum sein linker Mundwinkel heute ein bisschen schief hängt? Oder wäre ihm das möglicherweise unangenehm? Die Gedanken, die sie sich um die Gedanken machen, die sich nicht um das Wohl anderer gedreht haben. Darf ich schlecht von ihr denken, weil sie mir mit ihrem Autoschlüssel den Lack meines Hybrid-Antrieb-Prototyp-Autos zerkratzt hat? Sicher hatte sie auch ihre Gründe. Die restliche Zeit sind Spendenschecks auszufüllen, Katzen zu füttern, Terrassen alter Leute zu fegen, Privatfernsehsender auf dem heimischen Gerät zu sperren, Greenpeace-Hefte zu abonnieren, Patenschaften in Kambodscha zu pflegen und Eierpackungen zurück zum Bauern zu bringen. Abends fragen sie sich dann noch kurz, ob sie genug getan haben und löschen die Sparlampe. Gute Menschen schlafen kurz und schlecht. Und haben’s schwer.
Stimmt. In einem Theaterstück, einer Parodie auf die „Olympiade Guter Mensch“, die in den Lifestylemagazinen und Country Clubs der Wirklichkeit stattfindet, haben es gute Menschen schwer. Leiden für ihre guten Taten, werden zu Märtyrern für die gute Sache. Immer mit dem Ziel, dem Rest der Welt zu sagen: „Schau her, ich bin besser als du! Nimm dir ein Beispiel an mir!“ Immer mit der Hoffnung, dass der Rest der Welt nicht auf den Rat hört. Denn dann wären sie nicht mehr besser. Hinter der Bühne aber, abgeschminkt und ohne Regieanweisungen, machen sich gute Menschen keine Gedanken um Erdbeeren und Fahrstuhltüren. Sie fragen auch nicht nach, ob sie jemandem helfen können. Sie tun es. Sie wissen, dass sie nicht verpflichtet sind, Spendenschecks auszufüllen, um das Prädikat „guter Mensch“ zu erkaufen. Wirklich gute Menschen sagen nicht „Schönes Wochenende“ weil sie denken, das gehört sich so, sondern weil sie ein schönes Wochenende wünschen. Sie haben auch keine Probleme mit Ellen- unter Rippenbögen, denn sie sind sicher, das Richtige zu tun. Und Unbeirrtheit macht erfolgreich. Gute Menschen sind nicht gut, weil sie bei Testreich.com gut abschneiden, sondern weil sie vor sich selbst gut abschneiden und man sie trotzdem mag.
Vielleicht haben wirklich gute Menschen gar kein Dilemma. Vielleicht habe ich aber auch nur die Szenen auf und hinter der Bühne vertauscht.

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