Wir haben keine Zeit!

Gerade habe ich erfahren, dass ein Kindergartenfreund von mir, zwei Wochen älter als ich, vor kurzem Vater geworden ist. Ein Mädchen, ein Wunschkind. Das Erste, was mir einfiel, war “Süß!”. Das fand ich zwei Sekunden später irgendwie arm. Der nächste Gedanke war dann auch schon: “Scheiße, es wird Zeit…”

Rational betrachtet ist das natürlich Schwachsinn. Kinderkriegen ist wie alle Entwicklungen im Leben nicht an Altersstufen gekoppelt und wenn ich mich so umsehe, dann ist besagter Freund auch eine ziemliche Ausnahme. Trotzdem fühl ich mich gerade sehr gehetzt, alles muss fertig werden: die Pasta, die Weihnachtsgeschenkideen, die Belege, das Studium, die Abnabelung und das Erwachsenwerden (”Du bist doch alt genug”, ruft Mutti), der Plan fürs Leben. Später (”Und besser eher als spät”, ruft irgendwer.) dann die Partnersuche, die Karriere, die Hochzeitsvorbereitungen, das Kinderkriegen, die Karriere Teil zwei, das Eigenheim, die Rentenvorsorge (”Schon zu spät”, ruft Riester), die Reisen im Rentenalter, die Versorgung der Enkelkinder mit Geschenken, der Grabstein.

Eigentlich hab ich für alle die, die immer sagen “Das Leben ist zu kurz, man muss es nutzen” nicht viel mehr als ein müdes Lächeln übrig. Die sitzen ihr ganzes Leben an Plänen für selbiges, haben immer schon irgendwo, irgendwas gemacht, sagen ständig Sachen wie “Aus dem Alter bin ich raus” oder “Die Zeiten sind lange vorbei”, stehen mit Handy am Ohr täglich in Kontakt zu ihrem Schwäbisch-Hall-Berater, den sie großkotzig duzen und suchen bei IKEA schon mal die Tapete fürs Treppenhaus raus, zeigen stolz ihre erbärmlich zusammengeklaubten Erfolge rum und versuchen, dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu geben. Das hilft gegen die größer werdenen Zweifel daran, ob sie wirklich ein so tolles Leben führen, genauso, wie wenn ihnen andere grundsätzlich auf der linken Spur des Lebens Fahrenden anerkennend auf die Schulter klopfen. Dann können sie wieder ein paar Nächte ohne die Johanniskraut-Dragees, die sie heimlich im Rossmann der Vorstadt gekauft haben, einschlafen.

Ich schlafe gut und zweifle gerade dennoch. Daran, ob ich denn nun so richtig liege mit meiner Auffassung vom Leben und es mir leisten kann, über die gestriegelten Anzug von C&A-Träger herzuziehen. Machen die es nicht richtig? Brauch ich vielleicht doch einen Plan? Hieße das nichts anderes, als mir zu überlegen, an welchem Ort der Welt ich die restlichen, positiv geschätzten sechzig Jahre meines Lebens verbringen will? Welchen Job ich in der Zeit machen werde? Wo ich mein Brautkleid kaufen werde? Gruselig? Ja, ich hör auf.

Die Pasta steht immer noch ungemacht in meiner Küche, wiedermal hab ich meine Zeit verschwendet. Richtig oder falsch, schön war’s.