Dezember 2006

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2006…

liegt röchelnd in seinen letzten Zügen. Die Jauchs und Kerners dieser Welt haben ihre zu vorsätzlich tränendrüsendrückenden Jahresrückblickshows moderiert, Weihnachten hat es mal wieder nicht geschneit und ich versuche, meiner sentimentalen Ader die Blutzufuhr abzudrehen. So recht gelingen will es nicht. Schließlich ist schon wieder ein Jahr rum, noch dazu eines der bisher wichtigsten in meinem Leben. (Jaaa, jetzt ist der Zeitpunkt zum Schluchzen gekommen!) Gemäß irgendeinem blöden Kalenderspruch freue ich mich jetzt aber einfach mal, dass ich dabei gewesen bin und erlaube mir die Schwäche eines kleinen Rückblicks.

Den Januar hab ich freilich nicht nüchtern begonnen, hab mich schnell an die 06 gewöhnt und bin später dem Flexx beigetreten. Seitdem haben meine Gewichtsschwankungen in erschreckender Weise zugenommen.

Im Februar hab ich Strohballen zu den Klängen von Ennio Morricone durch Mittweida wehen sehen, mit der einzig verbliebenen Asti nichts mehr zu reden gehabt, deswegen ein Spiel von der Rückseite der Toffifee-Packung ausgeschnitten und zusammengeklebt. Zwei Etagen! Würfel hatten wir keine, aber unbegrenztes Vertrauen zu einander. Nebenbei hab ich in zwei Wochen fünf Belege geschrieben.

Zum März will mir einfach nichts einfallen. Ein Fehler in der Matrix? Mein altbekanntes Chronologisierungsproblem? Festplattenteilformatierung durch zu viel Alkohol? Schlaf? Arbeit?

Im April hab ich mir meine zarten, mit Florena Hand&Nail gepflegten Hände und einen Großteil des restlichen Körpers dreckig gemacht und das erste Mal ein eigenes Hexenfeuer aufgebaut, um es später angemessen mit Tequila und Grappa und den anderen Aufbauern zu begießen.

Im Mai hab ich mich emotional gequält, selbst nicht mehr verstanden und mit euphorischer Überschätzung der Situation eine Freundschaft kaputt gemacht.

Im Juni bin ich auf einer dermaßen geilen Fußball-Welle mit geschwommen, dass ich es nicht mal schlimm fand, mir nach dem Italien-Spiel jungenhaft die eine oder andere Träne in Leipzigs Straßenbahnen zu verkneifen.

Nicht nur, aber auch im Juli bin ich unterm Zaun auf den Chemnitzer Uni-Sportplatz durchgekrochen. Nicht ohne allerdings vorher eine Decke gegen den Schmutz unter zu legen. Die weißen Shorts dreckig zu machen, blieb beim Beachen ja noch genug die Möglichkeit.

Im August hab ich im Zelt geschlafen, unendlich oft Schwäne und Sonnenuntergänge fotografiert und mich von Fünftklässern im Fußball abziehen lassen. Um das zu verdauen, hab ich, meinem Intellekt frönend, sechs Stunden im Deutschen Historischen Museum verbracht und nachts zwei Stunden ununterbrochen Assoziationskette gespielt.

Im September hab ich mich über jedes „Gebatessssss“, jedes Alt-Opa-Schnaufen und jedes grinsende Hinterherlaufen gefreut und all das später dann schmerzlich vermisst.

Die Fachhochspiele im Oktober waren spaßig für mich, ich hab aber auch gelernt, dass ich besser was anderes machen sollte. Ansonsten kann ich mich irgendwie nur an viel Alkohol und noch mehr stupide Geistlosigkeit erinnern.

Der November wollte mir beibringen, dass Schlaf ein hohes Gut und Kreativität eine Droge ist. Nebenbei hab ich wieder mal den Mauerfall auf dem Klo hockend verpasst erlebt und sogar eine Banane abgestaubt. Wer hat die eigentlich?

Mit den Würfeln, die ich nach der Toffifee-Spiel-Aktion vom Februar gekauft hatte, schließt sich im Dezember der Kreis: Sie kommen zu ihrem ersten Einsatz. Außerdem hab ich das Pokern wiederentdeckt bekommen und menschlich ein paar der besten Entdeckungen des vergangenen Jahres oder vielleicht auch überhaupt gemacht.

Nachschlag?

Wörter des Jahres, sorgfältig ausgewählt

  • Sozialpornografie
  • Argentinen-Spiel („Argentinien“ ist hier Platzhalter, das Land ist aus denen, gegen dessen Nationalmannschaft Ballack und Co. gespielt haben, frei wählbar)
  • Gemurfel

Sprüche des Jahres, merke: Running-Gags für 2007

  • “Früher war Heinz ein Vorname. Jetzt ist Heinz ein Lebensstil.”
  • „Guck mal, der Mond da hinter den Wolken, das hat man bestimmt mit dem Gauß’schen Weichzeichner gemacht!“
  • „Beim Kopfrechnen habt ihr nur gelabert!“

Das Beste an 2006 war….

  • die Sonne im Sommer
  • die unendliche Geschichte „Terrassen-Krimi“
  • die Unicum-Tüten in der Mensa

Das Schlimmste an 2006 war…

  • die AMAKs und ihr Red-Bull-Schnaps
  • das Fernweh und die Kater-Kopfschmerzen, wenn das Paracetamol gerade mal aus war
  • dass ich nicht Bowlen kann

Und 2007? Vorsätze hab ich keine, wie jedes Jahr. Vermutlich werde ich einfach so weiter machen. Zu viel trinken, zu wenig schlafen. Im Haus vier am Automaten Kaffee schlürfen. Gegen Lantzschi noch viele tolle Battle-Texte verfassen. Zu jedem Stichwort eine Liedzeile anstimmen. Beim Activity gewinnen. Mein Gehirn nochmal wiegen lassen und auf mehr als 1034 Gramm hoffen. Mit Ohrstöpseln schlafen und ohne viel zu laute Musik hören. Meine Augenringe pflegen. In der Mensa Schnitzel mit Pommes und im Bukowski Nachos mit Käse essen. Zu viel Hesse lesen. Mit der Redaktion viele gute und schlechte NOVUMs produzieren. Und jeden Tag – wenn ich es nicht mal aus Versehen vergesse – froh darüber sein, dass ich doch nicht Rechtsanwaltsgehilfin geworden bin. Vielleicht zieh ich um, denn davon träumt mein prophetisches Gemüt zur Zeit ständig. Vielleicht gelingt es mir, Fotos von mir machen zu lassen, auf denen ich einfach nur – ohne Zunge, ohne Grimasse – in die Kamera gucke. Vielleicht geh ich endlich mal zum Zahnarzt. Vielleicht läuft mir die Liebe meines Lebens über den Weg. Vielleicht gewöhne ich es mir ab, an den Nägeln zu kauen. Vielleicht werde ich geduldiger. Vielleicht lass ich mich fürs Bloggen bezahlen und kaufe von dem Geld die AMAK AG. Auf jeden Fall aber freu mich mich drauf. Prost!

Qualitätsmerkmal

“Warum sind denn das die guten Weingläser?” - “Weil die schneller kaputtgehen.”

Zugegeben, die Frage war ironisch und provozierend, aber die Antwort in ihrer unbedarften Genialität hat alles entwaffnet.

Rumgekommen?

Vielleicht atmest du auf, wenn du hier wegkommst, aber nur, weil du weißt, dass du wiederkommen kannst, egal, wo du inzwischen angekommen bist.

Festessen

Wenn die Gans schon im Chorgesang gelobt wird, die Geschenke zum bereits dritten Mal bewundert werden, in Gedanken längst die Umtauschliste geschrieben wird und Weihnachten immer noch nicht vorbei ist, dann hab ich hier ein Festtagsgericht, das nicht so schwer im Magen liegt wie Kartoffelsalat und mit dem Weihnachten länger Spaß macht.

Vorspeise: Jetzt.de hat die Weihnachten am häufigsten geklopften Sprüche zusammengestellt. Von Onkel Heinz, der auf die Freundin des Neffen scharf ist, über Mutti, die sich über die Essgeschwindigkeit der Festtagsgäste beschwert bis hin zu Papi, der es beim Weihnachtsbaumschmücken wieder keinem recht machen kann. Köstlich! Und sollte die Familie auch nach dem dritten Glühwein nicht auf Selbstironie stehen, dann ist es immerhin noch was zum leisen Schmunzeln unter der Federbettdecke kurz vorm Einschlafen.

1.Gang: „Weihnachten bei Hoppenstedts“ von und mit Loriot. Der Virtuose der Running Gags („Ein Klavier, ein Klavier!“), der Vater aller Sketche und Todesengel jeder Freitag-Abend-Sat1-Comedy-Geistlosigkeit at his best. „Gezapft und originalverkorkt – plopp – von Pallhuber & Söhne!“ Ein echter Gaumenschmaus!

2. Gang: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Eigentlich nicht zu verpassen, kommt es doch um Weihnachten mindestens viermal auf jedem einzelnen Dritten Programm und oft auch noch mal in der ARD, vorzugsweise morgens gegen elf. Schön, wie Träume Stück für Stück wahr werden. Und noch viel schöner, dass das alles nur von drei nutzlos erscheinenden Haselnüssen kommt. Der an manchen Stellen hervorlugende Wortwitz vom von Rolf Hoppe - einer von den sozialdemokratischen Schauspielern, bei dem die vor dem Fernseher versammelte, alternde Verwandtschaft immer sagt: “Das ist doch hier der… Mensch, wie hieß er noch?” - verkörperten König und Vater des angebeteten Prinzen würzt zudem. Und es ist doch immer wieder süß, wie sie am Ende zu den Ding-Ding-Ding-Klängen über das beschneite Feld in eine glückliche Zukunft reiten.

3. Gang: Hoch vom Sofa - oder den notdürftigen, am Hintern schon schmerzenden Klappstühlen, weil man der letzte war der gekommen ist - und raus in die sternenklare Weihnachtsnacht. Nach dem Stern von Bethlehem zu suchen, ist vermutlich sinnlos, dafür kann man Lichterbögen zählen, mit affektierten „Oh“s und „Ah“s geschmückte Vorgärten bewundern, in Erwartung des baldigen Silvester-Happenings schon mal ein paar Wunderkerzen anzünden und versuchen, damit seinen Namen in die Luft zu schreiben oder einfach nur laufen und sich über räucherkerzenrauchfreie Luft freuen.

Nachspeise: „Adeste fidelis“ singen. Vielleicht sind das die Nachwehen meines jahrelangen Latein-Drills, vielleicht mag ich dieses Weihnachtslied einfach nur so. Besser als „Stille Nacht, heilige Nacht“ allemal. Und wenn Opa und Oma sich gerade mal wieder gestritten haben, wessen Augen Sohnemann nun geerbt hat, ist das auch ein netter Friedensstifter, der garantiert Weihnachtsstimmung aufkommen lässt.

Neue Battle-Runde

So, Runde Nummer zwei ging an Lantzschi, das neue Thema:

Hommage an die Heimat

Sehr schön. Zeit sich in Sentimentalität zu üben. Oder in Euphorie. Jedenfalls breit gestreute Möglichkeiten. Ich bin gespannt.

Veröffentlicht wird am Montag, 25.12., um 20 Uhr.

Wenn ich mich auf eines hier daheim ganz besonders gefreut habe, dann darauf, dass ich wieder Stunden damit verbringe werde, mich in ein vorhandes, funktionierendes, kabelloses Netzwerk einzuwählen, um dann irgendwann, alles und jeden um mich verfluchend, aufzugeben. So isses gekommen.

Heute dann Anruf beim technischen Kundendienst von T-Online:

Service-Tante: “Herzlich willkommen bei T-Online, hier ist hab ich vergessen, was kann ich für Sie tun?”

Ich: “Ja, hallo, ich kann mich nicht in unser WLAN einwählen. Was mich inzwischen auch nicht mehr wundert, denn bei meinem Bruder auf dem von Ihrem Techniker konfigurierten Laptop, wo die Einwahl funktioniert, ist der Netzwerkschlüssel achtstellig und der, den Ihr Techniker aufgeschrieben hat, ist zwölfstellig. Was soll ich jetzt machen?”

Service-Tante: “Was ist jetzt genau Ihre Frage?”

Ich: “Netzwerkschlüssel. Ich hab offensichtlich den falschen für unser drahtloses Netzwerk. Und ich brauche den richtigen.”

Service-Tante: “Da braucht man einen Netzwerkschlüssel?”

Ich: (aus dem Affekt) “O Gott….”

Service-Tante: “Ich verbinde Sie…”

Ich bin heute noch sehr oft verbunden worden, musste mehr als einmal erklären, dass ich schon mehrmals angerufen habe, schon oft Probleme hatte und nein, es hilft nichts die IP-Adresse manuell zu zu weisen. Nachdem ich dann ein bisschen die Nerven verloren habe, ein/zwei Mal für dumm erklärt wurde (”Manche Laptops haben so einen externen Schalter, um den WLAN-Adapter einzuschalten.”) und das Problem nicht mit dem Netzwerkschlüssel zu lösen war, schickt Telekom T-Online T-Com nun einen neuen Router zu. Ich glaube nicht, dass das Problem so gelöst wird und ich hab den leisen Verdacht, der letzte Service-Mann auch nicht, er war nur verzweifelt. Gut, dass der kein Chirurg ist. “Na, wenn Ihr altes Herz zwar gesund ist, aber nicht jeden an sich ranlässt und das offensichtlich auch nicht zu beheben ist, schicke ich Ihnen einfach ein neues zu.” Naja. Ich bin auch verzweifelt. Ein Versuch ist es zudem Wert und allemal besser, als wenn wieder ein kompetenzloser, unfreundlicher und teurer Techniker Hobby-Computerfreak ins Haus kommt.

Gerade habe ich erfahren, dass ein Kindergartenfreund von mir, zwei Wochen älter als ich, vor kurzem Vater geworden ist. Ein Mädchen, ein Wunschkind. Das Erste, was mir einfiel, war “Süß!”. Das fand ich zwei Sekunden später irgendwie arm. Der nächste Gedanke war dann auch schon: “Scheiße, es wird Zeit…”

Rational betrachtet ist das natürlich Schwachsinn. Kinderkriegen ist wie alle Entwicklungen im Leben nicht an Altersstufen gekoppelt und wenn ich mich so umsehe, dann ist besagter Freund auch eine ziemliche Ausnahme. Trotzdem fühl ich mich gerade sehr gehetzt, alles muss fertig werden: die Pasta, die Weihnachtsgeschenkideen, die Belege, das Studium, die Abnabelung und das Erwachsenwerden (”Du bist doch alt genug”, ruft Mutti), der Plan fürs Leben. Später (”Und besser eher als spät”, ruft irgendwer.) dann die Partnersuche, die Karriere, die Hochzeitsvorbereitungen, das Kinderkriegen, die Karriere Teil zwei, das Eigenheim, die Rentenvorsorge (”Schon zu spät”, ruft Riester), die Reisen im Rentenalter, die Versorgung der Enkelkinder mit Geschenken, der Grabstein.

Eigentlich hab ich für alle die, die immer sagen “Das Leben ist zu kurz, man muss es nutzen” nicht viel mehr als ein müdes Lächeln übrig. Die sitzen ihr ganzes Leben an Plänen für selbiges, haben immer schon irgendwo, irgendwas gemacht, sagen ständig Sachen wie “Aus dem Alter bin ich raus” oder “Die Zeiten sind lange vorbei”, stehen mit Handy am Ohr täglich in Kontakt zu ihrem Schwäbisch-Hall-Berater, den sie großkotzig duzen und suchen bei IKEA schon mal die Tapete fürs Treppenhaus raus, zeigen stolz ihre erbärmlich zusammengeklaubten Erfolge rum und versuchen, dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu geben. Das hilft gegen die größer werdenen Zweifel daran, ob sie wirklich ein so tolles Leben führen, genauso, wie wenn ihnen andere grundsätzlich auf der linken Spur des Lebens Fahrenden anerkennend auf die Schulter klopfen. Dann können sie wieder ein paar Nächte ohne die Johanniskraut-Dragees, die sie heimlich im Rossmann der Vorstadt gekauft haben, einschlafen.

Ich schlafe gut und zweifle gerade dennoch. Daran, ob ich denn nun so richtig liege mit meiner Auffassung vom Leben und es mir leisten kann, über die gestriegelten Anzug von C&A-Träger herzuziehen. Machen die es nicht richtig? Brauch ich vielleicht doch einen Plan? Hieße das nichts anderes, als mir zu überlegen, an welchem Ort der Welt ich die restlichen, positiv geschätzten sechzig Jahre meines Lebens verbringen will? Welchen Job ich in der Zeit machen werde? Wo ich mein Brautkleid kaufen werde? Gruselig? Ja, ich hör auf.

Die Pasta steht immer noch ungemacht in meiner Küche, wiedermal hab ich meine Zeit verschwendet. Richtig oder falsch, schön war’s.

Zwanzig

Mit vierzehn tragen sie gestreifte Strumpfhosen, die an den Knien wenigstens aufgeschürft sein müssen, sprühen „Viva la Revolucion“ oder „Venceremos“ an Hauswände und überlegen sich dabei, einen Spanisch-Kurs zu besuchen.

Mit fünfzehn wischen sie die Kotze vom schlechten Gras auf, tränken ihre Hacky Sacks in Bong-Wasser und schauen nachts den Enten beim Schlafen zu.

Mit sechzehn lesen sie den Zauberberg, rezitieren Prometheus, lassen sich von Siddharta verwirren und glauben, auf ihren Schultern laste die Bürde, zu viel von allem zu verstehen. Von Zeit zu Zeit denken sie sogar daran, dass das Schwachsinn sein könnte.

Mit siebzehn schätzen sie die Chancen dafür, dass es Liebe wirklich gibt, täglich neu ein. Nachts stehen sie betrunken in verrauchten Garagen, hören ihren Freunden beim Produzieren schlechter Musik zu und schlafen im Laternenlicht.

Mit achtzehn denken sie nie an morgen und schwänzen die Schule, um mit selbst gebastelten Schildern für die Freiheit von Legebatteriehennen auf die Straße zu gehen.

Mit neunzehn bilden sie sich eine Menge darauf ein, anders als alle anderen zu sein, und sei es nur, um des Andersseinswillen. Ständig sind sie auf der Jagd nach dem neuesten Klischee, um es mit möglichst viel Getöse zu umgehen.

Mit zwanzig schauen sie sich um und stellen fest, dass sie nichts Besonderes sind. Abends tanzen sie im Regen und hoffen, dass es doch so ist.

Am Ende eines Tages bin ich immer froh, wenn er sich gelohnt hat. Die meisten meiner Tage lohnen sich, selbst die, an denen ich maximal sechs Stunden “wach” bin. Gut ist, wenn ich etwas gelernt habe. Fachlich, menschlich, sinnlos, wichtig, bald wieder vergessen, für immer gemerkt - völlig egal. Ich mag das Gefühl, ein bisschen klüger zu sein, als vorher. Auch, wenn’s erst hinther ist. Zuletzt gab es recht interessante Erkenntnisse:

  • Ich bin erwachsener geworden. Hat man mir zumindest gesagt. Ich hab mich gleich gefragt, ob “erwachsen” ein Synonym für “ernst” ist, hab den Gedanken ob kleiner Geister aus Servietten, Sinnloswitzen und Bleistift schwingender Fragen wie “Willst du geimpft werden?” aber schnell wieder verworfen. “Reifer” sei demnach vielleicht das bessere Wort, war die Antwort auf meine Nachfrage. Mmh. Vielleicht stimmt’s, irgendwann muss es ja auch mal vorangehen.
  • Proto-Semitisch ist eine Sprache. Mit hübschen Schriftzeichen. Einigen von denen sollte der Weg in die Neuzeit geebnet werden, die proto-semitische Schlange zum Beispiel ist recht sympathisch.
  • “Durchgeführt” ist kein journalistisches Wort, Feiertage wie “Weihnachten” oder “Halloween” sind präpositionslos und Artikel fangen immer im Perfekt an. Letzteres hab ich Donnerstag (also heute vor einer Woche, Anm. meinerseits) gelernt und bereits Montag war es wieder vergessen. Mist.
  • Wenn die Stadt Mittweida die Kostenstrukturen der Freiwilligen Feuerwehr - sprich Entschädigungen für die Feuerwehrmänner usw. - überdenkt und dann in der Beschlussvorlage “Gebührenerhöhung” steht, dann heißt das zwar, dass die Stadt mehr Geld für die Feuerwehr auszugeben gedenkt, nicht aber das sich gleichzeitig die Entschädigungen erhöhen. Im schlimmsten Fall erhöhen sich die Kosten der Stadt, aber die Gelder für den gemeinen Feuerwehrmann sinken. Logisch? Fand ich nicht. Deswegen steht in der NOVUM vom 5. Dezember, dass die Entschädigungen erhöht werden, obwohl sie tatsächlich gesenkt werden. Hängt wohl damit zusammen, dass ein neuer (?) Mannschaftswagen mit seinen Abschreibungen und anderem BWL-Kram in die Kalkulation mit eingeht, was die Kosten für Plätzchen-Matze und seine Freunde in der Verwaltung erhöht und zwar so sehr, dass die Entschädigungen gesenkt werden müssen. So steht das nicht in der Beschlussvorlage, so ist es aber. Ich entschuldige mich für die schlampige Recherche.
  • Trotz allem: Recherche liegt mir. Mit unbestechlichem Scharfsinn, Kombination längst vergessen geglaubter und damals unwichtig erscheinender Gesprächsfetzen und ein bisschen Gegoogle, wusste ich, trotz strenger Geheimhaltung, dass es gestern dahin gehen sollte. Buttons gab’s zwar nur vom Support-Act, geil war’s trotzdem.

2006 hatte ich noch keinen einzigen wirklich weihnachtlichen Gedanken. Mir sind weder die Schokoladenweihnachtsmänner im LIDL negativ noch die Beleuchtungen der Rochlitzer Straße positiv aufgefallen. Ich hab’s einfach hingenommen. Okay, ich hab ein paar Pfefferkuchen gekauft und gegessen. Aber nicht weil Weihnachten ist, sondern weil sie gut schmecken.

Am Wochenende dann der Weihnachtsflash. Bewusst oder unbewusst versuchte man, mir Glocken, zuweilen auch eine ganze Lichterkette ins Hirn zu transplantieren.

Zu Hause musste ich mich auf der Treppe an einem für die Treppe zu großen kleinen Weihnachtsbaum vorbeischmuggeln. Eine kleine, silberne Trommel fiel herunter. Ganz runter, versteht sich. Ich fluchte unweihnachtlich.

Mein Schreibtisch war nicht sofort zu benutzen. Eine kleine Pyramide und der Räuchermann mit der Zuckerstange in der Hand und der komisch sommerlichen Blume am Hut blockierten die Arbeitsfläche. Sogar ein Adventskalender! Die ersten acht Türchen riss ich noch im Stehen auf. Die Schokolade schmeckt wirklich gut, aber von Jahr zu Jahr ein bisschen schlechter. Als Bonus gab’s trotz dreckiger Schuhe ein Nikolaus-Geschenk, was mich ehrlich ein bisschen freute. Ich stellte einen Windows-Weihnachtsskin auf meinem Laptop ein.

Dann Familienfeier. Zum Abschied wünschte man mir ein „frohes Fest“ und „einen guten Rutsch“. Verwirrt war ich ob solcher mir fehl am Platze anmutenden Äußerungen immer noch, mehr als „Jaja, danke, dir auch“ nicht drin.

Samstag shoppen. Von den Massen durch die Hauptverkehrsadern geschoben, flüchtete ich sobald irgend möglich in ein Geschäft. Dort war man auch nur in den Umkleidekabinen allein, sofern man das Glück hatte, eine freie zu erwischen. Hätte ich mir eigentlich denken können. Um von Geschäft zu Geschäft zu kommen, musste ich manchmal auch über den Weihnachtsmarkt. Es regnete. Trotzdem liefen die Menschen vor mir unheimlich langsam, schauten hier, guckten dort, erwarteten möglicherweise sogar einen Rentierschlitten am Himmel und blieben vielleicht deshalb ständig stehen. Ich war einigermaßen genervt. Irgendein Pseudo-Entertainer rief: „Stellen wir uns vor, wir sind nicht in Chemnitz auf dem Weihnachtsmarkt sondern in Spanien…“ Die Vorstellung brachte mich zwar in bessere, nicht aber in Weihnachtsstimmung.

Abends ging die kitschige Beleuchtung in unserem Garten an. Ich dachte über Kilowattstunden nach.

Sonntag Probe-Weihnachtsessen mit selbst gemachten grünen Klößen. 1/3 gekochte, 2/3 rohe Kartoffeln. Wolfgang Petry sang Weihnachtslieder im 4/4-Takt. Ich drehte das Radio leiser. Die Gans war ziemlich lecker und das, obwohl ich kein Geflügel mag. Das Rotkraut ein bisschen sauer, aber nicht schlecht. Nur die Klöße hatten keine Salami drin. Vorsichtig beschwerte ich mich. „Ja, ich weiß. Zu Weihnachten mach ich Salami in deinen Kloß. Willst du nachher Plätzchen mitnehmen?“ Mit dem Kloßmatsch in beiden Wangen lächelte und nickte ich. Unser Schneemann, den es schon gibt, seit ich weiß, was Weihnachten ist, blies munter Kiefernduft in den Raum. Ich beschloss, ein paar Räucherkerzen mit zu nehmen.

Gut: Hängeschränke, Schlecht: Bier

Männer denken nur ans Ficken. Frauen auch. Die Emanzipation hat alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern zum Bestandteil subjektiver Wahrnehmung gemacht. Früher standen Männer unangefochten und arrogant an der gesellschaftlichen Spitze. Heute beeilen sie sich, zu betonen, wie toll sie doch die Kollegin finden, halten ihr sogar die Tür zu ihrem Büro auf und lächeln tapfer über dessen geschmackvolle Einrichtung. Es zählt jenseits sexueller Fragen wenig, ob jemand einen Schwanz hat oder nicht.

Ich mag Männer. Schwarz-Weiß gedacht verbinde ich mit ihnen drei Dinge: Sex, Unkompliziertheit und Bier. Sex, weil ich drauf stehe. Unkompliziertheit, weil Männer seltener zickig sind und weniger über Dinge nachdenken, die nicht unmittelbar im pragmatischen Dunstkreis bevorstehender Handlungen liegen. Bier, weil sie nach einer variabel großen Anzahl Flaschen glauben, ihre sehr bescheidene evolutionäre Aufgabe zu erfüllen sei immer noch einfach und am einfachsten heute Nacht. Ich werde Männer brauchen, um Kinder zu bekommen, um sexuell ausgelastet zu sein und, ja, auch um Hängeschränke in meiner Küche anzubringen oder Winterreifen aufzuziehen. Einfach, weil manche Klischees Spaß machen. Es macht Spaß, mich an starken Schultern anzulehnen. Es macht Spaß, mir die schwere Einkaufstüte tragen zu lassen. Es macht Spaß, im Club Tequila ausgegeben zu bekommen. Es macht Spaß, zu wissen, dass das Rollenklischee nur ein amüsantes Spielzeug ist und ich im Zweifelsfall clever genug bin, Männern genau dieses Machogehabe vorzuwerfen.

Davon abgesehen sind lediglich menschliche Qualitäten von Interesse. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, ist es völlig egal, ob auf Testosteron oder Östrogen. Mit Frauen führe ich die besseren Gespräche, aber auch nur, weil sie nun mal den gleichen emotionalen Apparat haben wie ich. Gespräche mit Männern sind entweder entnervend offensichtliches Mittel zum Zweck oder interessanter Einblick in eine rationalere Gedankenwelt. Männer suchen, wenn sie solo sind, krampfhaft nach einem Partner und verlieben sich zu schnell. Frauen denken zu viel nach. Papi lässt die Zahnpastatube offen, Mutti benutzt in der Dusche nie Haar-Auffang-Netze aus Plaste. Der Sohn fährt ohne Helm Motorrad, die Tochter lässt sich ein Bauchnabelpiercing stechen. Frauen können besser zuhören, Männer haben die einfacheren Lösungen für Probleme. Unentschieden. Aber mit guten Chancen und tollen Toren auf beiden Seiten.


Themen, die keiner versteht. Außer wir. Aber wir erklären sie euch. Hübsch verpackt. Damit wir uns dabei nicht nur gegenseitig feiern, battlen wir uns.
Drei Tage hat jeder nach Bekanntgabe des Themas Zeit, sich kreativ daran auszutoben und einen Blogpost zu verfassen. Nach der Veröffentlichung entscheidet ihr, wer große Inhalte scharfsinniger und sprachlich versierter umgesetzt hat. Einfach einen Kommentar mit angemessener Würdigung der geistigen Leistung und einem „vote: lantzschi/denise“ unter den entsprechenden Post setzen. Wir sind also auch offen für vernichtenden Verriss, relevant für das Battle sind aber nur die vote-Kommentare. Nach einer Woche ist Stimmenauszählung und der Gewinner gibt das Thema für die nächste Runde vor.

Poeten Battle #1: Die Bedeutung des Mannes 2010
Veröffentlichung: Dienstag, 5.12., 20 Uhr

Der Wasserturm

“Das ist wie in einem BRAVO-Fotoroman. Einer von uns müsste nur männlich sein und sich in seinem machohaften Leichtsinn in Gefahr bringen.”

Das Ziel: Mittweidas Wasserturm.


Die Vorbereitungen: “Hier muss es doch einen Strick geben!”

Die Fahne: Die Eroberung kann beginnen!

Der Aufstieg: “Warte in der nächsten Etage auf mich!”

Die Eroberung: “Im Namen von König Ludwig erkläre ich diesen Wasserturm zum Eigentum der Hochschule Mittweida!”

Die Sieger: “Wir brauchen einen Fotografen und eine Maske!”

Der Abstieg: “Runter isses ja doch einfacher als hoch!”