November 2006

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Er ist klein, trägt eine rote Jacke und seine aschblonden Haare ein bisschen länger als kurz. Er quetscht sich in der Mensa an den nahezu vollen Tisch hinter mir, geht vor der Mensa einen Umweg, um nochmal an mir vorbeilaufen zu können, schlendert just in dem Moment an Haus vier vorbei, wenn ich draußen stehe und geht - natürlich nicht ohne einen Blick ins Innere zu werfen - genau dann an der Bäckerei Möbius vorbei, wenn ich direkt am Fenster sitzend meinen Apfelstrudel mit Vanilleeis und Sahne vernasche. Und immer lächelt er mich an, nickt gar manchmal wie zum Gruße. Ich kenne ihn nicht.

Heute hab ich mich an Kommilitonen meines Vertrauens gewendet und wurde prompt mit Fragen überhäuft. Ist er 06er? Medienstudent? Saß er in der NOVUM-Infoveranstaltung? Leute, keine Ahnung, ich weiß nichts über ihn! Er könnte allerdings eine Menge über mich wissen, sofern er meinen Namen kennt, mit Google umzugehen weiß und/oder einen studiVZ-Login hat. Vielleicht liest er das hier. Vielleicht schneidet er all meine NOVUM-Artikel aus und klebt sie über sein Bett. Vielleicht beobachtet er mich öfter, als es mir auffällt. Vielleicht kennt er meinen Stundenplan oder hat kopierte Seiten aus meinem Terminkalender (so oft wie ich irgendetwas rumliegen lasse…). Vielleicht taucht er demnächst im Alcatraz auf und fragt nach einer Bohrmaschine, oder, schlimmer, Tassen mit Blümchendekor. Vielleicht trägt er ein Foto von mir in seinem Portmonee. Vielleicht plant er einen Skiurlaub mit mir. Vielleicht lässt er unsere Namen in Ringe gravieren. Vielleicht hat er schon einen Kindergartenplatz für unseren Nachwuchs. Vielleicht hat er 2 Block A-Karten für den VfB gegen Bremen in der Rückrunde. Dann könnten wir auch über die Kinder nochmal reden.

Vielleicht hab ich aber auch nur mal irgendwann sturzbetrunken mit ihm geredet und er hofft, mich mit seinem Lächeln daran zu erinnern. Trotz meiner wiederholt irritierten Blicke.

Ich betrete den Warteraum, denn noch sind es mehr als zwanzig Minuten, bis mein Zug losfährt. Im Raum stehen sieben Sitzbänke, drei davon sind mit jeweils einer Person besetzt. Ich setzte mich auf eine, die zwischen, zwei anderen an der Wand steht. Meine Reisetasche und meinen Rucksack stell ich links neben mich, rechts neben mir wäre noch Platz für eine weitere Person. Links von mir auf der Bank sitzt eine ältere Frau, rechts von mir auf der Bank ein älterer Mann. Ich vertiefe mich in mein Buch. Nach einer Weile steht der Mann rechts neben mir auf und ich zucke ein bisschen zusammen, als er die Stille ziemlich abrupt mit “Kommste mit?” unterbricht. Während ich mich noch frage, wen er damit gemeint haben könnte, - einen Hund hatte er nicht dabei - antwortet die Frau links von mir: “Jetzt schon?” Antwort des ihres Mannes: “Nuja, zeitsches Kommen sischert de bestn Plätze.” Während die beiden mit etwa zwei Metern Sicherheitsabstand auf den Bahnhof humplen, frage ich mich, ob sie aufgrund der besten Plätze auch zwei Bänke mit einer bis ich kam leeren Bank dazwischen besetzten. Dick waren sie nicht.

“Du gehst zum Fotografen? In Mittweida? Das hätte doch der, der oder die machen können!” Jaja, ich weiß. Aber da bin ich eben konservativ. Neue Bewerbungsfotos? - Fotograf! Ganz einfache Rechnung.

Zuerst galt es, die Eingangstür zu finden. Ich lief um die Hänsel-und-Gretel-Villa (Bilder folgen) rum, fand aber nur Wäscheleinen. Wieder zurück um die Ecke stand plötzlich ein Mann schweigend in der Tür. Ich erschrak. “Ich hatte vergessen, für Sie die Tür offen zu lassen.” Sofort hatte ich Angst ein ungutes Gefühl. Der Mann war keimfrei und wirkte irgendwie psycho. Im Haus (ich hätte auch davon gern Bilder, aber ein “Darf ich Fotos von Ihrem Fotostudio machen?” wäre komisch gekommen) herrschte Totenstille. Kein Radio. Kein Kinderfüßchentrippeln. Noch nicht mal das beruhigende Geräusch eines Prozessorkühlers. Man führte mich in ein dunkles Büro. Ich sollte mich setzen. Gleichzeitig mit dem Schließen der Tür, durch die wir gekommen waren, öffnete sich eine andere und eine Frau trat heraus. “Das ist meine Tochter, die Fotografin.” In dem Tonfall, wie der Mann zu mir sprach, hätte er eben so gut sagen können: “Das ist meine Tochter, sie hat zur letzten Tag-und-Nacht-Gleiche die Führung unserer Gemeinschaft übernommen.” Mir wurde mulmig. Die beiden setzten sich mir gegenüber. Eine Schublade wurde aufgezogen. Statt des befürchteten “Ja, ich trete aus freiem Willen dem gemeinnützigen Verein ‘Sterile Keimfreiheit’ bei”-Knebelvertrags und passender Folterwerkzeuge zog der Mann nur Beispielfotos raus. Puh. Wir sprache wenige Worte über meine Vorstellungen. Meine Hand hinterlies auf dem schwarzen, blankpolierten Tisch einen schönen Abdruck. Dann ins dunkle Nebenzimmer. Auf den knarrenden Stuhl. Hinter mir fummelten die beiden schweigend die von mir gewünschte neutralere Rückwand ran. Dann wurden Stirn und Nasenspitze gepudert. Ich war angespannt und sagte nicht viel, nur: “Ja, der Weg hierher war ja auch bergig.” Die beiden lachten unheimlich. Ich grinste blöde. “Ja, sehr schön. Ich muss da nur noch mal eben die Lücke schließen.” Die Lücke in meiner Haarsträhne schlossen er und sie immer abwechselnd. Ansonsten schwiegen sie. Aber es klickte manchmal.

“Wie schnell brauchen Sie die Bilder?” - “Wie schnell schaffen Sie es denn?” - “Am Montag müssten sie fertig sein. Wir brauchen aber einen Termin. Wir sind nicht immer da.” - “Ich komme am Dienstag.” - “Da brauchen wir auch einen Termin.” - “Oke, ich komme wieder 14.00 Uhr.” Ich warf noch einen Blick auf die blitzende Tischplatte. Das bisschen Licht, das durch das hohe Fenster fiel, ließ tatsächlich noch den rudimentären Abdruck meiner fünf Finger erkennen. Aber ich hab da kein schlechtes Gewissen, denn sobald ich aus dem Haus war, haben die sicher aus einem der wuchtigen Schränke ihren “Pronto”-Möbelpolitur-Kanon geholt und meine Spuren beseitigt. Zwei sterile Handshakes und ein unheimliches Geleit zur Tür später war ich draußen. Durchatmen.

PS: Die Fotos sehen gut aus.

Es gibt so Worte, die lassen in unseren Köpfen ganze Klischeedürfer entstehen. “Hollywood” oder “BILD-Zeitung” sind so Worte. “AMAK” auch. Heute ging’s uns mit “Bundeswehrradio” so. Wir griffen ziemlich tief in die Schublade mit der Aufschrift “Militär”. Ein bisschen was kam auch aus der mit “Drill Instructor” oder “Jarhead-Erinnerungen”. Wir malten also in grün-braunen Tarnfarben Bilder von Soldaten, die im Studio vor der Moderation die Hacken klangvoll zusammenschlagen, in Boot-Camp-Sing-Sang “Eeeesss issstt jeeeetztttt 13.52 Uhr [gesprochen Dreizehnhundertzweiundfünfzig]!!!!!!!!!!!!!!” ins Mikrofon schreien und Hörern, die bei jeder Moderation salutierend vor einem anachronistischem Lautpsprecher stehen, der aufgrund der Lautstärke in Comic-Filmchen-Manier vibriert. Ich fügte in Gedanken noch einen muskulösen, uniformierten Oberfeldwebel mit melancholischem Blick als Referenten hinzu.

Zuerst schien alles nach Plan zu laufen. Der Herr Major (ich hab mich schon beim Ausfüllen des ADM-Zettels nach seinem Namen gefragt) redete ziemlich monoton, verzichte zwar auf übertriebene Lautstärke, hatte aber hässliche Folien mit kalten Fakten. Es fielen so Wendungen wie “wir müssen unsere Koopoerationspartner idendifizieren” und “wir brauchen kommunikative Geister”. Allerdings hielt er die militärische Contenence nicht lange. Er weichte auf im zivilen Suud von Studio B, wo sich Wehrdienstverweigerer und andere Weichfluffies beim bloßen Auf-dem-Boden-sitzen schnell mal eine Nierenbeckenentzündung holen. Dachten wir bei “und solchem Blabla” noch, er habe sich nur kurzzeitig gerührt, war uns spätestens bei “wir werden uns da keine Plätzchen reinpfeifen” klar: Das ist hier alles gar nicht so! Die Ausschnitte aus Radio Andernach klangen auch mehr nach Hitradio RTL als nach Wochenschau-O-Tönen. Wie enttäuschend!

Und der Major hatte auch eine hässliche Garde-Uniform an und war noch nicht mal schmutzig vom Im-Schlamm-wälzen.

Verdammt lang her…

:)

Ab und an schreibe ich was mit Bleistift in ein kleines schwarz-rotes Buch. Kein Tagebuch (kein Eintrag fängt mit “Heute…” an), aber so was ähnliches. Das Buch liegt da auf meinem Nachttisch wie die Büchse der Pandora auf ihrem Steinsockel. Immer wenn ich darin lese - die meiste Zeit kann ich mich zum Glück davon abhalten - bin ich der festen Überzeugung, ein van-Gogh-Verschnitt müsse sich in mein Zimmer meine Wohnung geschlichen haben, nur um was ins Buch zu schreiben. Möglicherweise ist das Geschriebene aber doch von mir, eben nur unter erheblichem Drogen - oder Alkoholeinfluss entstanden. Sollte dem so sein, muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich mir demnächst ein Ohr abschneide.

Scheinbar steh ich darauf, mich zu den in unregelmäßigen Abständen aufkommenden Schwermutsanfällen in irgendwelchen hausgemachten Seelenqualen zu suhlen. Da das nicht gesund ist, habe ich einen Weblog gegründet. Seitdem es Casus Belli gibt, schreib ich nicht mehr so viel in das Buch. Das ist komisch, denn ich lehn mich hier nicht gerade weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die Themen sich nicht ähneln. Will ich aber möglicherweise mit Geschichten über Waschmaschinen auch nur meinen nicht zu bändigenden Wunsch nach Waschwasser für die Seele ausdrücken? Stehen fehlende Schneebesen einfach nur für Klumpen im Gehirn? Wünsch ich mir statt murfelnder Wartezimmeroldies eine Kittelschürzenoma, die mir aus “Grimms Märchbuch” vorliest und erklärt, das alles gut wird, wenn ich nur fest dran glaube? Unterdrücke ich mit zynischen Kommentaren zu Ex-Mitschülern meine eigenen geplatzten Träume? Wäre ich einfach nur gern ein Bläßhuhn?

Freuds Erben sollten mir die Fragen beantworten. Oder ich werfe das Buch weg. Die ersten Seiten vergilben eh schon.

Tatort: Alcatraz-Waschsalon

#1
Letztes Semester. Asti und ich kaufen zwei Waschmarken. Astis Wäsche kommt in die Waschmaschine. Astis Wäsche ist fertig. Astis Wäsche kommt in den Trockner. Mist, Trocknermarke ist was anderes als Waschmarke. Asti hat keinen Wäscheständer. Asti hat keine Wäscheleine. Klammern hat sie. Hängen wir ihre Wäsche also im Trockenraum an dieser blauen Leine auf.
Nächster Tag: Astis Wäsche ist weg. Nein. Sie liegt auf dem Boden. Jemand schrieb einen bösen Zettel: “Nehmt beim nächsten Mal eure eigene Wäscheleine.”

#2
Letztens. Ich schreibe meinen Namen und meine Appartementnummer in den Planer. Komme zur stillschweigend vereinbarten Zeit mit meiner schmutzigen Wäsche. Eine Waschmaschine läuft, die andere ist kaputt. Fluche ein bisschen rum. Schreibe einen bösen Zettel: “Einschreiben is ne, oder wie? Erwarte Entschuldigungswaschmarke, App. 541″ Ich warte bis heute.

#3
Heute: Ich schreibe mich ein. Sinnlos, weil ich’s fünf Minuten vorher mache. Kein einziger steht Mittwoch drin, beide Waschmaschinen sind funktionstüchtig. Ich stecke meine Wäsche rein. Gehe ein bisschen spazieren, mehre ein bisschen im Internet rum, erinnere mich an die Wäsche. Unten: Beide Waschmaschinen laufen, meine Wäsche ist in meinen Wäschekorb gestopft. Diesmal kein böser Zettel. Hab aber trotzdem nach toten Ratten zwischen den nasskalten Stücken gesucht.