KloKlowände können nichts dafür, aber immer wenn ich von ihnen lese, hab ich das Gefühl mir die Augen auswaschen zu müssen. Für Leute, die das Internet noch “anmachen”, sind sie die perfekte Metapher für das, was in diesem Internet so passiert. Manche von ihnen stellen so traurig ernsthafte Journalistenfragen wie “Sind Blogs die ‘Klowände des Internets?’”, manche glauben, sie seien kreativ, wenn sie einen drei Jahre alten Vergleich frisch anstreichen. So wie Zeit Online-Redakteur Jens Uehlecke, der über Twitter schreibt:

Das ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen.

Der Text geht weiter, wie Texte mit Klowänden-Metaphern eben weiter gehen: Ein paar lieblose Beispiele, journalistisch halbjerzig legitimiert durch den Einschub eines flotten “meist”, begründen eine polemische Meinung, die zunächst moralisch aufgebläht wird durch die Worte “Qualitätskontrolle” und “Mindeststandards”, nur um dann in einem erneut furios gezeichneten Klowand-Bild zu enden:

Spätestens in Momenten wie diesem hofft man, dass endlich jemand ein Online-Pendant zu Scheuermilch erfindet, um das Netz von dem Geschmiere zu befreien.

Eigentlich alles nicht der Rede wert, wenn man es schafft, sich nicht darüber zu wundern, dass es diese Leute tatsächlich noch gibt, die verzweifelt genug sind, zur Klowände-Metapher zu greifen.

Dass jedoch ein Text, der  Schmach über Twitter bringen soll, via Twitter beworben wird, ist, im Schwarzen betrachtet, humorvoll. Und ein Ausdruck von Hilflosigkeit: Was anfangen, mit diesem Twitter, diesem “nächsten Megahype”? Irgendwie muss man da ja dabeisein, wenn man ein “Online” im Namen hat. Und irgendwie hat das ja auch irgendwas mit Transparenz zu tun, dieses Twitter. Und wenn dann plötzlich jemand in der Redaktion seine fehlende Medienkompetenz breitschmieren (sic!) muss, dann muss man wenigstens so medienkompetent sein, dass transparent zu machen. Ein Dilemma.

Wenn “Peyman Amin (Germany‘s Next Top Model by Heidi Klum, Jury)” “die Liste der prominenten Gäste auf dem Roten Teppich” anführt, fehlen nicht nur ihm, sondern auch “Djamila Rowe (Botschafts Luder)” “Manuel Cortez (Verliebt in Berlin Star / Die dreisten drei Star!)”, “Marlene Tackenberg (Ex-Jazzy Tic Tac Toe)” und ganz besonders “Kalle Schwenzen (Hamburger Ex. Kiezgröße)” die Worte Bindestriche. Diese “werden in eine bis dato, nicht da gewesene Bühnenkulisse eingefasst”. Ein “glänzender Abend”, dem Kader Loth und Alex Jolig leider wegen einer anderer Feierlichkeit (”Dreharbeiten”) fernbleiben müssen. Aber wer weiß, ob “Gregor Nebel (Sohn von Carmen Nebel)” nicht doch noch seine Mutter mitbringt: “Abonnieren Sie unseren Blog um auf den laufenden zu bleiben”

Mit beunruhigender Zustimmung reagierten Intendanten und Senderchefs auf den Auftritt Marcel Reich-Ranickis bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Wie unnötig das anbiedernde Gesprächsangebot an Reich-Ranickis war, zeigt die Ausstrahlung von “Aus gegebenem Anlass”.

Es ist nicht neu, dass im Fernsehen großartig schlechte Sendungen gezeigt werden. Das finden auch die, die das Fernsehen machen. Regisseure , Autoren und Sender-Chefs erzählen sich oft gegenseitig davon, wie gerne sie besseres Fernsehen machen würde, wöllte es jemand sehen. Dass ZDF-Intendant Markus Schächter Reich-Ranickis donnernde Kritik auf das deutsche Fernsehen eine “Sternstunde” nannte, ist also symptomatisch. Dass er sich das Morgengrauen direkt in sein Abendprogramm holte, ist peinlich.

Was ein fruchtbarer Disput zwischen Qualität und Quote werden sollte, wurde ein fades Stück Fernsehen. Reich-Ranickis bekräftigte, dass er das ganze Programm “abscheulich scheußlich”, “schlecht und übel” finde und richtete an “die Intendanten” den präzisen Tipp, sich künftig mehr Mühe zu geben. Eine reife Leistung, für einen Mann der selbst so gut wie kein Fernsehen sieht. Weil es so nur logisch ist, dass er keine Ahnung hat, dauerte es auch nicht lange, bis Dürrenmatt, Schiller und Shakespeare die Debatte bestimmten. Eine Debatte über deutsches Fernsehen, dass sich in Echt um Models, Bauern und Superstars dreht.

Thomas Gottschalk wollte mal Deutschlehrer werden und freut sich jetzt wie ein Schuljunge darüber “Du” zu Reich-Ranicki sagen zu dürfen, allein: Er konnte die Sendung nicht vernünftig leiten. In seinen wenigen lichten Momenten sagte er Atze Schröder in 100 Jahren Shakespeare-Status voraus und stellte fest: “Heute gilt im Fernsehen der Erfolg.”  Reich-Ranicki winkte ab, hatte ansonsten aber Verständnis dafür, dass Gottschalk manchmal Herrenwitze machen muss.

Eigentlich war man sich schnell einig: Im Fernsehen läuft mit Ausnahme von “Wettern, dass…?” großer Mist, bei den privaten Sendern ist alles noch viel schlimmer und ein Buch sowieso das beste. Reich-Ranickis aber meinte, da müsse sich doch auch im Fernsehen noch was machen lassen, mit Qualität, Geist und Brecht. Gottschalk wettete dagegen und sah ein: “Ich selber bin genauso wenig wie du abendfüllend.”

Am Ende eine Sendung, die vom Fernsehen über Literatur bis hin zur Gestapo in die Breite ging, aber keine Minute tiefer war als ein trüber Ententeich. Reich-Ranicki gab sich geistreich wie eine grantelnder alter Mann mit Sinn für Eigen-PR, Gottschalk verkörperte die Unfähigkeit seiner Intendanten, das häufig zu Recht kritisierte Fernsehen zu verteidigen - oder besser zu machen. Da hätten sich die Schächters, Raffs und Schäferkordts lieber zusammen mit Reich-Ranickis vor die Kamera gesetzt und schweigend gelesen. Dürrenmatt vielleicht. Oder Brecht.

… wenn einem beim schnaufenden Versuch, sein Rad am Geländer einer Bücke anzuschließen, der Schlüsselbund (an dem natürlich ausnahmslos ALLE lebensrelevanten Schlüssel befestigt sind) durch die Finger gleitet, gefährlich zwischen zwei Holzplanken hängenbleibt, jedoch beim tapsigen Versuch, ihn rauszufischen, quälend langsam aber doch unafhaltsam ganz durchrutscht, unter der Brücke im schmalen, aber schnell fließenden Fluss ausgerechnet auf einem glitschigen, moosbewachsenen Stein hängen bleibt und man es dann noch schafft, ihn trockenen Fußes wiederzubeschaffen, obwohl dieses Unterfangen weitaus schwieriger ist, als das erst kürzlich famos gescheiterte, den Schlüssel zwischen den Holzplanken ohne ein Durchschrutschen herauszuangeln?

Halbleer?

Ich weiß nicht genau, was solche Texte bewirken sollen. Sicher, sie sind größtenteils aus Agenturmaterial zusammengeschrieben, unterscheiden sich kaum und haben vorranig informierenden Charakter - bis hierhin alles super wie immer. Während die AFP-Meldung noch die einigermaßen wertfreie Überschrift “Jobchancen in Deutschland stark von der Bildung abhängig” trägt, schlagen die meisten Berichte zum Thema in die Bresche, in die auch die FTD schlägt: “Schlechter Schulabschluss: Kaum Jobchancen” überschreibt die ihren Text. Gut ist wie immer auch Spiegel Online: “Deutsche Hauptschüler haben extrem schlechte Jobchancen” liest man dort und am Ende noch eine nette Verknüpfung zur Spiegel-Online-Interpretation zu den Chemnitzer Hartz-IV-Forschern. Mag sein, dass mein Grundzynismus bei Themen wie diesen (wenn ich in den Nachrichten auf einem Privatfernsehkanal einen schön geschminkten Beitrag sehe über eine bereits am ersten Tag äußerst gelungene Resozialisierungsmaßnahme eines jugendlichen Drogenhändlers, der trotz geschmissener Hauptschule und dreimonatigem Aufenhalt in einer Straf-WG eine Lehrstelle in einem aufopferungsvollen Schreinereibetreib im Nordosten Brandeburgs sowie einen gemütlich-schwäbelnden Bewährungshelfer bekommen hat und ich schlechte Stammtisch-Laune bekomme, weil ich es ungerecht finde, dass der Grundbetrag beim BaföG zum Wintersemester 08/09 um bedeutsame 46 Euro angehoben wird, mir die in militärischer Geschwindigkeit sächselnde Dame beim BaföG-Amt jedoch keineswegs beim Ausfüllen des dadurch um gefühlte 43 Seiten angewachsenen Antrags hilft - dann kann man das allgemeinhin als zynisch bezeichnen), jedenfalls: dieser Zynismus könnte mir im Wege stehen, wenn ich mich zu einem Urteil über obe erwähnte Beiträge aufschwinge und sage: Ist es nicht wenigstens auch ein bisschen gut, dass die Jobchancen in Deutschland vor allem und stärker als in manch anderem EU-Land von der Bildung abhängen?

Wenn in Deutschland vor allem gut ausgebildete Leute eingestellt werden, spricht das doch für die Qualität/Seriosität/den Ehrgeiz der Arbeitgeber hierzulande, oder nicht? Das kann ich jetzt leider nicht so ohne weiteres beweisen, aber so ein bisschen reicht in dem Falle auch mal das Gefühl aus, finde ich. Der Kausalzusammenhang zwischen Ausbildung und Job könnte, wenn man wöllte, auch konstruktive Kräfte freisetzen: Wer viel lernt, verdient viel. Oder, wie die Ösis wissen (bei denen übrigens nicht nur die produzierte Anzahl der kreativen Selbstmordmethoden höher ist als in Deutschland sondern eben auch das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner) : “Gute Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit”. (Das weiß auch die ZEIT, aber die ist sowieso häufig ein bisschen klüger als die anderen und deswegen nicht der Rede wert). Das wäre doch mal eine Meldung! Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll, der “Deutsche Traum” lebt: vom Grünflächenamtsaushilfsgärtner zum Telekom-Chef-Ablöser (aktuell stehen die Chancen dafür ja auch mal abgesehen von der Bildung nicht so schlecht) - durch das nachgeholte Abitur plus Bachelor-Kurzstudium mit achtwöchigem Aufenthalt in Singapur. Bei 46 Euro mehr BaföG ab Herbst ist das schon drin, nehm ich an. Anstatt solche Erfolgsgeschichten zu erzäheln und damit eine, nun ja, durchaus nicht komplett unbegründete postitive Stimmung zu erzeugen, schielen Spiegel Online, heute.de, FTD and much more neidisch zu unseren Partnern in der EU:

Anders als in den meisten EU-Staaten gibt es in Griechenland, Luxemburg und Portugal eine nur minimale Abhängigkeit der Jobchancen vom Bildungsniveau: Der Abstand betrug nur etwa einen Prozentpunkt. (heute.de)

Griechenland, die einstige Wiege der Philosophie, die heute als Oase der Köche und Kellner zu 70 Prozent vom Tourismus lebt (wo man im Allgemeinen bekanntlich nicht so unglaublich viel Geld verdienen kann). Griechenland, das sich durch die Bemühungen seines kleinen Nachbarns Mazedonien, in EU und NATO zu kommen, an den Eiern des früh und längst verstorbenen Alexanders (Colin Pahrell zählt nun wirklich nicht) gepackt fühlt und kindisch heulend “Skopje, das Wort heißt Skopje!” aus der Piss-Ecke der politischen Diplomatie ruft. Griechenland, das den meisten Deutschen nur im Dunstkreis von Ouzo, Gyros und Sirtaki ein Begriff ist - dieses Griechenland hat plätzlich Glück, landet in einer Studie irgendwie vorn und ist auf einmal Vorbild. Oder Protugal, das seine Arbeitslosenquote knapp unter EU-Schnittt drücken konnte, weil es einen Haufen Schwarzarbeiter statistisch als Arbeitnehmer führt - eine Praxis, die in Entwicklungsländern ganz normal, in den Industrienationen aus nicht von der Hand zu weisenden Gründen jedoch einigermaßen verpönt ist. Von Luxemburg, das zwar eigentlich ein echtes Musterland ist, allerdings noch von einem Großherzog regiert wird und mit seinem Bankensektor, der 40 Prozent der nationalen Wertschöpfung ausmacht, neulich nur haarscharf am Liechtenstein-Syndrom vorbeigeschrammt ist, will ich gar nicht erst anfangen.

Mein Wangen fühlen sich sehr heiß an inzwischen und irgendwie hab ich auch den Faden verloren. Das Gute an einem Blog ist allerdigns, dass ich, um dieses Faden-Problem zu beheben, nicht etwa das Geschriebene nochmal sorgfältig durchgehen, abwandeln und besser machen muss, sondern mit meiner verplanten Polemik kokettieren kann - auch ohne echtes Ende.

PS: Vielleicht wirkt sich das sogar positiv auf die Kommentar-Dichte aus, dann kann ich hinterher behaupten, es wäre ein bereits nach einmaliger Durchführung äußerst gelungenens Experiment zum Interaktionsverhalten von Lesern digitaler Medien gewesen.

PPS: Möglicherweise habe ich dem Text mit einer fein durchdachten Formulierung im PS sogar noch eine verflixt clevere Pointe gegeben.

Danksagung.

Ein bisschen Hochgefühl war schon heute, als ich die beiden Bücher, Hardcover-Klebebindung, schwarz mit weißer Schrift, in den Händen hielt. Nach all dem Stress - eine verwundene, aber nacherzählt sicher langweilige Geschichte - fiel mir ein, dass keine Danksagung drin steht. Einiges tut aber Not.

Ich danke Stefan. Für sein kritisch-aufmerksames Lektorat. Und dafür, dass er sich heute den ganzen Vormittag von mir hat stressen lassen. Weil plötzlich alles ganz schnell gehen musste. Weil ich meine Gedanken nicht zusammen hatte. Weil meine Hände in solchen Situationen immer schnell zu zittern anfangen. Und weil ich weiß, was das alles eigentlich für ein Glück ist.

Ich danke Frau Bretschneider. Weil sie auf mich gewartet hat, bis ich dann mal kam mit den Büchern und den Anträgen. Und weil sie meinen peinlichen Fauxpas auf Seite eins so locker nimmt.

Ich danke der Frau vom Copy-Shop. Weil sie eine Arbeit von zwei Stunden auf knapp eine eingekürzt hat. Und weil sie mir die gebrannte CD geschenkt hat, für die Bibo.

Ich danke der Frau von der Bibo. Weil sie mir erlaubt hat, die CD nachzuschicken, die ich vergaß. Und weil es “ihr in der Seele wehtat, euch das immer abzuziehen.” Sie meinte angelaufene Mahngebühren für nicht rechtzeitig abgegebene Bücher, von denen sie mir ein gutes Stück erlassen hat.

Ich danke dem Hartz-IV-Empfänger, der sich und sein Sternburg gestern neben mich auf die Parkbank setze, skeptisch auf meine ZEIT Campus schaute und sprach: “Ich will nicht wissen wie alt Sie sind. Aber ich hab mit 13 schon im Wald Rinde von den Bäumen geschält.” Ich danke ihm deswegen, weil er natürlich recht hat: Es ist ein Privileg, sich einer Langzeitadoloszenz der Selbstfindung, Menschwerdung und der nur latenten Neigung zum Studieren hingeben zu können.

Ich danke der Fußball-EM. Weil sie mir vier Wochen lang Ausreden verschafft hat.

Ich danke meinem Schweinehund. Weil er sich am Ende doch überraschend schnell mit einem einfachen Stöckchen-Trick überlisten lies.

Ich danke den Olympischen Spielen. Weil sie erst jetzt stattfinden.

Ich danke mir. Weil ich mich autodiktaktisch durch die Kapitel “Wissenschaftliches Arbeiten”, “Konzentration” und “Geistige Ausdauer” gequält habe.

Ich danke der Hochschule Mittweida. Weil sie das nötig gemacht hat.

Ich danke dem Wissensdurst. Weil er das möglich gemacht hat.

… die der Begrenztheit meiner geistigen Lesitungsfähigkeit und der völligen CPU-Auslastung im Hirn geschuldet ist, hier ein paar Sachen zum Stichwort “Mittweida” (jaaa, hatten wir lange nicht):

Ein Video. (Kannte ich nicht, fand ich sehr gut gemacht. Und amüsant. Nein, kein Wehmut)

Noch ein Video. (Witzig!)

Ein Link. (unkommentiert)

PS.: 65 Seiten. So dick ist meine Bachelor-Arbeit. 65 fertige Seiten. Brain-Death? (Nein, immer noch kein Wehmut, aber saufen wär’ nicht schlecht, Kinder. Ich mach nur noch so Erwachsenen-Kram. Ich weiß natürlich, dass das kommen musste, das gehört doch dazu, Mensch! und überhaupt - es ist schon in Ordnung: ich hatte es mir aber schöner ausgemalt.)

Der ist heute schon sehr früh gefallen, in einem Leserbrief, abgedruckt in der Sächsischen Zeitung.

“Eine Stadt am Fluss hat Brücken, die sind dort ganz normal.”

Hat mich sehr erheitert, in seiner Schlichtheit.

Ich habe Angst davor, in zehn bis 20 Jahren ein sehr hässlicher Mensch zu sein. Mit glasiger Haut, Augenhöhlen so groß wie Tennisbällen und brüchigen Fingernägeln. Ich befürchte nicht, aus Gründen der Überarbeitung und Abmattung so auszusehen, denn erstens werde ich irgendwann meine Bachelor-Arbeit geschrieben und einfach nur noch einen Job haben und zweitens mag ich es, beschäftigt zu sein. Ich langweile mich schnell. Was mir Sorgen macht, ist meine Unfähigkeit zur Regeneration. Ich habe wieder angefangen, meine Kiefer nachts aufeinander zu pressen, als müsste ich meinen Zahnabdruck in Stahlplatten stanzen. Morgens (So etwa zwei Stunden bevor ich aufstehen müsste. Also mitten in der Nacht.) wache ich dann mit Schmerzen zwischen Ohrläppchen und Kinn auf und denke nach. Ich denke an nichts bestimmtes – Himmel, was wäre es für ein Segen zu denken: „Du musst noch Fakten zur Kriminalität Sachsens im Ländevergleich recherchieren“ oder „Unter Punkt 2.1.3 musst du noch die Gedanken über die Kinder von Opaschowskis Medienrevolution einfügen“. Stattdessen fahre ich in einer kafkaesken Gedankenendlosschleife meinen PC hoch, blättere in Büchern oder telefoniere. Wie in Trance bin ich weder fähig, die Gedanken mit Leben zu füllen noch zu schlafen. Irgendwann schaffe ich es dann doch, um mich zehn Minuten später vom Weckerklingeln vor den Spiegel zwingen zu lassen – ein Bild, bei dem jedem meine Angst klar werden würde.

Nun frage ich euch, ihr Gelassenen, euch, denen die ganze Zeit die Sonne aus dem Arsch zu scheinen scheint, denen scheinbar regelmäßig Strohballen durch einen wohltuenden und von mir herbeigesehnten Leerraum zwischen Ohr und Ohr fliegen: Wie macht ihr das? Nicht, dass ich nicht auch gelassen wäre – schlagen um mich Raketen ein, rutscht einer meiner Schreibtischstuhlrollen in einen der Krater, hol ich noch nicht mal den Verbandskasten. Ist der Angriff aber längst vorbei, hallt das Pfeifen der Raketen lauter in meinen Ohren nach, als es im Original tatsächlich war. Wenn mich jemand fragt, wies mit der Arbeit läuft sage ich: „Super, ich habe viel geschafft.“ oder „Ich komme gut voran“. Nicht allein deswegen, weil es stimmt, sondern auch weil ich mir irgendwie Gelassenheit zusammenklauben muss, die ich eigentlich nicht habe. Nicht morgens um fünf. Also, wie macht ihr das?

Die vergangenen paar Tage, im Schwarzwald, zum Zwecke, das nicht ganz so schlechte Abitur meines Bruders zu feiern. Ich habe Souvenirs mitgebracht:

  1. Stolz: Kevin ist der Beste. So oder so.
  2. Erkenntnis I: Wenn man sich den Abiturjahrgang der Schule meines Bruders anschaut, muss man sich wenig Sorgen um die Zukunft machen. Die Zukunft von was - das ist mir noch nicht ganz klar. Begriffe wie “Deutschlands”, “des Geistes”, “des lebensfähigen Menschen an sich” verschwimmen zwischen Bildern von Komasaufen, Jugendlichen mit Handyspeakern und Jamba-Sparabo, Menschen mit Einstellungen, die jedes Existenzrecht schuldig bleiben und diversen Profilseiten von einigen Persönchen, die mit mir Abitur gemacht haben. Oder letztlich auch nicht, ich will mich nicht an Einzelheiten erinnern.
  3. Erkenntnis II: Wandern ist tatsächlich eine herrliche Angegelegenheit. Ich hatte nur wenige eifrig zusammegeklaubte und eifersüchtig verteidigte Stunden Zeit, um mich im erst noch herrlich vernebelten und dann wunderbar sonnigen Hochschwarzwald daran zu erinnern, wie sich Stille anhört.
  4. Zweifel: Der ist ja sowieso mein stetiger, niemals betrunkener, niemals müder und mit einem brillianten Geist ausgestatter Begleiter. Es geht ihm besonders gut zur Zeit.
  5. Ein an Egozentrik und Selbstreferenz hingeschenkter Tag: Überraschend habe ich mir doch einen weiteren Tag außerhalb des Zentrums der Macht gegönnt. Und ihn der Produktivität gewidmet. Herausgekommen ist ein an der eigenen Schwäche und den nimmermüden Synapsen im Negativ-Zentrum meines Hirns gescheiterter Wille zur Produktivität.
  6. Für den treuen Leser: Ich habe die statischen Seiten dieses Blogs ein wenig überarbeitet. Möglicherweise eine abstruse und von schwelender Umnachtung hervorgebrachte Momentaufnahme, möglicherweise das Einzige, was man wirklich über dieses Blog sagen kann.

Ich bin übrigens wieder da.