Holzmarder, Zwanzig Prozent auf alles und andere Katastrophen

Die letzten Wochen im Leben meiner Familie würden sich hervorragend für eine RTL 2-Heimwerkersoap eignen. Und noch immer ist nicht alles fertig gehämmert und gestrichen, noch immer muss man aufgrund fehlender Türen beim Raumwechsel keine Klinken betätigen und noch immer sind nicht alle Möbel wieder aufgebaut. Was aussieht wie eine Eisbude an der italienischen Adriaküste, ist die Fassade des quasi aus dem Boden gestampften Hauses mit der Zwanzig-Prozent-auf-alles-Markise. Aber dazu später mehr.

Eigentlich wollte man mich und Kevin mit allen Mitteln von der Baustelle fernhalten. “Es gibt eh nicht’s für euch zu tun.” Unfertige Treppenaufgänge und fehlende Bemöbelung allerdings ließen uns ahnen, dass der wahre Grund für den Ausschluss vom Baugeschehen in recht geringem Vertrauen in unsere handwerklichen Fähigkeiten liegen muss. Empörung? “Die halten uns für Tölpel!” Einsicht? “Stimmt ja auch…”

So blieb zunächst lästiges Kistenpacken. Viel gab’s allerdings nicht zu verstauen. Jedenfalls war ich schnell damit fertig. Platz für Hugo war freilich auch.

In maßloser Überschätzung meiner Fähigkeiten stapfte ich zur Baustelle und verlangte nach Arbeit. Irgendwas oder irgendwer hatte mir ein gutes schlechtes Gewissen gemacht über meine mangelhafte Einbringung in das Familienprojekt. Ich durfte Schränke zusammenbauen. Die hießen in feierlicher Anlehnung an Astrid Lindgren Lilli oder so ähnlich und waren mir schon allein deswegen unsympatisch. Natürlich gab man keinen Akku-Schrauber in meine beiden linken Hände. Natürlich konnte ich die Festziehschraube und die Feststellschraube bei Scharnieren nicht unterscheiden. Natürlich ist das Einstreichen von “Knubbeln” am Kasten mit Holzleim mit der Arbeit eines Zahnarztes vergleichbar.

Während sich andere darin übten, ein Fauler Strick zu sein, durfte ich immerhin Abkleben. Vorarbeiter für die echten Heimwerker, die dann strichen. Das allerdings machten sie nicht immer gut. Vielleicht war auch die Kommunikation innerhalb des Unternehmens nicht immer gut. Jedenfalls ist mein Zimmer rosa. Unwiderruflich, versteht sich. Und bei meinem Versuch, alles noch schlimmer zu machen, tropfte blauschwarze Farbe auf den neuen Teppichboden. Volle Absicht, versteht sich. Mein eh schon wackeliger Posten als Aushilfsheimwerker war mehr als nur gefährdet. Immerhin hatte ich in meinen sehr schmutzigen und sehr schwer wieder sauber zu bekommenden Händen einen Beweis meiner getanen Arbeit.

Im Nebenzimmer bemühte sich ein nicht mehr ganz so Fauler Strick um die Vertuschung von abgeplatztem Holz am ebenfalls neuen Computertisch. Erfolgreich.

Im Zwanzig-Prozent-auf-alles-Praktiker gibt’s im Übrigen nicht nur hübsche Markisen, sondern auch Zwanzig Prozent weniger Personal, Kompetenz und Freundlichkeit. Ich suchte 26 Minuten gleichzeitig nach einer Wandschablone und einem wissenden Mitarbeiter, um später an der Kasse andächtig Privattelefongesprächen zu lauschen. Eine grußlose Abfertigung gab’s gratis oben drauf.

Eine wirklich schöne Hütte. Und so bayerisch. Baugenehmigung? Fehlanzeige. Dem Herrn von der Bauaufsicht schiens Recht zu sein, so konnte er sein Pragraphenwissen herunterrasseln. § 67 Sächsiches Baugesetz, mehr als 10 m² sind genehmigungspflichtig, 3 m Abstand von der Grundstücksgrenze… Ich musste ehrlich lachen. Über den arrogant in der Tür im Türrahmen im rechteckigen Loch in der Wand stehenden Herrn und die dummerweise fehlende Baugenehmigung. Die Rückbauverfügung können sich die Leute vom Amt aber sparen, denn in der Hütte sitzt ganz sicher ein Holzmarder. Es klingt jedenfalls so. So piepsig. Wie ein Holzmarder eben, noch nie einen piepsen gehört? Ein bisschen skeptisch war ich schon. Aber beim Suchen half ich trotzdem. Zum Glück, denn so konnte wenigstens ein halbwegs klar denkender Kopf feststellen, dass die Batterie vom Rauchmelder leer und das Piepsen weniger tierisch war. Ein Spaß.

Ich weiß nicht, was noch alles außer falsch gesägten Küchenplatten beim Zwanzig-Prozent-auf-alles-Praktiker, Ölsockeln und Filzstühlen und hitzigen Diskussionen über den Aufbau von Hollywood-Schaukeln auf mich uns zukommt, aber eins weiß ich: Ich werde “Hör mal, wer da hämmert”-Tim Allen niemals Konkurrenz machen können.