2006 hatte ich noch keinen einzigen wirklich weihnachtlichen Gedanken. Mir sind weder die Schokoladenweihnachtsmänner im LIDL negativ noch die Beleuchtungen der Rochlitzer Straße positiv aufgefallen. Ich hab’s einfach hingenommen. Okay, ich hab ein paar Pfefferkuchen gekauft und gegessen. Aber nicht weil Weihnachten ist, sondern weil sie gut schmecken.
Am Wochenende dann der Weihnachtsflash. Bewusst oder unbewusst versuchte man, mir Glocken, zuweilen auch eine ganze Lichterkette ins Hirn zu transplantieren.
Zu Hause musste ich mich auf der Treppe an einem für die Treppe zu großen kleinen Weihnachtsbaum vorbeischmuggeln. Eine kleine, silberne Trommel fiel herunter. Ganz runter, versteht sich. Ich fluchte unweihnachtlich.
Mein Schreibtisch war nicht sofort zu benutzen. Eine kleine Pyramide und der Räuchermann mit der Zuckerstange in der Hand und der komisch sommerlichen Blume am Hut blockierten die Arbeitsfläche. Sogar ein Adventskalender! Die ersten acht Türchen riss ich noch im Stehen auf. Die Schokolade schmeckt wirklich gut, aber von Jahr zu Jahr ein bisschen schlechter. Als Bonus gab’s trotz dreckiger Schuhe ein Nikolaus-Geschenk, was mich ehrlich ein bisschen freute. Ich stellte einen Windows-Weihnachtsskin auf meinem Laptop ein.
Dann Familienfeier. Zum Abschied wünschte man mir ein „frohes Fest“ und „einen guten Rutsch“. Verwirrt war ich ob solcher mir fehl am Platze anmutenden Äußerungen immer noch, mehr als „Jaja, danke, dir auch“ nicht drin.
Samstag shoppen. Von den Massen durch die Hauptverkehrsadern geschoben, flüchtete ich sobald irgend möglich in ein Geschäft. Dort war man auch nur in den Umkleidekabinen allein, sofern man das Glück hatte, eine freie zu erwischen. Hätte ich mir eigentlich denken können. Um von Geschäft zu Geschäft zu kommen, musste ich manchmal auch über den Weihnachtsmarkt. Es regnete. Trotzdem liefen die Menschen vor mir unheimlich langsam, schauten hier, guckten dort, erwarteten möglicherweise sogar einen Rentierschlitten am Himmel und blieben vielleicht deshalb ständig stehen. Ich war einigermaßen genervt. Irgendein Pseudo-Entertainer rief: „Stellen wir uns vor, wir sind nicht in Chemnitz auf dem Weihnachtsmarkt sondern in Spanien…“ Die Vorstellung brachte mich zwar in bessere, nicht aber in Weihnachtsstimmung.
Abends ging die kitschige Beleuchtung in unserem Garten an. Ich dachte über Kilowattstunden nach.
Sonntag Probe-Weihnachtsessen mit selbst gemachten grünen Klößen. 1/3 gekochte, 2/3 rohe Kartoffeln. Wolfgang Petry sang Weihnachtslieder im 4/4-Takt. Ich drehte das Radio leiser. Die Gans war ziemlich lecker und das, obwohl ich kein Geflügel mag. Das Rotkraut ein bisschen sauer, aber nicht schlecht. Nur die Klöße hatten keine Salami drin. Vorsichtig beschwerte ich mich. „Ja, ich weiß. Zu Weihnachten mach ich Salami in deinen Kloß. Willst du nachher Plätzchen mitnehmen?“ Mit dem Kloßmatsch in beiden Wangen lächelte und nickte ich. Unser Schneemann, den es schon gibt, seit ich weiß, was Weihnachten ist, blies munter Kiefernduft in den Raum. Ich beschloss, ein paar Räucherkerzen mit zu nehmen.

No comments
Comments feed for this article
Trackback link: http://www.casus-belli-blog.de/2006/12/10/ein-neues-frohes-fest/trackback/